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Walt Disneys Bambi ist einer der wohl schönsten und zu Herzen gehendsten Zeichentrick-Spielfilme aus den Studioos des Meisters der Animation. Insgesamt fünfmal begeisterte der Klassiker sein Publikum in Deutschland in den Kinos. Im Jahre 1950 (USA-Premiere 1942) mit überwältigendem Erfolg uraufgeführt, lockte Bambi auch während der Wiederaufführungen 1964, 1973, 1983 und zuletzt im Juni 1993 zahllose große und kleine Zeichentrick-Freunde in die Kinos. Allein in Deutschland erlebten bisher über fünf Millionen Zuschauer aller Altersgruppen das unter die Haut gehende Abenteuer von Bambi, dem frechen Kaninchen Klopfer, dem schüchternen Stinktier Blume und der schönen Rehdame Feline.
Als literarische Vorlage für diesen Film diente der Tierroman "Bambi - Eine Tiergeschichte aus dem Walde" des Österreichers Felix Salten. "Das wird ein würdiger Nachfolger für 'Schneewittchen und die sieben Zwerge'", entschied Walt Disney 1935, nachdem er mit Begeisterung den Roman "Bambi" gelesen hatte. dass er aus dem bewegenden Tier-Roman seinen zweiten Zeichentrickfilm in voller Spielfilmlänge machen wollte, hatte sich der Meister fest in den Kopf gesetzt. Doch so einfach war die Umsetzung dieser Pläne nicht, denn MGM-Star-Regisseur Sidney Franklin ("The Good Earth", "Private Lives") war schneller gewesen. Er hatte bereits die Filmrechte für "Bambi" erworben, um aus dem Stoff einen Realfilm zu drehen. Disney schreckte das nicht. In zähen Verhandlungen gelang es ihm, Franklin von seinen Plänen zu überzeugen.
Und nicht nur das - der MGM-Direktor fungierte sogar als Berater für Disneys "Bambi". Eine glückliche Fügung, denn Disneys und Franklins unterschiedliche Auffassungen über die Umsetzung des Stoffes verschmolzen so zu einer perfekten Einheit: Franklin hatte Schönheit, Größe und Poesie des Buches erkannt und wollte dies so wirklichkeitsnah wie möglich auf die Leinwand bringen. Disney betrachtete dagegen die Story als wunderbar unterhaltsam und hatte nicht die Absicht, aus Bambi einen Real-Film zu machen. Aus beiden Vorstellungen zusammen wurde so ein sehr wirklichkeitsgetreuer Zeichentrickfilm.
Walt Disney sollte diesen Entschluß nicht bereuen. Bambi ist heute einer seiner erfolgreichsten Klassiker. Mit einer Widmung zu Beginn des Zeichentrick-Meisterwerkes bedankte sich Disney bei Sidney Franklin für die "inspirierende Zusammerarbeit".
Aufwendig wie bisher bei keinem anderen Disney-Projekt gestalteten sich dann die Vorbereitungsarbeiten zu Bambi. In über fünfjähriger Arbeit zauberten Walt Disneys Top-Zeichner, unter ihnen Mitglieder der legendären "Nine Old Men", Frank Thomas, Ollie Johnsston, Eric Larson, Milt Kahl und Marc Davis, und über fünfhundert Mitarbeiter einen der ergreifendsten Zeichentrickfilme der Kinogeschichte. Allein drei Jahre brauchten Walt Disney und seine Crew, um das Drehbuch für "Bambi" fertigzustellen. Nachdem Story, Musik und "Darsteller" konzipiert und entwickelt waren, dauerte der Zeichenprozeß weitere zwei Jahre. In der Zwischenzeit waren zwei andere Zeichentrick-Spielfilme, "Pinocchio" (1940) und "Fantasia" (1941) fertiggestellt worden.
Die lange Arbeitszeit erklärt sich u. a. durch die sich von anderen filmischen Arbeiten des Zeichentrik-Meisters unterscheidende Konzeption. Im Gegensatz zu anderen Werken legte Disney bei Bambi Wert auf eine realistische, nicht "cartoonhafte" Darstellung der Zeichentrick-Tiere. "Für diesen Film mußte ich meine Zeichner noch einmal auf die Schulbank setzen. Sie mußten so viel über die Anatomie und die Bewegungen von Tieren lernen - so vieles, was man auf einer herkömmlichen Kunstschule nicht lernt", erinnerte sich Disney einmal in einem Interview. Nachhilfestunden gab Rico Le Brun, einer der wohl angesehensten Tier-Textbuchzeichner. Er richtete einen vollständigen kleinen Zoo für die Disney-Animatoren ein.
Um die vierbeinigen Zeichentrick-Charaktere absolut glaubhaft und lebensecht zu machen, sollten auch ihre Verhaltensweisen den Llbenden Vorbildern so nahe wie möglich kommen und wurden deshalb genauestens studiert. Animator Marc Davis über die Vorgehensweise: "Ich nahm beispielsweise ein Buch über das Verhalten von Kleinkindern zur Hand und begann damit, Verhaltensweisen von Babys auf die einzelnen Tiere zu übertragen. Dies erwies sich als sehr hilfreich." Selten wurden gezeichnete Tierbabys so liebevoll zum Leben erweckt.
