Produktionsnotizen zu Pocahontas

Wie alles begann ?

Mike Gabriel hatte gerade seine Arbeit als Co-Regisseur an dem Disney-Film "Bernhard & Bianca im Känguruhland" im Jahre 1990 beendet, als er sich auch schon ernsthafte Gedanken über ein neues Projekt machte, das er als nächstes angehen wollte. Er suchte nach einer Geschichte voller Herz und Humor, ein breitangelegtes Epos, das sich an den broadwayähnlichen, animierten Musicals orientierte, die gerade bei Disney eine Renaissance erlebt hatten.

"Es war gerade Thanksgiving-Wochenende, als ich herauszufinden suchte, was als nächstes zu tun wäre," erinnert sich Gabriel. "Ich wusste, dass es eine Liebesgeschichte sein sollte. Außerdem dachte ich, dass es an der Zeit wäre, einmal einen Western zu machen. Pecos Bill und eine ganze Reihe anderer Titel kamen mir in den Sinn, aber irgendwie schien es mir, als gäbe es das alles schon. Und dann stolperte ich über den Namen Pocahontas, der mich dann letztendlich nicht mehr losließ. Jeder kannte die Geschichte wie sie John Smith das Leben gerettet hat. Da war es doch ganz natürlich, eine Story über zwei gegensätzliche Welten, die versuchen, einander zu verstehen, zu erzählen."

Peter Schneider hatte mit seiner Entwicklungsabteilung schon acht Jahre über eine Zeichentrickfilm-Version von "Romeo und Julia" gebrütet, und Gabriels Konzept wies zahlreich Parallelen zu diesem Projekt auf.

"Wir waren im besonderen daran interessiert, folgende Problematik zu erforschen: "Wenn wir nicht lernen, miteinander umzugehen, dann werden wir uns gegenseitig zerstören," erinnert sich Schneider. "Eine wichtige Botschaft an eine Generation, die ausdrückt, dass wir aufhören sollen, uns gegenseitig zu bekämpfen und umzubringen, nur weil man verschiedene Hautfarben oder unterschiedliche Auffassungen zum Thema Religion hat. Die Herausforderung bestand nun darin, einen Film über eine solche Problematik zu machen, der trotzdem interessant, romantisch und lustig sein sollte. Daraus sollte kein Doku-Drama werden, aber etwas, das von einer Legende inspiriert sein sollte. Die Idee, einen Film über zwei aufeinanderprallende Welten zu realisieren, ließ uns nicht mehr los."

Als Gabriel für die Entwicklung des Projekts grünes Licht bekommen hatte, schrieb er sogleich eine Grobversion des Drehbuchs. Dabei arbeitete er eng mit Joe Grant bei einigen ersten visuellen Experimenten zusammen. Grant, ein Meister bei der Konzeptentwicklung, zeichnete diverse Sketche und schlug eine Reihe witziger Ideen vor. Viele seiner humorvollen Vorschläge wurden im Frühstadium des Films beiseite gelegt, später aber wieder hervorgeholt und für die endgültige Fassung des Films verwandt.

"Ich habe Pocahontas immer als Kind der Natur angesehen," sagt Grant. Sie verschmilzt förmlich mit ihr, mit den Tieren, den Flüssen, den Bäumen, den Blättern. Für mich war es unmöglich, sie nicht als einen Teil dieser Welt anzusehen. Ihre Beziehung zu den Tieren ist außerdem Teil der Disney-Tradition, Humor und komische Situationen durch Tiere hervorzurufen."

Nachdem Eric Goldberg 1992 seine Arbeit an der Figur des Genie für ALADDIN beendet hatte, wurde er gefragt, ob er zum Regie-Team von Pocahontas stoßen wolle. Als er erkannte, dass dieses Projekt ganze Generationen von Kinogängern in seine Bann ziehen würde, und er spürte, welch unglaubliches Potential in diesem Film schlummerte, zögerte er keine Sekunde und nahm das Angebot an.

