Produktionsnotizen zu 2001: Odyssee im Weltraum
Roger Caras, später bei "2001" für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, schickte Arthur C. Clarke ein Telegramm an dessen Adresse auf Ceylon/Sri Lanka: "STANLEY KUBRICK - DR. SELTSAM, WEGE DES RUHMS USW., INTERESSIERT AN FILMPROJEKT ÜBER ET'S. AN IHNEN INTERESSIERT. SIND SIE INTERESSIERT? ER HIELT SIE FÜR EINSIEDLER."

Clarke beantwortete das Telegramm sofort: "ÄUSSERST INTERESSIERT, MIT DEM ENFANT TERRIBLE ZU ARBEITEN. BITTE MEINEN AGENTEN KONTAKTIEREN. WIESO GLAUBT KUBRICK, ICH SEI EINSIEDLER?" Szenenfoto Am 22. April 1965 trafen sich Stanley Kubrick und Arthur C. Clarke zum ersten Mal in New York City im Trader Vic's. Kubrick trug sich mit der Idee, einen Film über das Verhältnis des Menschen zum Universum zu machen. Die Idee war schon eine ganze Zeit lang in ihm gewachsen, und er setzte sich in den Kopf, sein Publikum zu verblüffen, in Staunen zu versetzen und auch zu erschrecken, wie es noch niemand zuvor versucht hatte. Deswegen führte kein Weg an Clarke vorbei: Er war nicht nur wissenschaftlich umfassend gebildet, er gehörte auch zu den führenden Science-Fiction-Schriftstellern. Clarke war bereit mitzumachen, und obwohl ihre Zusammenarbeit äußerst stürmisch verlief, waren die beiden doch die perfekten Partner, gemeinsam konnten sie sich dem großen Fragezeichen "Zukunft" nähern.

Obwohl Clarke und Kubrick auch nach den Dreharbeiten zu "2001" Freunde blieben, beschreibt Clarke in seinem Buch "The Lost Worlds of 2001" (2001 - Aufbruch zu verlorenen Welten) die Teamarbeit mit Kubrick als gleichzeitig sehr ergiebig und frustrierend. "Er hat mir immer wieder Mut gemacht (den ich nötig brauchte), indem er Textpassagen, die ich gerade geliefert hatte, mit uneingeschränktem Lob überschüttete; aber innerhalb weniger Tage fand er mehr und mehr daran auszusetzen, bis das ganze Ding langsam weggehobelt wurde. Dies war natürlich Teil seiner unermüdlichen Bemühungen, etwas Vollkommenes zu schaffen. Das provozierte mich oft dazu, den Aphorismus zu zitieren: ,Kein Kunstwerk ist je abgeschlossen, es wird höchstens aufgegeben?? Aber ich bewunderte seine Hartnäckigkeit, auch wenn ich mir wünschte, sie hätte sich nicht gegen mich gerichtet."

Szenenfoto Anfangs wies Kubrick Clarke darauf hin, dass die meisten Filme jener Zeit nach bereits vorhandenen Romanen entstanden sind - meistens waren das Bestseller, die auch den Kinokassenerfolg garantierten. Ganz unorthodox schlug er vor, dass sie die Fronarbeit des Drehbuchschreibens vorläufig aufschieben sollten - stattdessen wollten sie zunächst ihrer Fantasie freien Lauf lassen und aus ihrer Story einen kompletten Roman entwickeln. Kubrick war fest davon überzeugt, dass man sich anhand eines Drehbuchs nur höchst ungenügend über visuelle und emotionale Einzelheiten verständigen konnte. Clarke erklärte sich einverstanden und übertrug Kubrick die Filmrechte an seiner Kurzgeschichte "The Sentinel" als Ausgangspunkt ihrer Arbeit.

