Produktionsnotizen: Mad City

Szenenbild Autor Tom Matthews konnte seine Erfahrung als Zeitungsjournalist und PR-Mann in Hollywood einbringen. Zusammen mit seinem Partner Eric Williams begann er die Arbeit an dem Drehbuch zu "Mad City" im Jahr 1993, als die berüchtigte Belagerung der Davidianer- Sektenhochburg im texanischen Waco Schlagzeilen machte. "Die Situation blieb wochenlang in der Schwebe, und die Journalisten sahen sich gezwungen, weiter zu berichten, auch wenn es nichts zu berichten gab," sagt Matthews. "Und da verließen die Reporter die Ebene der Fakten, kolportierten Gerüchte, pure Spekulation - was im herkömmlichen Journalismus absolut verpönt war.

Live-Berichte im Fernsehen beeindrucken die Zuschauer durch ihre Unmittelbarkeit besonders intensiv. Die moderne Technik macht's möglich: Jeder kann heute vor einer Live-Kamera stehen und die ganze Welt ansprechen - wir vor den Bildschirmen hören ihm zu.

Aber was wissen wir schon von dem Reporter vor der Kamera? Berichtet er ungeschminkt und wahrhaftig allein die Fakten, oder sind da noch andere Beweggründe im Spiel, die den Stil seines Reports beeinflußen?"

Matthews fährt fort: "In 'Mad City' gelingt es Brackett, Sams Kurzschlußreaktion von der kriminellen Handlung weg zur Heldentat hochzustilisieren. Obwohl Sam Geiseln genommen hat, begreifen die Fernsehzuschauer seine Verzweiflung, sie bedauern die Unschuldigen, die in die Situation mit hineingezogen werden. Vor allem lassen sie sich von der spannenden und unerwarteten Präsentation des Knüllers fesseln und nehmen sie für bare Münze.

Interessant in diesem Zusammenhang ist vor allem die Tatsache, dass jede Story immer mehr als eine Wahrheit enthält. Und auch in der Entwicklung dieser Geschichte wird klar, dass man Recht und Unrecht nicht so eindeutig voneinander trennen kann, wie es zunächst den Anschein hat."

Matthews' Drehbuch landete schließlich auf dem Schreibtisch von Regisseur Costa-Gavras, dessen Filme meist ganz ähnliche Themen aufgreifen: Immer wieder läßt er sich von Menschen faszinieren, die nichts weiter wollen, als unbehindert in ihrem eigenen kulturellen Umfeld zu leben, ohne dabei ihren Glauben und ihre Ideale zu verraten. Natürlich fühlte Costa-Gavras sich sofort von "Mad City" angesprochen.

"Es geht hier um eine Beziehung, fast könnte man sagen: eine Love-Story, zwischen zwei Männern unterschiedlichster Herkunft," sagt er. "Brackett ist gebildet und sehr zielstrebig. Sam hat nichts gelernt und ist völlig verunsichert. Trotz ihrer Unterschiede bekommen sie beide die Rücksichtslosigkeit der Gesellschaft zu spüren, in der sie bisher ihr Brot verdient haben - da finden sie also gefühlsmäßig eine gemeinsame Ebene. Ein Laune des Schicksals kettet sie zusammen, und langsam lernen sie einander zu vertrauen."

"Sobald ich erfuhr, dass Tom Matthews' Drehbuch verfügbar war, mußte ich diesen Film einfach produzieren," sagt Produzent Arnold Kopelson. "Seine Fähigkeiten als Autor haben mich auf Anhieb überzeugt: die Figuren sind außergewöhnlich gut ausgearbeitet.

Bei einer kammerspielartigen, voll auf die Personen zugeschnittenen Story, die sich fast nur auf einen Schauplatz, das Museum, beschränkt, ist diese Qualität unabdingbar. Die Beziehung zwischen Brackett und Baily erweist sich als sehr originell: zwei Männer sehr unterschiedlicher Herkunft müssen miteinander auskommen und beeinflussen sich gegenseitig."