"Mike und ich haben die verschiedenen Funktionen untereinander aufgeteilt," sagt Goldberg. "Ich war hauptsächlich mit der Animation und Reinzeichnung beschäftigt, während er sich um Layout, Hintergründe und Farbmodelle kümmerte. Grundsätzlich teilten wir die Dinge so auf, dass jeder das tun konnte, worin er die meiste Erfahrung besaß. Alle wichtigen Entscheidungen aber trafen wir gemeinsam. Glücklicherweise haben wir in künstlerischer wie in filmischer Hinsicht viele Dinge identisch eingeschätzt und wir waren auch sonst oft einer Meinung."

Gemeinsam mit einem talentierten Autorenteam, zu dem Tom Sito, Glen Keane, Burny Mattinson und Ed Gombert gehörten, gingen die Filmemacher daran, die wichtigsten und schwierigsten Momente des Skripts aufzugliedern.

"Da dieser Film kein traditionelles Disney-Happy-End besitzt, haben wir uns Filme wie CASABLANCA, ROMAN HOLIDAY, THE WAY WE WERE und GREEN CARD angesehen. Denn wir wollten verstehen, was diese Werke so reizvoll macht, obwohl das Paar am Ende nicht zusammen bleibt." Sagt Pentecost. "In Pocahontas war ihre gegenseitige Liebe dazu in der Lage, beim anderen eine Leere auszufüllen. So hat Pocahontas eine gewisse Reife erreicht und einen Status, der es ihr ermöglicht, ihr Volk anzuführen, während John Smith etwas gefunden hat, nach dem er sein ganzes Leben lang gesucht hat. Obwohl sie körperlich nicht zusammen sein können, hat sich ihr Leben doch zum besseren gewandt. Sie sehen ihre jeweiligen Kulturen in einem anderen Licht und haben erkannt, dass sie nur zwei Möglichkeiten haben: Entweder gemeinsam leben oder untergehen."

Eine weitere Herausforderung des Kreativ-Teams bestand darin, die richtige Balance zwischen dramatischen, komischen und fantastischen Elementen zu finden. "An einem bestimmten Punkt wurden die komischen Aspekte aus dem gesamten Film so weit verbannt, bis alle Leute mit dem Drama zufrieden waren," erklärt Goldberg. "Als die Autoren schließlich die Romanze in den Griff bekommen und die Persönlichkeiten entwickelt hatten, setzte sich der Humor, allerdings vorsichtig dosiert, wieder durch und konnte trotz der emotionalen und dramatischen Thematik auch wieder wunderbar funktionieren."

Pocahontas
101 Leben und Legenden

Die historische Figur der wahren Pocahontas hat in den letzten vier Jahrhunderten immer wieder für Gesprächsstoff gesorgt und bis zum heutigen Tag ist sie von einem mysteriösen Schleier umgeben. Details, die ihre frühen Jahre und Abenteuer betreffen, wurden zwar von den englischen Siedlern festgehalten, doch kann man diese nicht gerade als unvoreingenommene Beobachter bezeichnen.

John Smith ist die einzige Quelle, die über die bekannte Geschichte, in der Pocahontas sein Leben rettet, herangezogen werden kann. Kurioserweise hat er über diesen Zwischenfall erst im Jahre 1624, also lange nach ihrem Tod, geschrieben. Im Laufe der Jahre haben viele Geschichtenerzähler das Leben von Pocahontas derart romantisiert und verklärt, dass es mittlerweile nahezu unmöglich ist, Fakten von Fiktion unterscheiden zu können. Obwohl sich Disneys Version bezüglich ihres Alters zu dem Zeitpunkt, als sie Smith trifft, einige Freiheiten herausnimmt und über ihre Freundschaft Spekulationen anstellt, hat man doch versucht, ihre Figur so wahrheitsgetreu wie möglich zu gestalten und ihre Rolle als Friedensstifterin deutlich herauszustellen.

Pocahontas' eigentlicher Name war Matoaca, ein Name der aus traditionellen Gründen allerdings geheim gehalten wurde. Ihr Vater, Häuptling Powhatan, war es, der ihr den wesentlich bekannteren Spitznamen, was etwa "kleiner Störenfried" bedeutet, gegeben hat. Sie wurde in eine hoch entwickelte Kultur, die sich bereits mit den Europäern beschäftigt hatte, hineingeboren. Den meisten Berichten zufolge fühlte sie sich zu Smith und den Siedlern wegen ihrer Fremdartigkeit hingezogen. Dank ihres diplomatischen Geschicks war sie maßgeblich daran beteiligt, dass die Europäer überhaupt überleben konnten.