Theoretisch wollten sie beim Verfassen des Romans immer die Verfilmung im Auge behalten, dann sollte das Drehbuch aus dem Roman entstehen. In der Praxis lief das Verfahren laut Clarkes Bericht sehr viel komplexer ab: "Gegen Ende schrieben wir den Roman und das Drehbuch gleichzeitig und beeinflussten uns gegenseitig. Teile des Romans wurden umgearbeitet, indem wir Änderungen des Drehbuchs übernahmen, die wiederum aus früheren Versionen des Romans stammten? usw." Die Verwandlung von "The Sentinel" in den fertigen Roman dauerte zwei Jahre. Einmal rechnete Kubrick vor, dass er und Clarke täglich durchschnittlich vier Stunden an sechs Wochentagen in diesen Schreibprozess investiert hatten (das bedeutet etwa 2400 Arbeitsstunden für 100 Filmminuten). Sogar noch während der Dreharbeiten verwendete Kubrick viel Freizeit für die Überarbeitung der Story. Dabei saß er in einem blauen Wohnwagen, der einst als Garderobe für Deborah Kerr gedient hatte - den parkte er direkt am Set.

Szenenfoto Kubrick hatte ein unbestechliches, präzises Auge für Details. Während der Arbeit am Text las er jedes greifbare Buch über Raumfahrt, er schleppte Clarke in jeden verfügbaren Science-Fiction-Film, verglich die Handlungsstränge und nahm die Spezialeffekte unter die Lupe. Nicht die kleinste Einzelheit ließ er sich bei den Dreharbeiten entgehen. Eines Tages entschloss er sich, seine Einfälle in kleinen Notizheften festzuhalten, und zu diesem Zweck bestellte er bei einem bekannten Papierlieferanten Probeexemplare aller Notizblöcke und Hefte in dessen Angebot - da konnte er unter etwa 100 Varianten die passende aussuchen.

Der ursprüngliche Plan las sich sehr optimistisch: Zwölf Wochen für das Schreiben des Drehbuchs, zwei Wochen Diskussion darüber, vier Wochen für die Überarbeitung, vier Wochen, um den Filmvertrag auszuhandeln, vier Wochen für visuelle Effekte und die Vorbereitung der Ausstattung, 20 Drehwochen und 20 Wochen im Schneideraum. Dann blieben noch zwölf Wochen bis zum geplanten Premierentermin - insgesamt also fast zwei Jahre Arbeit. Tatsächlich dauerte es vier Jahre, bis der Film fertig war.

Der ursprüngliche 2001: Odyssee im Weltraum in der Pressemitteilung von 1965 lautete "JOURNEY BEYOND THE STARS", dort wurde als Starttermin 1966 angegeben. Weder Kubrick noch MGM (das Produktionsstudio) ahnten, dass Ed White am 3. Juni 1965 als erster Amerikaner im All einen Ausflug außerhalb seiner Raumkapsel unternehmen würde. Die Sonde "Mariner IV" flog am 14. Juni in 10.000 km Entfernung am Mars vorbei und funkte 22 Fotos zur Erde zurück. Unvorstellbar auch, dass Kubrick selbst sich später bei der Lloyds-Versicherung in London tatsächlich nach dem Preis einer Police erkundigen würde, die ihn gegen die Entdeckung von Marsmenschen vor der Premiere des Films 1968 absichern sollte.

Vorbereitungen: "Es gibt nichts, was wir nicht geschafft oder von vornherein ausgeschlossen haben. Stanley sagte einfach: ,Wenn du es beschreiben kannst, kann ich es auch filmen.?" - Arthur C. Clarke in Newsweek Szenenfoto Als die Story langsam an Kontur gewann, wurde es Zeit für Kubrick, an die filmische Umsetzung zu denken. Niemand hatte eine genaue Vorstellung davon, wie Raumschiffe im Jahr 2001 aussehen und funktionieren würden, und Kubrick ruhte nicht eher, als bis er absoluten Realismus garantieren konnte. Er setzte sich zum Ziel, jede Szene mit der größtmöglichen Authentizität umzusetzen - in Abstimmung mit alle Thesen, die Physiker und Astronomen damals formulierten.

Ende Januar 1965 befand sich eine kleine Gruppe prominenter Raumfahrt-Autoren, -wissenschaftler und -forscher zufällig gleichzeitig in New York City, darunter auch Harry HK Lange und Frederick Ordway. Lange hatte früher zum Stab der NASA gehört und an Konzepten für Raumschiffe gearbeitet; er war ein hervorragender Zeichner und Maler, der sich mit den streng geheimen Details der Antriebssysteme, Radarsteuerung und Ankopplungstechniken auskannte. Seine Aufgabe bei der NASA bestand darin, die ungeborenen Ideen für die Raumschiffkonzepte buchstäblich in Bilder umzusetzen, damit die NASA ihre Ideen der Öffentlichkeit vorstellen konnte. Ordway gehörte nicht nur zu den führenden Köpfen der NASA, er hatte auch eine glückliche Hand in der Öffentlichkeitsarbeit.

