Ausführlicher Inhalt zu Mad City

Szenenbild Max Brackett (Dustin Hoffman) hat einen Ruf zu verlieren: Er gehört zu den besten Reportern des New Yorker TV-Networks: Schlitzohrig, unermüdlich, unbeirrbar und unschlagbar wittert er große Knüller immer ein paar entscheidende Takte vor den anderen und präsentiert sie auf dem Bildschirm so, wie die Zuschauer sie sehen wollen.

Aber auch ein Phänomen wie Max stößt an seine Grenzen: Als der hartgesottene Moderator Kevin Hollander (Alan Alda) ihn während einer dramatischen Live-Reportage drängt, die Tragödie an der Absturzstelle eines Flugzeugs nicht nur zu beschreiben, sondern in allen blutigen Details auch zu zeigen, rastet Max kurzfristig aus - vor einem Millionenpublikum. Max fällt tief - er landet unsanft in dem Provinznest Madeline in California, wo er von nun an als Lokalreporter Dienst schiebt. Er ist zwar seinem Herzen gefolgt und hat anständig gehandelt. Aber seinen Ruf hat er verloren - sein ganzes Leben scheint verpfuscht. Und er würde alles tun, um den Schnitzer auszubügeln und wieder auf die Überholspur zu wechseln.

Sam Baily (John Travolta) ist in Madeline aufgewachsen. Nach der Schule bewarb er sich bei der Air Force, weil er Pilot werden wollte. Doch dafür reichte sein High-School-Abschluß nicht - die Karriere bleibt ein Traum. Enttäuscht ist er nach Hause zurückgekehrt, hat geheiratet und einen Job gefunden: als Wachmann im Naturkundemuseum. Er hat zwei Kinder, mit denen er gerne Ball spielt. Anspruchslos wie er ist, arrangiert er sich mit seinem eintönigen Leben. Bis er seinen Job verliert.

Sams Chefin Mrs. Banks (Blythe Danner) muß sparen. Sams Stelle fällt dem Rotstift zum Opfer, und Mrs. Banks lehnt jede Diskussion mit Sam strikt ab. Sam ist so schockiert, dass er nicht einmal mit seiner Frau reden kann. Ja, er gerät derart in Panik, dass sein Verstand aussetzt. Das einzige, worauf er sich konzentrieren kann: unter allen Umständen muß er seine Stellung zurückbekommen.

Max und Sam - der eine kennt die Welt wie seine Westentasche, und der andere kann sie sich nicht einmal vorstellen. Der eine macht das Fernsehen zu seinem Beruf, der andere läßt sich von den aufgebauschten Sensationsberichten auf dem Bildschirm naiv einwickeln. Der eine lebt und handelt rücksichtslos und ohne jede persönliche Bindung, den anderen treibt die Verantwortung für seine Familie zur Verzweiflung.

Max und Sam könnten gar nicht verschiedener sein. Doch im Grunde ähneln sie sich mehr, als sie zugeben. Beide erleben, wie sie gewaltsam aus der Bahn geworfen werden, und niemand scheint sich dafür zu interessieren. Sie haben ihr Bestes gegeben, aber das ist eben nicht gut genug.

Als Max und seine engagierte junge Assistentin Laurie (Mia Kirshner) im Museum ankommen, um mit Mrs. Banks ein Routine-Interview zu führen, taucht auch Sam auf: er will Mrs. Banks anflehen, ihm seinen Job wiederzugeben. Doch sie hört ihn nicht einmal an. Plötzlich hält er eine Schußwaffe in der Hand - eine Tragödie bahnt sich an.

Max ruft im Nebenzimmer sofort seine Redaktion an. Denn ein Reporter erlebt eine gute Story niemals als Tragödie: Wenn Max jetzt die richtige Strategie wählt, kann er sich den Aufstieg zurück in die Bundesliga erspielen.

Draußen steht der Übertragungswagen, und schon Minuten später berichtet Max für den lokalen Sender live über die Geiselnahme. Kurze Zeit darauf verfolgen die Zuschauer sogar landesweit Max' Reportage. Dabei weiß er genau: Solange er das Fernsehpublikum an die Bildschirme fesseln kann, sammelt er kostbare Pluspunkte für seine Karriere. Sam weiß dagegen nur eines: Solange er mit seiner Kanone herumfuchtelt, hört man ihm auch zu.

Keiner von beiden kapiert, wie sich die Lawine verselbständigt, die sie beide losgetreten haben. Zunächst geht es allein um das Schicksal eines anständigen Mannes, der sein Leben wieder in den Griff bekommen muß. Und aufbereitet wird das Drama von einem Zyniker, der aber das Herz auf dem rechten Fleck hat. Natürlich versucht Max von Anfang an, Sams Dilemma systematisch hochzuspielen. Aber weder Max noch Sam ahnen, wie sich die Story draußen, in den unaufhaltsamen Mühlen der Medien, verselbständigt und krass verzerrt.

Je länger Max und Sam miteinander reden, desto besser verstehen sie sich. Und beide wollen die Geschichte zu einem versöhnlichen Ende bringen. Doch inzwischen hat das Network die Kontrolle über die Story an sich gerissen, und was man dort für publikumswirksam hält, hört sich völlig anders an. Denn die Story muß die Abendnachrichten verkaufen. Da zählt längst nicht mehr, ob sie der Wahrheit entspricht. Aber egal welche Version letztlich über den Sender geht - die Zuschauer werden sie glauben.

Die beiden Männer im Museum sind von der Welt abgeschnitten. Sie wissen als einzige, ob die Situation überhaupt eine Grauzone zwischen Wahrheit und Lüge zuläßt. Aber sie können nichts weiter tun als abwarten.

Dirk Jasper FilmLexikon
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