Produktionsnotizen zu Amadeus
Das "Volkstheater" aus dem 18. Jahrhundert wird nachgebaut Jedes Detail in Amadeus sollte unbedingt der Handlungszeit entsprechen - unter dieser Prämisse wurde ein komplettes Theater des 18. Jahrhunderts mit 700 Plätzen im größten tschechischen Filmstudio nachgebaut; die Grundfläche ist größer als ein Fußballfeld. Das Konzept hielt sich eng an jenes Theater, das Mozarts Freund, der Dramatiker, Regisseur, Schauspieler, Sänger, Librettist und Komponist Emanuel Schikaneder (1751-1812) entworfen und gebaut hat - im Film wird er von Simon Callow gespielt.

In Schikaneders Volkstheater erlebte man populäre Unterhaltung, Opern und Operetten jener Zeit. Es war der lebendige und gesellige soziale Treffpunkt für Arbeiter und den unteren Mittelstand, vergleichbar den Theatern des elisabethanischen Englands. Die Besucher wurden animiert, während der Aufführungen reichlich zu essen und Bier zu trinken. Mit Ausnahme des berühmten Prager Tyl-Theaters sind praktisch alle derartigen aus Holz erbauten Theater der Mozartzeit irgendwann Feuersbrünsten zum Opfer gefallen.

Das für den Film nachgebaute Theater war Schauplatz für die Parodie-Aufführung und die Ausschnitte aus Mozarts Oper "Die Zauberflöte", die in Schikaneders Theater uraufgeführt wurde. 100 Handwerker benötigten sechs Wochen, um das Set zu errichten.

Das Tyl-Theater in Prag Den kostbarsten Schauplatz in Amadeus stellt das Tyl-Theater in Prag dar. Als die Filmemacher bei der Motivsuche erstmals diesen legendären Nationalschatz betraten, wandte sich die berühmte Choreografin Twyla Tharp (bei den Dreharbeiten zuständig für alle Tanz- und Opernszenen) an Regisseur Milos Forman und sagte: "Egal was du tun oder versprechen mußst, um hier drehen zu dürfen: Mach es einfach, denn so ein Theater finden wir sonst nirgendwo auf der Welt."

Das Tyl-Theater wurde im 18. Jahrhundert vollständig aus Holz errichtet und stellt damit heute praktisch ein Unikum dar, denn die meisten Theater dieser Art sind irgendwann abgebrannt. Das Tyl-Theater hat sich in den letzten 200 Jahren überhaupt nicht verändert, es bietet damit für die Mozart-Opern in "Amadeus" die vollkommene Kulisse, denn in genau diesem Theater stand Mozart am Dirigentenpult, als er vor zwei Jahrhunderten die Uraufführung seines "Don Giovanni" leitete.

Es war jedoch gar nicht so einfach, eine Drehgenehmigung für das Tyl-Theater zu bekommen, denn es wird in Prag immer noch als Nationaltheater genutzt - die Spielzeit dauert von September bis Juni. Also konnte das Filmteam dort nur in den Sommermonaten drehen. Aber auch dann zögerten die Theaterleitung und sogar die Bühnenarbeiter, den Filmemachern dieses Schatzkästlein zu überlassen. Die Feuerwehrleute waren so nervös, dass sie dem Filmteam das Theater nicht einfach überließen, sondern lieber selbst jedes Brandrisiko ausschlossen, indem sie in jeweils fünf Meter Abstand überall im Theater Stellung bezogen. Ihre Angst wurde noch dadurch geschürt, dass die Filmemacher die damalige Beleuchtung reproduzieren wollten: Das bedeutete elf Kronleuchter mit jeweils 120 bis 270 echten Kerzen.

Die Leuchter wogen zwischen 300 und 350 kg - man konnte sie nicht direkt an die Decke hängen, weil die Balken das Gewicht nicht ausgehalten hätten. Das technische Team setzte also eine Konstruktion aus Aluminium und Stahl auf das Dach des Theaters, vor der aus Träger durch die Fenster der Kuppel ins Innere reichten. Auf diese Weise mußste nicht ein einziger Nagel ins Gebälk des Theaters geschlagen werden. Während der Dreharbeiten kamen über 27.000 Kerzen zum Einsatz, 6.000 erleuchteten das Tyl-Theater. Die über 20 im Tyl-Theater und in Schikaneders Theater verwendeten Kronleuchter wurden speziell für "Amadeus" entworfen und gebaut.

Trotz des gewaltigen Menge Kerzen und der anfälligen Konstruktion des Theaters ereignete sich nur ein einziger Zwischenfall. Don Giovanni kam bei seinem Opernauftritt zweimal einem Kronleuchter zu nahe, und beide Male fingen die Federn an seinem Hut Feuer. Ein Feuerwehrmann rannte auf die Bühne und erstickte die Flammen, während der Kameraassistent genervt "Cut!" rief. Der Feuerwehrmann wandte sich entschuldigend zur Kamera und sagte: "Tut mir leid um die Aufnahme, aber ihr wisst ja, da konnte ich nicht still sitzen bleiben." Doch niemand, der die beiden fast ernsten Unfälle miterlebte, brachte sie mit Don Giovannis Abstieg ins Höllenfeuer in Verbindung.