Bei einem Drink im Harvard Club erzählte Clarke seinen NASA-Freunden Lange und Ordway von dem jungen und begabten Regisseur Stanley Kubrick, mit dem er an einem Film arbeitete, den sie beide zum Nonplusultra des Weltraumgenres machen wollten - alle folgenden Filme sollten sich daran messen: ein Porträt des gigantischen irdischen Kosmos der Menschheit, die sich mit der Unendlichkeit des Universums auseinander setzt. "Das ist ja ein Zufall", antworteten sie Clarke. Es ergab sich, dass die beiden gerade an einem Buch über ebendieses Thema arbeiteten.

Noch bevor Lange und Ordway vor dem Harvard Club in ihr Taxi steigen konnten, rief ein Angestellter sie zurück: Drinnen wurden sie am Telefon verlangt. Das war Kubrick, der Ordway und Lange anbot, an "2001" mitzuarbeiten. Ordway sollte als technischer Chefberater einsteigen und Lange zusammen mit Tony Masters das Produktionsdesign übernehmen, um jene visionären Sets zu bauen, die Filmgeschichte machen sollten.

Szenenfoto Ordway ging ans Werk und sicherte sich die Mitarbeit von NASA, IBM, Boeing, dem Telefonkonzern Bell Telephone und dem Militär-flugzeug-Konstrukteur Grumman. Dies sind nur die wichtigsten Konzerne, die endlose Mengen von Forschungsergebnissen und Unterlagen zur Verfügung stellten. Dadurch bekam Kubrick erst recht Appetit auf immer neue Details. Ihn interessierte einfach alles: Welche Art Treibstoff wird ein Raumschiff auf interplanetaren Reisen verwenden? Wie groß mußs die Schüssel seiner Funkantenne sein? Wie werden die Astronauten essen und schlafen? Welche Art Pyjamas werden sie tragen? Alle beteiligten Firmen waren mit dem filmischen Resultat zufrieden - außer IBM, denn ein Dechiffrierexperte merkte, dass der Name des mörderischen Computergehirns im Raumschiff, HAL, aus einer Zeichensequenz bestand, die - jeweils um nur einen Buchstaben versetzt - der Abkürzung IBM entsprach.

Übrigens stellt HALs gewalttätige Reaktion das einzige konventionell-dramatische Element im gesamten Film dar. Nach ersten Aufnahmen in Manhattan zog das Filmteam in das geräumige Studio in Borehamwood nördlich von London um. 20 tonnenschwere Lastwagenladungen voller Forschungsunterlagen wurde mit der "S.S. France" verschifft und dem Team der Special-Effects-Experten übergeben: Wally Veevers, Con Pederson und den bei MGM angestellten Tom Howard. Tony Masters überwachte die überwältigenden Studiobauten, während Harry Lange seine Ideen in dreidimensionale Modelle umsetzte, die man filmen konnte. Viele Ideen des "2001"-Teams entsprangen reiner Spekulation - sie orientierten sich allerdings an den damals bekannten Realitäten.

Es gab derart erbitterte Diskussionen darüber, wie wichtig oder realistisch bestimmte Entwürfe waren, dass sogar Kubrick, der wahrlich pedantisch auf jedes Detail achtete, seine hitzköpfigen Experten manches Mal daran erinnern mußste, dass es doch nur um einen Film ging. In der intensivsten Bauphase waren 103 Modellbauer an den verschiedenen Sets beschäftigt, die zusammen das Raumschiff "Discovery" ergeben sollten. Zum Stab gehörten Bootsbauer, Architekturstudenten, bildende Künstler, Bildhauer, Grafiker und Metallarbeiter. Kubrick nannte sein Reich gern "Werkstatt des Weihnachtsmannes", doch die Fluktuation der Angestellten war hoch, denn viele Mitwirkende schafften es nicht, den hohen Anforderungen der Verantwortlichen zu genügen.

