Ernst Corinth über Braveheart

Gut drei Stunden dauert das Schlachtgetümmel auf der Leinwand. Und dennoch ist "Braveheart" keine Minute lang langweilig. Schuld hat Mel Gibson, der in diesem spannenden Historienschinken nicht nur Regie geführt hat, sondern auch den Rebellen William Wallace spielt. Einen schottischen Freiheitskämpfer aus dem 13. Jahrhundert, der das Herz auf dem rechten Fleck hat und, wenn es darauf ankommt, den englischen Besatzern gnadenlos das Fürchten lehrt.

Und wie er das macht, ist einfach grandios. Zwar sieht er zuweilen mit seinem buntgeschminktem Gesicht aus wie ein Fußballfan vor dem Endspiel oder wie eine elegante Kreuzung aus "Highlander" und "Mad Max", die an der Spitze einer kleinen unbeugsamen gallischen Dorfgemeinschaft mal wieder die Römer verprügelt, aber solch banale Ausrutscher sind angesichts der exzellent inszenierten Schlachtengemälde einfach zweitrangig.

Ja, es fließt tatsächlich viel Blut, es wird gehauen, gestochen, geköpft und gemetzelt, doch zum Glück fließt genauso viel Herzblut. Denn Wallace ist wie jeder Held eben auch ein aufrechter Kämpfer an der Frauenfront (Sophie Marceau). Aber viel Zeit dafür hat er leider nicht, schließlich will er sein geliebtes Schottland befreien, hat sich dabei mit korrupten Edelleuten seiner Heimat herumzuschlagen und mit dem brutalen englischen König Edward I. (Patrick McGoohan).

Am erstaunlichsten ist jedoch die suggestive Kraft, die dieser Film besitzt und die den Zuschauer in das Geschehen distanzlos hineinzieht. Gewiß, Gibson verwendet als Regisseur die bekanntesten Klischees der Filmgeschichte: Es gibt schweigsame Duelle, die in jedem Western ihren Platz hätten. Actionszenen, die aus einem High-Tech-Abenteuer stammen könnten. Bilder, Einstellungen und Schnitte, wie sie zigfach vorher schon zu sehen gewesen sind, und im Hintergrund wird gegeigt oder in den Dudelsack geblasen, dass einem Hören und Sehen vergeht. Doch dies alles und noch viel mehr, hat der Hollywoodstar so geschickt kombiniert, dass am Schluß im Kinosessel plötzlich selbst ein erschöpfter Schotte sitzt, der erzürnt die langen Haare schüttelt und dann die bösen Engländer deftig zum Teufel wünscht.

Dirk Jasper FilmLexikon
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