Wahrscheinlich war sie erst elf oder zwölf Jahre alt, als die Briten erstmals in Virginia auftauchten. Doch ihre über alle Vorurteile erhabene Persönlichkeit half, die Spannungen zwischen den beiden ausgesprochen unterschiedlichen Kulturen aufzulösen.

Smith selbst wurde im Jahre 1580 im englischen Willoughby, Lincolnshire geboren. Bevor er 1607 im Alter von 27 Jahren nach Virginia kam, hatte er sich schon an zahlreichen internationalen Abenteuern beteiligt. Zu seinen wilden Eskapaden zählt auch ein Abschnitt, in dem er als Söldner für das Heilige Römische Reich gegen die Türken ins Feld zog. In Istanbul wurde er als Sklave gefangen genommen. In der Folge konnte er nach Rußland entkommen, wo er erneut als Sklave arbeitete, um schließlich seine Flucht quer durch Europa anzutreten. In Virginia half er in den schweren Zeiten dabei, die Kolonie am Leben zu erhalten, indem er seine Erfahrungen als Kurier und Händler in die Waagschale werfen konnte.

Ohne die Hilfe von Powhatans Indianern, die sich mit den Engländern die Verpflegung teilten, ihnen zeigten, wie man Korn anbaut und sie mit den Eigenheiten der Wälder vertraut machten, wären die Siedler von Jamestown mit Sicherheit umgekommen. Tatsächlich überlebten nur 51 von insgesamt 150 Kolonialisten, die 1607 gelandet waren, die ersten Monate. Smith entpuppte sich als veritabler Militär-Diktator, versäumte es aber nicht, die Siedlungsbemühungen voranzutreiben. Von den amerikanischen Ureinwohnern wurde er respektiert und gefürchtet, aber im allgemeinen verhielt er sich bei den Verhandlungen mit ihnen fair und korrekt.

Obwohl Disney's Pocahontas nur den kurzen Lebensabschnitt, in dem sie Smith kennenlernt und sein Leben rettet, beleuchtet, ist auch das restliche Leben der wahren Pocahontas nicht minder faszinierend. 1613 wurde Pocahontas auf Betreiben von Captain Samuel Argall von einem Indianerhäuptling namens Japazaws entführt. Mann wollte sie als Pfand gegen britische Soldaten, die von ihrem Vater gefangen gehalten wurden, eintauschen. Tatsächlich ließ Powhatan darauf sieben Geiseln frei, doch seine Tochter wurde ihm trotzdem nicht ausgehändigt. Ein Jahr später, nach einer gewaltsamen Konfrontation auf hoher See, erklärte der britische Siedler John Rolfe (der 1612 eine neue Tabaksorte entdeckte und somit der Neuen Welt seine erste lebensfähige Feldfrucht bescherte) seine Liebe zu Pocahontas und seinen Wunsch, sie zu heiraten. Einige Zeit vor der Hochzeit im April 1614 wurde sie getauft und erhielt den Namen "Lady Rebecca Rolfe".

Im Frühling 1616 machten sich Rolfe, seine Frau und ihr junger Sohn nach England auf, wo die Virginia Company begierig darauf wartete, sie zu benutzen, um Investoren für ihre Geschäfte in der Neuen Welt zu interessieren. Pocahontas wurde zum Tagesgespräch und sogar am Hof von König James sowie der englischen Gesellschaft präsentiert. Bei einem dieser Zusammenkünfte sah sie auch John Smith erstmals nach sieben Jahren wieder. Anscheinend war ihr erzählt worden, dass er gestorben sei, denn sie reagierte ziemlich schockiert, als sie ihn erblickte. Im Frühling 1617 machte sich der Rolfe-Clan in Richtung Virginia auf. Doch man kam nicht weiter als bis zum englischen Seehafen Gravesend. Denn Pocahontas bekam die Pocken und verstarb im Alter von nur 21 Jahren. Sie ist in der St. Georges's Church in Gravesend begraben.