Szenenfoto Das "2001"-Team schuftete in einem Vakuum, während in einer Parallelwelt die NASA mit demselben Thema ernst machte. Mitte der 60er Jahre verwendete man auf Cape Kennedy alle Energie darauf, Raumkapseln von nur ein paar Tonnen Gewicht in eine niedrigen Orbit zu schießen, während Kubrick wissen wollte, wie man eine Mannschaft im nächsten Jahrhundert auf der Jupiter-Umlaufbahn am Leben erhalten kann. Ähnlich wie ihre Freunde bei der NASA stürzten sich die Filmer derart in ihre Arbeit, dass ihnen die aktuellen Themen der Zeit - Vietnam, Martin Luther King Jr., die Hippies - völlig abstrakt und unendlich weit entfernt vorkamen. Das ging so weit, dass einer der führenden Männer bei der NASA, George Mueller, vom "2001"-Studio als "NASA Ost" sprach.

Kubrick glaubte fest daran, dass er nicht das kleinste Detail vernachlässigen durfte, wenn sein Film auf technischer Ebene überzeugen sollte. Mit entsprechender Sorgfalt fertigte man die Affenkostüme, die er für ebenso wichtig hielt - bisher hatten ihn Schauspieler als Affendarsteller noch nie überzeugt. Als Primaten engagierte man Tänzer mit extrem schmalen Hüften, denn sie durften in den dicken Fellen nicht korpulent wirken. Auf dem Kopf trugen sie komplizierte Gesichtsmasken, in denen die Darsteller kleine Kippschalter mit der Zunge bewegen konnten.

An jedem neuen Teilziel der Astronauten taucht im Film der berüchtigte schwarze Monolith auf. Um ihm Form zu geben, schnitt man Steinquader zurecht, polierte und filmte sie - doch sie sahen immer nur aus wie polierte Steine. Es fehlte das gewisse Etwas. Schließlich einigte man sich auf einen Monolith aus Holz, der mit einer Kombination aus Farbe und Bleistiftgrafit lackiert wurde. Mehrfach wurde der Stein abgeschliffen und wieder neu übergestrichen, bis er so dunkel zu leuchten begann, wie er im Film erscheint. Den Stein auch nur zu berühren galt am Set als Kapitalverbrechen. In den Drehpausen wurde er zum Schutz mit zahlreichen Schichten aus Watte und Plastikplanen abgedeckt.

Produktion / Spezialeffekte Den Luxus der Computertechnologie kannte man in der Filmbranche damals noch nicht. Deshalb forderte Kubrick seine eigene Fantasie und die seiner Mitstreiter bis zum Anschlag, um jenen Realismus, der ihm für seinen Film vorschwebte, in Bilder umzusetzen. Sie entwickelten Pioniertechniken, die der Filmindustrie eine neue Richtung wiesen und das Science-Fiction-Genre grundlegend umkrempelten - praktisch wurde damals jener Filmtechnologie der Weg geebnet, die uns heute selbstverständlich scheint.

Szenenfoto In der Sequenz "Aufbruch der Menschheit" sehen wir affenähnliche Urmenschen vor einem natürlich wirkenden Hintergrund agieren. Dabei setzten Kubrick und sein Team im Studio ein Frontprojektionssystem ein, wie es in dieser Größenordnung noch nie da gewesen war. Der Vorteil lag in der Vermeidung kostspieliger Außenaufnahmen, ohne dass man auf den epischen Maßstab des Films verzichten mußste.

Bei den neu entwickelten Effekten scheute man keine Mühe - dies garantierte Bilder, die wie "die erste Generation" wirken, also nicht x-fach kopiert, wie das bislang bei Trickaufnahmen nicht zu vermeiden war: Auch die tricktechnisch komplexen Szenen wirken ungewöhnlich scharf, klar und ohne Körnigkeit - diesen ästhetischen Anspruch halten wir heute im Zeitalter der Computer-Postproduction für selbstverständlich.

