Rolf Spiess über Dead Man

An der Schwelle zum Jenseits Nach seinem "Imagefilm" für die Taxifahrerbranche ("Night on Earth") läßt Jim Jarmusch, wie schon in "Mystery Train", wieder eine Eisenbahn durch die unendlichen Weiten Amerikas rattern. Diesmal durch den Wilden Westen" Ende des letzten Jahrhunderts. Je verlassener die Landschaft beim Blick durchs Zugfenster wird, um so länger und zerzauster werden die Bärte der Mitreisenden, um so unheilvoller und bedrohlicher ihre Mienen.

Die Handlung ist wieder einmal "Stranger than paradise". Als Exot unter den Fahrgästen ragt der für die staubige Umgebung unpassend schick gekleidete Buchhalter William Blake (Johnny Depp) heraus. Am Ende wird auch er sich kaum von den eigenartigen Bewohnern des Grenzgebiets unterscheiden. Er ist unterwegs zu einem neuen Arbeitsplatz. Doch daraus wird nichts, die Stelle ist bereits vergeben. Es kommt noch schlimmer für den äußerlich ruhig, innerlich aufgewühlten Mann: während er Trost bei einer Frau sucht, wird die von ihrem Freier erschossen. Blake antwortet posthum mit einem Vergeltungsschlag, wird dadurch zum Gejagten, zum Outlaw, an dessen Fersen sich äußerst skurille Kopfgeldjäger - Auftraggeber Robert Mitchum, Auftragnehmer Iggy Pop - heften. Wäre da nicht ein seltsame belesener Indianer namens Nobody (Gary Farmer), sie hätten sich die Belohnung sicher verdient.

Durch eine Schußverletzung wird Blake zum Wanderer an der Schwelle zum Jenseits, zum unverwundbaren "Dead Man". Mit leerem Blick zieht er weiter, ist umgeben von einer mystischen Aura. Nicht von ungefähr hat Jarmusch diese Figur gewählt: der Engländer Bill Blake (1757-1827) galt als Visionär und Vorläufer Nietzsches. Nobody glaubt denn auch, jenen Dichter und Denker vor sich zu haben. Der beiden Reise wirkt wie ein großer Trip, ein tierischer Rausch, der schaudern macht. Das gespenstisch-verzerrende E-Gitarrenspiel Neil Youngs trägt seinen Teil dazu bei. Überhaupt: vom Soundtrack geht eine unheimliche Stimmung aus: noch bevor sich die Schwarzblenden zum nächsten Bild öffnen, setzt eine schleppende, gnadenlos auf Emotion bedachte Musik ein. Sie für sich genommen ist bereits ein Gedicht. Die Komposition der Schwarz-Weiss-Aufnahmen von Robby Mueller sind ein anderes. "Dead Man" ist überwältigend.

"Dead Man", USA 1995, 121 Minuten, von Jim Jarmusch, mit Johnny Depp, Robert Mitchum, Gary Farmer, Lance Henriksen. In deutschen Filmtheatern ab dem 4. Januar 1996.

Bewertung: 5 / 5 Punkte

Dirk Jasper FilmLexikon
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