"Seit ich 'Z' gesehen habe, schätze ich Costa-Gavras und seine Filme sehr," fährt Kopelson fort. "Er kannte das Drehbuch schon und wollte die Regie übernehmen. Er hat sich schon so vieler sozialkritischer Stoffe angenommen, und ich bewundere seine Einstellung grenzenlos. Hier hat ein Drehbuch den perfekten Regisseur gefunden."


Besetzung
Doch damit war der Film noch nicht unter Dach und Fach: die Besetzung der beiden Hauptrollen erwies sich als ebenso weitreichende Entscheidung der Filmemacher. Denn sie benötigten unbedingt zwei starke Schauspieler, die dem Projekt "Mad City" nur unter Einsatz der gesamten Emotionsskala zum Erfolg verhelfen würden.

Natürlich waren sowohl Kopelson als auch Costa-Gavras hellauf begeistert, als sich mit Dustin Hoffman und John Travolta zwei Akteure auf das Projekt einließen, die an Charisma und Anerkennung in der Filmwelt ihresgleichen suchen.

Mit der für ihn typischen Leidenschaftlichkeit stürzte sich Hoffman auf die Rolle des mit allen Wassern gewaschenen, in Ungnade gefallenen Fernsehreporters. Dazu Costa-Gavras: "Dustin besitzt die geradezu unheimliche Fähigkeit, eine Figur genau auf den Punkt zu bringen.

Er taucht derart tief in die Rolle ein, dass er völlig in der Mentalität speziell dieses Journalisten aufgeht, eines Mannes, der vor dem Nichts steht, wenn er es nicht schafft, das verlorene Terrain zurückzugewinnen."

Kopelson fügt hinzu: "Dustin schweißt seinen Regisseur, Produzenten und die Schauspielerkollegen zu einem eingeschworenen Team zusammen, um aus den Seiten des Drehbuchs überzeugende, dreidimensionale Menschen zu formen. Dabei geht es nie um seine Rolle allein, sondern immer um das, was dem Film als Ganzem nützt."

In der Vorbereitungsphase sah sich Hoffman stundenlang Videomaterial an, das er sich von mehreren Fernsehkorrespondenten schicken ließ. Gleichzeitig legt er Wert auf die Feststellung, dass er sich nicht an einem bestimmten Journalistenvorbild orientiert hat. Allerdings erinnert er sich an ein Ereignis bei seinen Recherchen, das ihn bei der Gestaltung seiner Rolle nachhaltig beinflußt hat: In den Räumen der New York Times sah er sich eine Ausstellung über Fotojournalismus an und entdeckte das berühmte Foto des Mönchs, der sich zur Zeit des Vietnamkriegs öffentlich verbrannte. Hoffman fragte den Fotografen, warum er die Flammen damals nicht erstickt hat. Die Antwort: "Der Fotograf löscht nie das Feuer - er macht nur Bilder."

"Das reichte mir als Vorbereitung völlig," stellt Hoffman fest. "Die Nachrichtensendungen sind heute nicht mehr weit von dem entfernt, was wir gemeinhin als 'Hollywood' bezeichnen. Die Zuschauer wollen Leichen und zerfetzte Autos sehen. Vor Jahren waren es die Zeitungen, die ihren ethischen Standard aufgeben mußten, um in der Konkurrenz mit den Fernsehnachrichten bestehen zu können. Heute müssen die Fernsehnachrichten kompromißbereit sein, um im Wettbewerb mit der Regenbogenpresse nicht den kürzeren zu ziehen. Als wir vor 20 Jahren 'All the President's Men' (Die Unbestechlichen) drehten, war das noch überhaupt kein Thema."

Hoffman betont ausdrücklich, er habe seine Mitwirkung von der Bedingung abhängig gemacht, dass John Travolta den Sam Baily spielt: "Ich habe Costa gesagt: 'So gern ich den Film auch machen würde, glaube ich doch, dass die andere Hauptrolle alles entscheidet.' Ich kannte Travolta damals noch nicht persönlich. Aber als ich das Drehbuch las, spürte ich sofort instinktiv, dass er den Schlüssel zum Film darstellt. Ich kann mir keinen anderen Schauspieler vorstellen, der alle hier geforderten Qualitäten auf sich vereinigt."