Von Anfang an war die glaubhafte Übertragung einer Persönlichkeit auf die Waldtiere eine von Walt Disneys größten Sorgen. Im Gegensatz zu den oft an Cartoon-Tierfiguren erinnernden Charaktere aus "Pinocchio", mußte in Bambi anders gearbeitet werden, mußten sprechende Tiere "natürlicher" aussehen. Die Animatoren lösten das Problem, in dem sie zum einen die Film-Dialoge auf ein nur 900 Worte umfassendes Script reduzierten. Wenn die Tiere ihren "Mund" bewegten, wurde außerdem streng darauf geachtet, dass die Bewegungsabläufe an wirkliche Tiergesten erinnerten. Die meisten Dialoge werden deshalb von den Hasen, dem Stinktier Blume und der mürrische Eule gesprochen, deren Mäuler der Struktur menschlicher Münder nahekommen. Bei Charakteren, deren Bewegungen unnatürlich wirken würden, wie beispielsweise beim "Großen Prinz", griffen Disneys Zeichner zu einem Trick: Sie verdunkelten das Maul durch Schnee oder Dunst.
Ein weiteres Beispiel für Walt Disneys Liebe zum Detail: Um die geheimnisvolle Waldheimet von Bambi so realistisch und eindrucksvoll wie möglich zu gestalten, wurde der Künstler Maurice "Jack" Day auf eine fünfmonatige Feldstudie durch die fast unberührten Wälder von Maine, USA, geschickt. Die Strapaze lohnte sich. Days Ausbeute - zahllose Fotos, Skizzen und Filmausschnitte, die die Schönheit des Waldes im Wechsel der Jahreszeiten dokumentierten - wurde nicht nur zur Vorlage für mehr als 450 Hintergrund-Einstellungen in Bambi. Days einzigartiges Material diente später als Ausgangspunkt für Disneys preisgekrönte Serie "True-Life Adventures".
Um sich einer unter die Haut gehenden Wald-Atmosphäre ganz sicher zu sein, zog Disney außerdem einen anderen Meister seines Faches zu Rate: den Chinesen Tyrus "Ty" Wong. Wongs poetischer Zeichenstil hatte entscheidenden Einfluß auf die Inszenierung von Bambi, die beeindruckenden Hintergründe und die unvergleichliche Farbbildersprache. Eindrucksvolle Beispiele für Wongs Zeichenkunst sind die farblich kraftvolle, sehr stilisierte Kampfszene zwischen Bambi und seinem Rivalen Romeo sowie eine Sequenz, die den beginnenden Herbst durch leuchtend-bunte, vor der Kamera herumschwirrende Blätter ankündigt. Disneys ursprünglich für "Fantasia" konzipierte Multiplan-Kamera tat mit eindrucksvollen dreidimensionalen Aufnahmen ein Übriges, um Bambis Welt zum Leben zu erwecken.
Eine weitere große Aufgabe für Disneys Team war die Filmmusik: Da in Bambi der Dialog bewußt auf ein Minimum reduziert worden war, mußte nicht nur die Sprache der Bilder, sondern auch die Musik um so wirkungsvoller sein. Frank Churchill und Edward Plumb, Disney-Komponisten erster Güte, faßten nicht nur gekonnt die Stimmung des Waldes und die Persönlichkeit der verschiedenen Tierfiguren in Noten. Aus ihrer Feder stammen außerdem die sich einfühlsam in die Handlung integrierenden vier Lieder. Das musikalische Thema des Films, "Love Is A Song (That Never Ends)", deutscher Titel "Liebe ist mehr als nur ein Wort - Liebe kennt keine Grenzen", schrieb Churchill gemeinsam mit Larry Morey ("Schneewittchen und die sieben Zwerge").
Nicht nur Disney bezeichnete Bambi stets als seinen persönlichen Lieblingsfilm. Auch die Künstler, die an dem Meisterwerk mitgewirkt haben, erinnern sich noch heute gern an den Pioniergeist, die Kameradschaft und die kreative Atmosphäre im Bambi-Team.
"Das war der glaubwürdigste Film, den wir je gemacht haben", blickte Chef-Animator Ollie Johnston einmal zurück. "Die anderen Filme waren eine andere Art von Unterhaltung, weil sie komischer und ausgelassener waren. Dieser Film hatte aber u. a. die ständige Gefahr für diese Tiere zum Thema und verlangte deshalb mehr Ernsthaftigkeit." Animator Marc Davis erinnert sich dagegen mit Vorliebe an die komischen Elemente des Films, so z. B. an die von ihm erdachte Szene, in der sich Stinktier Blume verliebt. "Das war das größte Gelächter, das ich je in einem Kino gehört habe", beschreibt er die Reaktion des Premierenpublikums. "Für mich war das der schönste Moment meiner Karriere. Ich war zu Tränen gerührt."
Bambi ist auf diese Weise ein Disney-Klassiker geworden, der unter die Haut und ins Herz geht. Eine Geschichte die mitreißt - und die das Erwachsen werden vielleicht ein klein wenig leichter macht. Ein Meisterwerk der Zeichentrickkunst, das seit Generationen fasziniert. Und eine abenteuerliche Entdeckungsreise in die Wunderwelt des Waldes, die keiner verpassen sollte.
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