Eine weitere unglaubliche Leistung bestand im Konzept und in der Konstruktion des eigentlichen Raumschiffs "Discovery". 1965 waren viele Raumfahrt-Designer überzeugt, dass die Schwerelosigkeit zwar irgendwie Spaß machte und ihre mythischen Geheimnisse barg, doch im Jahr 2001 würde es höchstwahrscheinlich irgendeine künstliche Schwerkraft geben, die den Raumfahrern das Leben erleichterte. Kubrick akzeptierte diese Idee und engagierte die Vickers Engineering Group, die ihm eine Zentrifuge, eine Art Riesenrad von 12 Meter Durchmesser, originalgroß im Studio aufbaute - zum Preis von 750.000 Dollar. Durch ihre Eigendrehung sorgte die große Trommel in ihrem Innern für künstliche Schwerkraft an Bord der "Discovery". Das gewaltige Set rotierte mit fünf Stundenkilometern und war mit TV-Kameras bestückt, so dass Kubrick auch von draußen Regie führen konnte.

Douglas Trumbull, Leiter der Special Effects bei "2001", berichtet von den gravierenden Problemen, die sich daraus ergaben, dass die ständig neu auftauchenden Ideen, Einstellungen und Änderungen kaum in einen sinnvollen Arbeitsablauf integriert werden konnten. Um den gewaltigen Informationsstrom zu kanalisieren, richtete man einen "Kontrollraum" ein: Dort stapelten sich all die Papiere, Drehpläne, Diagramme, Tagesanweisungen und Stechkarten, die die Produktion hervorbrachte. In dem Raum war eine mehrköpfige Mannschaft ständig in Bereitschaft. Ein halbes Dutzend Kameras war gleichzeitig im Einsatz, an manchen wurde in 24-Stunden-Schichten gearbeitet, in vielen Fällen drehte man unterschiedliche Einstellungen zur selben Szene simultan - dabei nicht den Faden zu verlieren war, gelinde gesagt, recht schwierig. Alle Szenen waren durchnummeriert, und langsam bildete sich eine Kennzeichnung heraus, die sich an Spielzüge beim Football anlehnte. Zum Beispiel trugen alle Szenen in der Jupiter-Sequenz scherzhafte Namen wie "weiter Pass", "Anstoß" und "Fallstoß-Rückzieher".

Szenenfoto Das fertige Werk war der realistischste Raumfahrerfilm aller Zeiten. Egal welchen Standard man anlegt - "2001" wirkt auch heute noch überzeugend. Im Gegensatz zu den meisten Filmen der damaligen Zeit standen die Special Effects und die Ausstattung im Vordergrund - die Schauspieler spielten die zweite Geige. Weil die Astronauten im Film praktisch nur da sind, um uns in das gewaltige Filmkonzept einzuführen, suchte Kubrick ganz bewusst Schauspieler aus, die durch ihre Gegenwart nicht von den eigentlichen Themen des Films ablenken würden. Die nur 25 Filmminuten mit Dialogen wurden von den beiden Hauptdarstellern Keir Dullea und Gary Lockwood getragen. HAL - jener Bordcomputer in der "Discovery," der auf der Reise eine merkwürdige und gefährliche Wandlung durchmacht - sollte ursprünglich die Stimme eines britischen Darstellers bekommen, doch schließlich entschied sich Kubrick für den Amerikaner Douglas Rain.

Im Januar 1967 war Kubrick so weit, sich um die Filmmusik zu kümmern, die sein Weltall-Meisterstück perfekt untermalen würde. Er behauptete, Schallplatten praktisch aller verfügbaren modernen Kompositionen gehört zu haben, aber er suchte etwas Ungewöhnliches, Unverwechselbares, das allerdings nicht vom Bild ablenken sollte. Dann engagierte Kubrick den Filmkomponisten Alex North und bat ihn um eine Musik, die Strauß" "blauer Donau" und Mendelssohns Scherzo aus dem "Sommernachtstraum" nachempfunden sein sollte - denn diese Stücke hatte er zu Testzwecken zu den Bildern gemischt. Zunächst glaubte North, ein Traum sei wahr geworden: Er sollte die Musik zu einem Film schreiben, in dem es nur eine halbe Stunde Dialoge und keinerlei Toneffekte gab!

Alex North arbeitete Tag und Nacht, um Kubricks Termine einzuhalten. Als er sich dann eine Vorführung in New York ansah, stellte er fest, dass Kubrick zu seinen "vorläufigen" klassischen Musikstücken zurückgekehrt war, ohne ihm Bescheid zu sagen.

