Erich Kocian über Waterworld

Waterworld - Glückswasser für alle

Kevin Costners Mad Max" mit Schwimmhäuten begünstigte den MCA-Verkauf an Seagram ­ Lew Wassermans Wasser-Coup

Der während der Drehzeit zu geschätzten Kosten von mindestens 175 Millionen Dollar explodierte Science Fiction-Film "Waterworld" wird vielfach als finanzielle Katastrophe betrachtet. Im ZDF sagte eine Sprecherin, Universal Pictures stehe vor der Pleite. Keineswegs. Es war eine günstige Katastrophe.

"Waterworld" müßte aus US-Kinos rund 150 Millionen Dollar, aus denen der Welt 170 Millionen bringen, um zusammen mit den Erträgen aus allen anderen Vermarktungsschienen kein Verlust zu werden (es wird auch mit weniger gehen, aber die außeramerikanischen Einspiele brachten bis Ende Oktober bereits über 100 Millionen Dollar). Fachleute halten eine außeramerikanische 150 Millionen-Kasse für möglich. (In den USA steht er in der 13. Woche bei über 86 Millionen Dollar; eine ZDF-Sprecherin kreierte den Eulenspiegelsatz: "Der Film ist ein totaler Flop, macht aber kräftig Kasse").

"Waterworld", ursprünglich als billiger "Mad Max"-Klon Roger Cormans B-Filmhaus Concorde Films vorgeschlagen, wurde von Larry Gordons (nicht mehr existenter) Largo Film für 300.000 Dollar gekauft und nach mehreren Umarbeitungen für Universal produziert.

Die vorgesehenen Kosten von unter 100 Millionen Dollar (Costner wurde mit 14 Millionen Dollar entlohnt) stiegen und stiegen. Die Budget-Sintflut nahm ihren Anfang.

Die professionellen und privaten Schwierigkeiten sind mittlerweile bekannt. Nach einer Welle negativer, aber hilfreicher Publicity über all das Ungemach lief der 135-Minuten-Film im Juli in den USA an. Hält der Ichthyologen-Mad Max durch, kann er das Ziel erreichen. Die Kritiken waren gemischt, aber nie gesehene Actionszenen, der unübliche Held Costner mit kleinen Kiemen hinter den Ohren und Schwimmhäuten an den Füßen, der gegen die von Dennis Hopper angeführten Bösewichte kämpft, wurden gelobt. Originell, dass das Filmthema schon im Universal Pictures-Logo ­ einer Weltkugel ­ graphisch angekündigt wird: die Eiskappen zerrinnen. Ein böses Omen? Nein. Nach dem Kauf von 80 Prozent MCA/Universal durch den kanadischen Getränkekonzern Seagram (Jahresumsatz 5,563 Milliarden Dollar) sind alle froh.

Der japanische Multikonzern Matsushita Electric Industrial (Jahresumsatz 1994: 820,86 Milliarden Dollar), der im Zuge japanischer Gier nach Hollywood wie Sony, Pioneer und Mitsubishi 1990 ebenfalls Miteigner der Weltfilmmetropole sein wollte und MCA für 6,6 Milliarden Dollar kaufte. Nun wurde er das unheimliche, japanischem Denken fremde Gebilde los, wenn auch nur für 5,7 Milliarden Dollar statt der zunächst geforderten sieben Milliarden. Banzai!

Der 40jährige Seagram-Inhaber Edgar Bronfman jr., weil er seinen Hollywoodmogul-Wunschtraum erfüllt sah, und wegen des günstigen Preises. Prost!

Schließlich auch die MCA-Spitze mit der legendären Leitfigur, dem 81jährigen Vorsitzenden Lew Wasserman. Es herrscht Freude über die Trennung von den konservativen Japanern, die Wasserman an nötigen strategischen Investitionen hinderten. Bronfman konnte den Preis drücken. Weil der Film so riskant ist, räumten die Verkäufer Schuldenfreiheit ein. Für Seagram ist das Science Fiction-Kinostück nur noch eine 50 Millionen Dollarproduktion. Außer Kopien und Marketing ist alles von Matsushita bezahlt und abgeschrieben. Die Japaner behielten 20 Prozent von MCA ohne Mitspracherecht und übernahmen die drei Milliarden MCA-Verbindlichkeiten. Masel Tov!

Weshalb bevorzugten die Japaner Bronfman unter diesen Bedingungen, da auch Bertelsmann, die News Corp., Ronald Perelman, Tele-Communications Inc. und Philips interessiert waren?

Sie wollten eine schnelle, komplikationslose Abwicklung.

Nun geht das mit viel Wahrscheinlichkeit erfüllte Bon Mot in Hollywood um, dass der erfahrene Fuchs Wasserman den finanziellen "Waterworld"-Alptraum sicher gestoppt hätte, wenn er ihn nicht als Schockinstrument gegen Matsushita und Hilfe für einen schnellen Verkauf hätte nutzen wollen.

Bronfman kaufte günstig, erwarb außer dem Filmstudio den Filmstock mit 3.600 Titeln, Zusammenarbeit mit DreamWorks, renditenkräftige Vergnügungsparks, florierendes Musikgeschäft, Verlagswesen. Der MCA-Wert 1995 wird auf neun Milliarden Dollar geschätzt. Bis ins Jahr 2000 wird er sich auf 17 Milliarden steigern.

Erich Kocian ist freier Sachbuchautor. Er schrieb u. a. das Standardwerk über James Bond-Filme, erschienen im Heyne-Verlag.

© Erich Kocian © 1999 Next Step Mediendienste GmbH