Glen Keanes Animations-Abenteuer - Wie der Geist von Pocahontas eingefangen wurde

Glen Keane, der schon seit 21 Jahren für Disney arbeitet und zu den besten seiner Zunft zählt, hatte die Aufgabe, der Figur der Pocahontas Leben einzuhauchen. Es war nicht nur die schwierigste, sondern auch die aufregendste Arbeit in seiner Karriere. Seine Anregungen holte er sich bei Recherche-Ausflügen zu aktuellen Schauplätzen in Jamestown, wo diese reale Person einst lebte, bei Treffen mit Nachfahren von Pocahontas, bei ausführlichen Studien von menschlichen Modellen sowie der Stimme von Schauspielerin Irene Bedard. Indem er diese Elemente durch seine eigene Imaginationskraft filterte, war er in der Lage, den Charakter zu kreieren.

"Dieser Film war für mich ein einziger Lernprozess," sagt Keane. "In gewisser Weise befand ich mich am Anfang auf einer Art Blindflug. Ich mußste mich erst einmal auf die subtile Darstellungsweise und die sensitive Erzählstruktur einstellen. Etwas derartiges hatten wir zuvor noch niemals gemacht. In Bezug auf Design, Schauspielerei und Darstellung lernte ich bei der Arbeit an diesem Film etwas ganz Entscheidendes: Weniger ist oft mehr. Ich habe herausgefunden, dass man mit einem Höchstmaß an Subtilität genauso viel erreichen kann. Winzig kleine Ausdrucksweisen und subtile Bewegungen können eine Menge aussagen, vorausgesetzt, man kann sie auch kontrollieren.

Schon im Frühstadium seiner Karriere lernte Keane von Disneys großen Meistern, dass eine Figur für das Publikum erst dann wirklich erscheint, wenn der Zeichner selbst glaubt, dass sie real ist. "Eric Larson, einer von Disneys neun alten Männern", sagte mir immer, wie wichtig es sei, mit einer gewissen Ehrlichkeit zu zeichnen. Ich brauchte eine lange Zeit, bis ich endlich begriff, was er damit meinte. mußste man mit dem Stift fester aufdrücken oder etwa die Zähne zusammenbeißen? Schließlich bekam ich heraus, dass die großen Zeichner nicht auf Cartoons zurückgriffen, wenn sie über Figuren wie Pinocchio oder Schneewittchen sprachen. Für sie waren dies wirkliche Menschen, die sie kannten und die dann eben zu Zeichnungen geworden sind. Ehrlichkeit bedeutete für sie, zu glauben, dass der Charakter real ist. Das bedeutet, dass man schon in der Frühentwicklung der Figur eine Person finden mußs, von der man sich inspirieren lassen kann. Das Schlüsselerlebnis zu diesem Film war mein Ausflug nach Jamestown. Ich bildete mir ein, dass John Smith vielleicht unter diesem Baum auf Pocahontas gewartet hat, und Pocahontas möglicherweise in diesem Fluß mit ihrem Kanu unterwegs gewesen ist."

Bezüglich des Charakterdesigns begann Keane mit einem Rohentwurf der wirklichen Pocahontas. Er studierte nicht nur Bücher über klassische Schönheitsideale, sondern auch Filmmaterial, auf dem fünf verschiedene Modelle und ihre Bewegungsabläufe zu sehen waren. Dies war ihm dabei behilflich, das Aussehen seiner Figur zu bestimmen und ihre möglichen Bewegungen durchzuspielen.

"Als ich Pocahontas zu zeichnen begann, kam jedes Mal etwas völlig anderes dabei heraus," sagt Keane. "Es war schon verrückt. Manchmal entstand sie vor meinen Augen und ich sagte spontan ´das ist sie, ja, das ist sie!´. Dann versuchte ich, sie wieder zu zeichnen und plötzlich war sie verschwunden. Die Autoren hatten übrigens dasselbe Problem. Es war, als ob sie eine wirkliche Person sei, die sich uns nur von Zeit zu Zeit offenbarte."