Als der Film fertig gestellt war, hatte Kubrick seine Vision wahr gemacht. Herb A. Lightman schrieb im Fachblatt American Cinematographer: "In größerem Zusammenhang kann man diese Produktion als hervorragendes Beispiel für die Autorentheorie des Filmemachens bezeichnen: Dieses Konzept geht von einem einzelnen Künstler aus, der im wahrsten Sinne des Wortes der Autor des Films ist."

Epilog: "Wir versuchen einen realistischen Mythos zu schaffen - und wir müssen wohl bis zum Jahr 2001 warten, um zu erfahren, ob wir das geschafft haben." - Arthur C. Clarke Szenenfoto Die erste öffentliche Vorführung von "2001: Odyssee im Weltraum" im Capitol-Kino am New Yorker Broadway war eine einzige Katastrophe. Die Zuschauer lachten über die Affen, die nachts den Mond beobachten, und am Ende während der Sternentor-Sequenz verließen sie das Kino - enttäuscht, verwirrt und in manchen Fällen sogar angeekelt. Die Kritiker verrissen den Film einhellig, und Regisseur Kubrick mußste gehörig Prügel einstecken. Die Rezensenten nannten ihn einen grandiosen Filmemacher, der sich völlig in seinen eigenen Prinzipien verzettelte. Kubrick blies zum Gegenangriff.

Einige Tage zog er sich völlig zurück, dann hörte er sich die Reaktionen an und verschwand im Schneideraum. Innerhalb kürzester Zeit schnitt er 17 Minuten aus der Uraufführungskopie. Als der Film in ausgewählten Kinos rund um die Welt anlief, mußste Kubrick Cutter anheuern und in die verschiedenen Städte schicken, wo sie an den fertigen Kopien die entsprechenden Kürzungen vornahmen, während Kubrick sich um die Anpassung des Negativs kümmerte. Der Film lief an, brachte ein solides Kassenergebnis, das sich bald sogar steigerte. Die Filmkritiker gingen noch einmal ins Kino und überprüften ihr erstes Urteil. Die Rezensionen waren sehr gemischt, Kubrick erhielt die ganze Bandbreite von Beinamen - von "Angeber" bis "Genie".

Kubrick hat einmal seinem guten Freund, dem Schriftsteller Alexander Walker, anvertraut: "Ich will nicht die Zukunft voraussagen, ich will eine Geschichte erzählen." Als man Kubrick drängte, sich zu "2001" zu äußern, lehnte er beharrlich ab, seinen Film für die Presse oder das Publikum zu interpretieren - er habe "versucht, ein visuelles Erlebnis zu schaffen, das verbales Schubladendenken vermeidet und emotional und philosophisch direkt auf das Unterbewusstsein zielt". Und weiter: "Falls '2001' überhaupt funktioniert, dann meiner Meinung nach in dem Sinne, dass er eine Menge Menschen erreicht, die sich wohl nur selten mit der Zukunft der Menschheit, mit ihrem Platz im Kosmos und ihrem Verhältnis zu höher entwickelten Lebensformen auseinander setzt."

Auf der anderen Seite zeigte sich Arthur C. Clarke unangenehm davon berührt, dass die Drogenkultur enthusiastisch auf den Film einstieg. In einem Interview mit der Free Press sagte er: "Das irritiert mich wirklich. Letzte Woche war ich auf einem Science-Fiction-Kongress, und ein wohlmeinender Besucher drückte mir ein Päckchen LSD in die Hand - aus Dankbarkeit, nehme ich an. Er glaubte wohl, dass ich bei der Arbeit an '2001' auch high gewesen bin und es für mein nächstes Projekt sicher gebrauchen könnte."

Im April 1969 gewann "2001: Odyssee im Weltraum" einen Oscar für die Spezialeffekte und drei British Film Academy Awards für die Kamera, Ausstattung und den Ton. Stanley Kubrick richtete seine Gedanken nun erstmals auf neue Projekte - vielleicht einen Film über Napoleon oder die Entwicklung einer Kurzgeschichte von Arthur Schnitzler (aus der schließlich "Eyes Wide Shut" entstand).

Ray Bradbury hat es einmal sehr treffend ausgedrückt: "Warum sehen wir uns '2001' immer wieder an? Weil uns der mögliche Sinn dahinter erlaubt, eine Achterbahnfahrt durch das gewaltigste aller Konstrukte zu unternehmen - das gesamte Universum."

Dirk Jasper FilmLexikon
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