Die Perücken Über 1500 Perücken kamen in Amadeus zum Einsatz, um der Mode in Mozarts Wien gerecht zu werden. Diese hohe Anzahl ist nicht erstaunlich, denn der gesamte Adel, die Dienerschaft und Amtsträger, die Geschäftsleute und andere Mitglieder des Mittelstandes trugen damals Perücken; je reicher der Besitzer, desto mehr Perücken besaß er. Die Perückenmode setzte sich in Frankreich durch, als Ludwig XIII. sie zu tragen begann, um seine Glatze zu verbergen. Laut Paul LeBlanc, der die Perücken für Amadeus schuf, dienten sie außerdem dazu, schmutziges Haar und Kopfläuse zu verdecken, wie sie damals in allen Ständen gang und gäbe waren.

Wie sehr Mozart Perücken und Bälle schätzte, ist genau überliefert, und das wird in Amadeus auch illustriert. "Als Mozart es sich leisten konnte, ließ er täglich einen Coiffeur zu sich nach Hause kommen, der ihn zum Ausgehen herrichtete", sagt LeBlanc.

Alle Hauptdarsteller in Amadeus tragen speziell für sie angefertigte Perücken, die von 21 Garderobieren betreut wurden. Allein der Entwurf und die Fertigung kosteten eine halbe Million Dollar - selten wurde bei einem Film mehr Geld für Perücken ausgegeben.

Authentische Beleuchtung mit Kronleuchtern und Kerzen Um Amadeus in authentisches Licht zu tauchen, wurden während der Dreharbeiten 27.000 Kerzen verbrannt. Allein im Prager Tyl-Theater aus dem 18. Jahrhundert, dem berühmten Nationaltheater, in dem Mozart persönlich die "Don Giovanni"-Premiere dirigierte, kamen 6000 Kerzen zum Einsatz. Im Tyl hingen elf Kronleuchter, die speziell für diesen Zweck angefertigt wurden. Sie wogen 300 bis 350 kg und fassten jeder 120 bis 270 Kerzen. 22 Lüster entstanden speziell für diesen Film. Dialekte: Der Turm zu Babel in Zentraleuropa Regisseur Milos Forman versuchte gar nicht erst, bei der Besetzung der Rollen darauf zu achten, dass alle Schauspieler mit dem gleichen Akzent sprachen. "In jedem europäischen Land finden sich erstaunlich viele regionale Dialekte", stellt er fest. "Allein im Herzen des alten österreichisch-ungarischen Reichs hörte man 140 bis 190 verschiedene Dialekte. Jedermann weiß, dass die Bayern und die Hamburger sich einfach nicht verstehen können. Aus diesem Grund haben wir die Schauspieler nicht nach ihrer Stimmfärbung ausgesucht, sondern allein nach ihrer Fähigkeit, eine Figur überzeugend darzustellen." Anmerkungen zum Drehbuch von Sir Peter Shaffer Nach der allerersten Voraufführung von Amadeus im November 1979 lernte ich Milos Forman im Londoner National Theatre kennen. Er sagte sofort, dass dieses Stück sich gut fürs Kino eignete. Er wollte Regie führen, falls ich einverstanden wäre. Und diesen Vorschlag wiederholte er hartnäckig - zwei Jahre lang.

Auf meine Frage, was er mit dem Stück vorhatte, gab er zur Antwort, dass die Verfilmung eines Theaterstücks eigentlich ein ganz eigenständiges Werk sei - eine völlig neue Umsetzung jener Ausgangsidee, die das Original hervorgebracht hatte. Ziel einer Filmversion sei es, viele verschiedene Wege zu erkunden - in der Absicht, am Ende die gleiche emotionale Quintessenz zu erreichen. Dazu müsse der Autor mit dem Regisseur eng zusammenarbeiten. Mir schien, ich könnte bei einem solchen Abenteuer weit mehr lernen als verlieren, und so begannen wir am 1. Februar 1982 unsere Zusammenarbeit.

Eine verblüffende Erfahrung. Alles in allem verbrachten wir über vier Monate in seinem Haus in Connecticut - fünf Tage in der Woche, zwölf Stunden am Tag und fast ohne andere Gesellschaft. Die vier Monate intensiver Arbeit wurden von zahllosen Zweifeln und Depressionen unterbrochen, dann aber auch wieder von plötzlichen euphorischen Durchbrüchen bei der Suche nach Varianten, mit denen wir uns der ungeheuer ergiebigen Beziehung zwischen Mozart und Salieri näherten. Von Anfang an waren wir uns einig: Die objektive Lebensgeschichte von Wolfgang Amadeus Mozart erzählen wir nicht. Das kann man gar nicht oft genug wiederholen. Natürlich sollte der Bühnen- Amadeus nie eine dokumentarische Biografie des Komponisten werden, und der Film erst recht nicht. Vielmehr ist er eine Fantasia über Themen aus Mozarts Leben.