Als Keane schließlich ein klares Konzept bezüglich des Aussehens und der Persönlichkeit seiner Figur aufgestellt hatte, mußste er seine Gedanken den 16 anderen Zeichnern in seinem Team verständlich machen. "Der komplette Film war ein einziger Lehrauftrag," sagt der Zeichner. Während der Produktion fütterte ich mein Animationsteam ständig mit Zeichnungen und kleinen Leckerbissen über Pocahontas. Viele Lektionen befassten sich ausschließlich mit der Gestaltung ihres Gesichts. Dann wiederum sahen wir uns immer wieder Videobänder an und analysierten ihre Bewegungen, Gesten und ihr Mienenspiel."

Zu den denkwürdigsten Szenen des Films zählt mit Sicherheit jene, in der Pocahontas und John Smith sich zum ersten Mal begegnen. Keane erklärt: "Die Szene wurde ursprünglich mit Dialog geschrieben, hat aber so nie wirklich funktioniert. Was sollten sie sich auch erzählen? Während ich so darüber nachdachte, erinnerte ich mich daran, wie ich meine Frau zum ersten Mal sah. Damals wusste ich, dass es Liebe auf den ersten Blick ist und wir wie geschaffen füreinander waren. Für Pocahontas und Smith benötigten wir ebenfalls solch einen elektrisierenden Augenblick. Während im Hintergrund ein mächtiger Wasserfall zu hören und zu sehen ist, passiert - außer, dass sich die beiden tief in die Augen sehen - gar nichts. In diesem Moment kann das Publikum in ihre Gedankenwelt eindringen und ist in der Lage, das zu fühlen, was sie fühlen. Auch das Haar von Pocahontas spielt eine wichtige Rolle. Während der Wind zart durch ihr Haar fährt, wird der Eindruck noch verstärkt, dass sich nichts bewegt. Diese Situation war für mich eine der größten Herausforderungen des Films und wurde zu meiner vollsten Zufriedenheit gelöst."

"Mit diesem Film mußsten wir bis an die Grenzen unserer Möglichkeiten vordringen. Er verlangt von den Künstlern, besser zu zeichnen, als sie es jemals zuvor getan hatten. Ich dachte immer, Animation ist, wenn man eine Menge von Zeichnungen ständig bewegt. Um etwas Großartiges zu schaffen, mußs man es springen, quetschen und strecken lassen, bis man seinen Augen nicht mehr traut. Aber mit der Zeit begann ich Gefallen daran zu finden, einen Charakter zu zeichnen, der nur eine Art brennender Leidenschaft in seinem Herzen trägt. Plötzlich ging es bei der Animation nicht mehr darum, möglichst viele Dinge, sondern vielmehr das Publikum zu bewegen."

"Animation ist nach wie vor eine moderne Kunstform," fügt Keane hinzu. "Mit diesem Film sind wir nun in ganz neue Dimensionen vorgestoßen, Dimensionen, von der die Animation auch noch in den kommenden Jahren profitieren wird."

Wie den anderen Charakteren Leben eingehaucht wurde

John Pomeroy war bei der Figur des John Smith mit der Animationsüberwachung betraut. Er sieht seine Mitarbeit bei diesem Film als eine Gelegenheit, die man nur einmal im Leben bekommt. Er hatte hier nicht nur die Möglichkeit, die beste Arbeit in seiner 22jährigen Karriere abzuliefern, er konnte sich überdies mit einer Welt beschäftigen, die ihn seit seinem zwölften Lebensjahr nicht mehr losließ.

"Militärhistorische Themen faszinieren mich schon seit vielen Jahren. Dieses Interesse habe ich auch immer wieder in meiner Kunst zum Ausdruck gebracht," sagt Pomeroy. "Dieser Film gab mir zum ersten Mal die Chance, diese Faszination in Animation umzusetzen. Zudem kommt dieser Charakter einem Selbstporträt sehr nahe, da er zahlreiche Prinzipien und Tugenden in sich vereinigt, die ich mir für meine Person auch wünschen würde. Als Disney um meine Mitarbeit bei diesem speziellen Film bat, hatte ich gerade ein riesiges Gemälde beendet, das einige Reiter zeigt, die während des 17. Jahrhunderts eine Schlacht austragen.