Laut Kopelson "kannte John das Drehbuch bereits und wollte Sam Bailys Rolle gern übernehmen, war aber durch andere Filmverträge gebunden. Doch sowohl Dustin als auch John waren von dem Buch so begeistert und gleichzeitig an einer Zusammenarbeit derart interessiert, dass sie ihre Termine zugunsten unseres Films umdisponierten. Costa und ich sind ihnen dafür ewig dankbar."

Costa-Gavras kann dem nur zustimmen: "Es war echt spannend zu beobachten, wie diese beiden so imposanten, einnehmenden Persönlichkeiten alle intellektuellen Überredungskünste aufboten, um sich gegenseitig von einer Mitarbeit an diesem Projekt zu überzeugen. Im Grunde hatten sie das Fundament für ihre Freundschaft auf der Leinwand schon längst gelegt, bevor die Dreharbeiten überhaupt anfingen!"

Kopelson über Travoltas Rolle: "John verkörpert einen Typen, der im heutigen Amerika zum Alltag gehört: einen ganz durchschnittlichen Bürger aus der Arbeiterklasse, der buchstäblich auf der Straße sitzt, wenn zwei Lohntüten ausbleiben. Als einer von nur sehr wenigen Stars überzeugt John auf Anhieb als alltäglicher Jedermann. Seine Menschlichkeit, Glaubwürdigkeit und nicht zuletzt sein außergewöhnliches darstellerisches Talent prädestinieren ihn für die Rolle: Es gibt einfach keinen anderen Sam Baily."

Travolta gibt gern zu, dass er sich sofort von Sam angesprochen fühlte. "Ich glaube, dass alle Menschen im Grunde gut sind. Nur in brenzligen Situationen kommt es dann dazu, dass sie schlimme Sachen anstellen. In jedem von uns ist letztlich die ganze Bandbreite des moralischen Spektrums angelegt. Sam wird völlig aus der Bahn geworfen und weiß einfach nicht mehr weiter. Er trägt die Verantwortung für Frau und Kinder, er ist entlassen worden, da dreht er halt durch. Wie soll er aus der Bredouille wieder herausfinden? Und weil die Rolle derart wunderbar konzipiert war, fühlte ich mich ganz zuversichtlich: Ich konnte mich in Sam hineinversetzen und das Spektrum zwischen Gut und Böse auf unterhaltsame Weise ausloten."

Costa-Gavras fiel auf, dass Sam ganz ähnlich wie Brackett zum Opfer des Fernsehzeitalters wird. "Sam ist kein besonders heller Kopf: das Fernsehen hat ihm beigebracht, dass man mit Kanonen mehr Lärm machen kann als mit Worten. Er glaubt, dass man ihm zuhören wird, wenn er eine Waffe in der Hand hält. Aus diesem Grund bringt er sein Waffenarsenal ins Museum: Er will Mrs. Banks zwingen, ihm zuzuhören und ihn wieder einzustellen. Er ist ebenso naiv wie unschuldig."

Durch die ungewöhnliche Beziehung, die sich zwischen Sam und Brackett ergibt, überschreitet Brackett die Grenze professioneller journalistischer Objektivität. "Brackett beutet Sams Malaise aus, indem er sich in die Story einklinkt," sagt Hoffman. "Aber er ist nicht bösartig, sondern im Grunde ein anständiger Kerl, für den Menschlichkeit noch nicht zum Fremdwort geworden ist. Doch als Journalist wird er unausweichlich in den Strudel der Branche hineingerissen: Wer in der Oberliga mitspielen will, darf vor Fouls nicht zurückschrecken."

"Zunächst denkt Brackett nur ans Publikum: Hier kocht eine heiße Story, die zu Herzen geht," meint Travolta. "Aber mit der Zeit entwickelt sich sein Mitgefühl für Sam, und darauf ist er nicht vorbereitet. Er wollte nichts weiter als eine Reportage über einen traurigen Idioten mit `ner Kanone. Stattdessen steckt er jetzt mit einem anständigen Kerl fest, der allerdings ziemlich von der Rolle und wahrlich nicht besonders helle ist. Er will Sam bestimmt nicht in die Arme nehmen. Aber genau dazu treibt ihn sein Mitleid."