Selbstverständlich verwenden wir eine Menge tatsächlicher und wahrer Ereignisse, die wir zum Teil neu hinzufügen: Der Film zeigt die heftigen Auseinandersetzungen zwischen dem aufmüpfigen jungen Genie und seinem hochmütigen Brotherrn, Erzbischof Colloredo von Salzburg; außerdem den katastrophalen Besuch von Papa Leopold bei seinem verheirateten Sohn in Wien; Wolfgangs Darbietung seiner Klavierkonzerte unter freiem Himmel; seine Freude am Tanzen und Billardspielen.

Aber gleichzeitig nehmen wir für uns die Freiheit des Geschichtenerzählers in Anspruch, Mozarts Geschichte mit fiktiven Elementen auszuschmücken und vor allem auf einen dramatischen Höhepunkt hinzuführen, dessen einzige Rechtfertigung darin besteht, den Zuschauer mitzureißen und ihm das Thema handgreiflich vorzuführen. Ich hoffe, dass uns das in Amadeus gelungen ist.

Für mich existieren in Salieri zwei Motivationen: zum einen sein reines Streben nach dem ewigen Absoluten in der Musik und zum anderen sein nicht einlösbares, widerwärtiges Streben nach Unsterblichkeit. Die Verbindung dieser völlig gegensätzlichen Triebe brachte uns schließlich dazu, dem Film einen Höhepunkt zu geben, der sich völlig vom Stück unterscheidet: jene eine ganze Nacht dauernde Begegnung zwischen dem sterbenden Mozart und dem geistigen Räuber Salieri, der allein von seiner irren Gier getrieben wird, ein kleines Stück göttlichen Glanzes für sich selbst zu erhaschen. Selbstverständlich hat eine solche Szene in Wirklichkeit nie stattgefunden. Aber uns ging es an dieser Stelle nicht um Tatsachen, sondern um die unumstößlichen Gesetze der Dramatik. Indem wir uns am roten Faden des Wahns unserer Hauptfigur entlangbewegten, gelangten wir schließlich zu diesem Finale.

Ich empfinde diese Szene als den grausig-konsequenten Abschluss unserer schwarzen Fantasia. Schon auf der Bühne mußste ich eine abschließende Konfrontation erfinden, die mit den historischen Tatsachen nichts zu tun hat. Ich mußste auf die Veränderung der Atmosphäre reagieren, die sich von der Aufklärung weg in den düster-gotischen Horror der Romantik verwandelt, sobald der maskierte Bote auftaucht. Ich finde, dass dieser Umstand im Film besser vorbereitet wird. Wir verwenden das Motiv der Maske nämlich im Verlauf des gesamten Films, und in gewisser Weise entspricht dies Mozarts persönlicher Faszination für Masken.

Denn schließlich handeln alle drei großartigen Da-Ponte-Libretti - "Die Hochzeit des Figaro", "Don Giovanni" und "Così fan tutte" von den dramatischen Effekten, die Maskierungen auslösen. Bei dieser Lösung gefällt mir vor allem, dass wir hier eine Szene schaffen, die filmisch sehr effektvoll ist, sich gleichzeitig aber voll auf das gar nicht visuelle zentrale Thema konzentriert, nämlich die Musik selbst. Ich bin überzeugt, dass eine Bühnenversion dieser Szene kaum halb so gut funktioniert hätte.

Die sechsmonatigen Dreharbeiten in der Tschechoslowakei waren eine harte Prüfung, aber vielleicht war diese Erfahrung in bezug auf unser Thema unvermeidlich. Prag bietet die vollkommenste Kulisse von Barock- und Rokoko Bauten, denn die Stadt wurde von der Barbarei des Kriegs und von modernen Stadtplanern weitgehend verschont. Es ist dort möglich, eine Kamera aufzustellen und sie einmal um sich selbst zu drehen, ohne in ihrem Blickfeld irgendetwas zu entdecken, was erst nach Mozarts Tod entstanden ist. Die tschechische Architektur bildet also den perfekten Hintergrund für unsere Geschichte - so wie die tschechischen Gesichter ästhetisch den perfekten Vordergrund bilden.

Die Zentraleuropäer lassen sich von historischen Kostümen nicht in Verlegenheit bringen: Auch der unbedeutendste Statist, der sich in der Fabrik einen Tag freigenommen hat, sieht in Umhang und Perücke völlig natürlich aus. Wenn man das Publikum aus Statisten beobachtet, das im Tyl-Theater die Aufführung der Mozart-Opern erlebt - jenem Theater, wo "Don Giovanni" tatsächlich uraufgeführt wurde - bekommt man das märchenhafte Gefühl, dass hier eine ganze Epoche dem Vergessen entrissen wird.

Dirk Jasper FilmLexikon
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