Bei der Entwicklung von Smiths Persönlichkeit stieß Pomeroy auf Errol Flynn. Vor allem die kühnen Rollen des Schauspielers enthielten genau jene Attribute, die er für seinen Charakter suchte. In der Stimme von Mel Gibson, der Smith im Original verkörperte, fand er genau jene Elemente von jungenhaftem Charme und Spitzbübigkeit, die für diese Figur wie geschaffen waren.

"John Smith gehört zu jenen Männern, die stets das Abenteuer suchen, nur damit sie nicht in Verlegenheit kommen, über ihr eigenes, ungeordnetes Leben nachdenken zu müssen." erklärt Pomeroy. "Bevor er in Virginia ankommt, fehlt ihm irgendetwas. Dann aber fühlen sich Pocahontas und Smith wie zwei Magneten voneinander angezogen. Ihr Zusammentreffen ist so überwältigend, dass sie sich nur wie angewurzelt gegenüberstehen und einander anstarren. Jetzt hat er endlich in seinem Leben etwas gefunden, für das er wirklich etwas empfindet. Jetzt muß er nicht mehr vor sich selbst davonlaufen. Sie repräsentiert die fehlende Komponente in seinem Leben."

Eine Persönlichkeit zu begreifen und in der Lage zu sein, sie in Zeichnungen auszudrücken, sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Pomeroy dazu. "Einen realistischen, menschlichen Charakter zu zeichnen, gehört mit zum Schwierigsten überhaupt, vor allem, wenn es sich um eine Geschichte handelt, in der die Figur weder zu breit noch zu grob angelegt werden darf. Bei der kleinsten Aktion, wenn der Charakter einen Schritt tut, der nicht ganz richtig aussieht, kann man schon jene Illusion, die man zu schaffen versucht hat, zerstören. Man muß immer auf der Hut sein, ob die Bewegungen authentisch sind und die Zeichnungen stimmen. Ich hatte das Glück, mit einem wunderbaren Animations-Team zusammenarbeiten zu dürfen. Die Jungs haben sich dieser Herausforderung wirklich voll gestellt."

Als die einzelnen Aktionen von John Smith und Pocahontas auf der Leinwand miteinander verknüpft wurden, begannen Pomeroy und Glen Keane mit ihrer engen und fruchtbaren Zusammenarbeit. "Ich kenne Glen schon über 20 Jahre und wollte schon lange einmal mit ihm gemeinsam an einem Film arbeiten," bemerkt Pomeroy. "Es war für uns beide eine wunderbare Erfahrung, unsere künstlerischen Philosophien und Persönlichkeiten haben harmonisch ineinander übergegriffen. Jeder Charakter war ein Spiegelbild von uns selbst."

Keane meint dazu: "John und ich waren wie zwei brennende Holzscheite, die sich gegenseitig am Glühen hielten. Wir haben uns ohne Unterbrechung gegenseitig unsere letzten Zeichnungen und Szenen gezeigt. Zudem war er für mich eine große moralische Unterstützung. Denn es beruhigt mich ungemein, dass er mit genau denselben Problemen zu kämpfen hatte wie ich. Ich habe so jemanden wie John wirklich gebraucht, einen, der besessen davon war, selbst das unbedeutendste Detail in den Film einzubringen. Vieles von den Dingen, die wir gemacht haben, wird wahrscheinlich niemanden auffallen. Aber es war für uns beide eben wichtig."

Duncan Marjoribanks hatte dagegen mehr Schwierigkeiten, sich mit seiner Figur zu identifizieren. Er war nämlich für die Zeichnung des Bösewichts und Gouverneurs Rattcliffe zuständig.

"Ratcliffe steht für Rassismus und grenzenlose Gier," erklärt Marjoribanks. Er repräsentiert die Aristokratie, und sein größter Fehler ist, dass er alles ignoriert, was mit dem Land zu tun hat, in das er eingedrungen ist. Er ist weniger ein Siedler als ein Kolonialist. Anstatt sich anzupassen, benimmt er sich nur noch europäischer. Selbst seine in rot, violett und schwarz gehaltene Kleidung passt ganz und gar nicht zu der neuen Umgebung. David Ogden Stiers hat nicht nur eine großartige Stimme, er versteht es auch, eine gewisse Spontanität in seine Rolle einzubringen. Sein Timing ist blendend."