Die Beziehung zwischen Brackett und seiner ehrgeizigen jungen Assistentin Laurie (Mia Kirshner) entwickelt sich dagegen völlig anders. "Zwischen den beiden knistert es spürbar," stellt Kirshner fest. "Die junge Laurie lebt in dem Provinznest, für sie ist Starreporter Brackett ein Idol - vielleicht ist sie sogar in ihn verknallt. Jedenfalls wünscht sie sich nichts sehnlicher, als in seine Fußstapfen zu treten. In ihren Augen stellt er das Non-plus-ultra des Journalismus dar: er hat in den Spitzenteams mitgespielt, kennt Gott und die Welt."

"Costa und ich haben viele Schauspielerinnen vorsprechen lassen," sagt Kopelson. "Aber als Mia hereinkam, waren wir uns sofort einig: Das ist unsere Laurie. Mias Vater ist Journalist, und was sie auf diese Weise an Medienerfahrung mitbrachte, floß in ihre Darstellung ein: Sie interviewte uns ganz im Stil einer Journalistin, fühlte sich in Lauries Charakter sofort zu Hause, wußte mit dem Text umzugehen. Ihr Selbstbewußtsein dabei war genau das, was wir brauchten."

Der populäre Nachrichtenmoderator Kevin Hollander ist "der Mann, dem Amerika vertraut". Ihn besetzten die Filmemacher mit Alan Alda. "Von Anfang an stand fest, dass Alan den Hollander spielen muß," erinnert sich Costa-Gavras. "Sein ganzes Wesen strahlt Glaubwürdigkeit und Vertrauen aus. Darüber hinaus setzt er bei seiner Darstellung eigene, ganz persönliche Akzente." Dazu Alda: "Ich hatte das Drehbuch noch nicht einmal halb gelesen, da war mir klar: ich wollte unbedingt mitmachen. Eine tolle Story, die in meinen Augen eine Reihe wichtiger Themen aufgreift."


Nachhilfestunden im Nachrichtenstudio
In der Vorbereitungsphase setzten Hoffman, Costa-Gavras und Kopelson ganz auf das Insiderwissen der Fernseh-News-Produzentin Roberta Hollander. Sie arbeitet schon über 20 Jahre für CBS News und stellte für die Schauspieler eine Reihe von Unterlagen zusammen - mit einer Fülle von Informationen über die Mentalität in der Nachrichtenredaktion, über Fachausdrücke und technische Abläufe.

Als Laurie muß Mia Kirshner professionell mit Videokamera und Tonaufnahmegerät umgehen. Zu diesem Zweck machte sie einen mehrwöchigen Grundkurs bei einem alten Hasen im Geschäft, nämlich der Kamerafrau Kris Smith vom Sender KCAL in Los Angeles, die auch für den Rest der Produktion als technische Beraterin zur Verfügung stand.

"Im Grunde habe ich Kris während ihrer gesamten Abendschicht über die Schulter geschaut," erinnert sich Kirshner. "Manchmal bin ich erst spät nach Mitternacht heimgekommen. Einmal haben wir über den Absturz eines Helikopters im Antelope Valley berichtet. Nach den Aufnahmen war ich im Schneideraum dabei, und der Cutter schnitt immer wieder auf die Bilder mit den Leichen. Für mich war das das beste Beispiel für die derzeitige Befindlichkeit der Nachrichten."

"Der Film behandelt eine Menge brennender Fragen, und wir sind alle stolz darauf, an ihm mitzuwirken," sagt Anne Kopelson. "Wenn die Zuschauer aus dem Kino kommen, sind sie wie wohl noch nie zuvor mit der Medienrealität konfrontiert worden. Das bietet reichlich Gesprächsstoff. Und vielleicht sehen sie die Fernsehnachrichten in Zukunft mit anderen Augen."

Dirk Jasper FilmLexikon
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