Ruben Aquino, der dafür verantwortlich war, Powhatan auf der Leinwand Leben einzuhauchen, ließ sich dadurch inspirieren, dass er sich die Filme von Russell Means anschaute und ihn bei den Sprechproben beobachtete. "Die Manierismen und Ausdrücke, die ich während der Aufnahmen an ihm entdecken konnte, gaben zahlreiche Tips für die Animation meiner Figur," sagt Aquino. "Seine Bewegungen sind äußerst ökonomisch und ich war der Meinung, dass dies für den Charakter ebenfalls zutraf. Wie Powhatan verfügt er über eine gewaltige Präsenz. Er kann die Aufmerksamkeit auf sich lenken, ohne allzu viele physische Bewegungen machen zu müssen. Zudem hat Russell eine ganz bestimmte Art zu Lachen. Auch dies habe ich kopiert. Der Entwurf des Charakters selbst ist sehr verwinkelt, einige zusätzliche Linien halfen dabei, seine Facetten festzumachen. Sein Gesicht ist sehr ausdrucksstark. Es mußte nicht nur streng und wütend blicken können, sondern auch eine freundlichere, sanftere Seite haben."

Die komische Seite des Films wird vor allem durch die Eskapaden des verspielten Waschbären Meeko und Flit, dem Kolibri und Beschützer von Pocahontas, transportiert.

"Flit und Meeko teilen sich eine Rolle, die in CINDERELLA von der Maus und in PINOCCHIO von Jiminy Cricket gespielt wurde," erklärt Dave Pruiksma, der für die Animation von Flit verantwortlich war. "Wir bauten ganz bewusst eine gewisse Rivalität zwischen den beiden auf. So spiegelte Flit eher das wieder, was Pocahontas in ihrem tiefsten Inneren dachte, während Meeko der spontane Typ ist, der für jeden Spaß zu haben ist."

"Die Tiere in Pocahontas haben keine Stimmen, sie können ihre Gefühle aber durch eine ausgeprägte Körpersprache ausdrücken," erklärte Pruiksma. "Zuerst dachten wir, dies könnte uns behindern, aber es stellte sich heraus, dass dies exakt zu der Stimmung des Films passte. Bei einigen Ideen haben wir pantomimische Mittel benutzt. Außerdem habe ich Kolibris beobachtet, wie sie sich bewegen und was sie so einzigartig macht. Flit bewegt sich stakkatoartig, fast nervös. Für die humorvolle Seite seines Charakters sorgt die Tatsache, dass er sich, obwohl er so klitzeklein ist, für die Sicherheit von Pocahontas verantwortlich fühlt. Übrigens eine typische Eigenschaft von Kolibris. Da sie sich mit einer derart rapiden Geschwindigkeit fortbewegen können, kennen sie im Prinzip keine Angst."

Nik Ranieri, der für die Animationsüberwachung von Meeko verantwortlich zeichnet, war ursprünglich für einen sprechenden Truthahn namens Red Feather vorgesehen. Als man sich jedoch bezüglich der Tiere auf die "Schweigen ist Gold"-Strategie einigte, wechselte Ranieri das Thema und wurde stattdessen Meekos Meister.

"Meeko ist die erste Figur, die ich ohne die Hilfe einer Stimme animieren mußte," sagt Ranieri. "Da ich nicht auf Dialoge zurückgreifen konnte, mußte ich die Szenen ausführlicher behandeln, um einen Gedanken oder ein Gefühl ausdrücken zu können. Es ist viel einfacher `Ich habe Hunger` zu sagen, als dies nur mit Bildern zu zeigen. Es ist ohne Worte weitaus aufwendiger und zeitraubender, bis man die Botschaft schließlich visuell lesen kann. Im Verlauf der Produktion entdeckten wir dann, dass Meeko einiges tun konnte, um die Geschichte voranzutreiben. Von diesem Moment an wurde seine Rolle automatisch immer größer und wichtiger.

Chris Buck war gleich für drei Charaktere des Films als künstlerischer Leiter verantwortlich - für den Mops Percy, den Baumgeist Großmutter Weide und für Wiggins, Ratcliffes eifrigem Diener. Der verhätschelte Percy, der die Veränderungen, die in John Smith vorgehen, in einer Art parallelem Universum reflektiert, wurde durch das Beobachten von echten Möpsen, die eigens ins Studio gebracht worden waren, inspiriert. Zudem analysierte Buck auch das Verhalten seiner eigenen Haustiere. Für die Entwicklung von Großmutter Weide waren nicht nur die schauspielerischen Qualitäten des Zeichners gefragt, sondern auch die Künste der CGI (Computer Generated Imagery) und der Effekte-Animations-Abteilung.

"Die Idee zu Großmutter Weide stammt von der indianischen Kultur. Sie glaubt, dass es überall in der Natur Geister gibt." Sagt Buck. "Mit ihrer warmen, sonoren Stimme und dem humorvollen Unterton bietet Linda Hunt genau jene großmütterlichen Qualitäten, die wir gesucht haben. Ihre vielseitige Stimme half auch uns Zeichnern bei der Arbeit ungemein."

"Das Ungewöhnliche an der Figur von Großmutter Weide ist, dass ihr Gesicht auf traditionelle Weise von Hand gezeichnet ist," fährt Buck fort. "Die anderen Teile, wie die Kapuze und der Baumstamm, steuerte die CGI-Abteilung bei. Im Anschluß daran waren die Effekte-Zeichner an der Reihe. Sie mußsten ihre Bewegungen herstellen und das Gesicht mit den CGI-Komponenten in Einklang bringen."

Steve Goldberg, bei CGI für die künstlerische Überwachung zuständig, erklärt: "Für die Effekte-Abteilung wäre es unmöglich gewesen, für jede einzelne Einstellung immer wieder die komplette Baumrinde zu zeichnen. Deshalb entwickelte Marcus Hobbs ein spezielles Programm, in dem die Rinde wie Hunderte von kleinen ? Inseln' behandelt wurde. Diese konnte man dann ganz individuell manipulieren. Das Ergebnis ist eine wesentlich glaubwürdigere Animation, die auch wunderbar mit dem von Hand gezeichneten Gesicht harmoniert. Wir haben hier ein hervorragendes Beispiel von Team-Arbeit erlebt."

Goldberg und sein Team von CGI benutzten ihre Computer außerdem, um das Äußere des britischen Segelschiffes Susan Constant glaubwürdiger erscheinen zu lassen. Schließlich steuerten sie auch einige Details an dem Kanu von Pocahontas bei.

Die Farben des Windes: Der Pocahontas-Stil

Um den einzigartigen Look von Pocahontas kreieren zu können, sicherten sich die Regisseure Gabriel und Goldberg die Mitarbeit von Michael Giaimo, einem anerkannten Künstler und ehemaligen Disney-Zeichner. Unterstützt von einem Expertenteam, dem unter anderem der legendäre Joe Grant, der Leiter der Grafikabteilung Rasoul Azadani, der Leiter der Hintergrundzeichner Cristy Maltese, der Leiter der Abteilung für visuelle Effekte Don Paul sowie der künstlerische Koordinator Don Hansen angehörten, ging Giaimo daran, aus Pocahontas den visuell aufregendsten Film zu machen, der jemals das Studio verlassen hat.

"In Bezug auf Design und Farbe haben wir mit diesem Film fraglos einige Grenzen überschreiten können," sagt Giamio. "Unsere Aufgabe bestand darin, die Charaktere zum klarsten, wärmsten und durchschlagendsten Element auf der Leinwand zu machen. Hierfür mußsten wir den Hintergrund sublimieren. Die Figuren kann man dadurch stärker hervorheben, indem man dem Hintergrund mehr Tiefe verleiht und mit dunkleren Tönen arbeitet. Ich war dafür zuständig, Licht, Farbe und Design so abzustimmen, dass der gewünschte Effekt zum Tragen kommen konnte. Ein Verfahren, das übrigens schon bei Disney-Filmen der späten vierziger und während der fünfziger Jahre angewandt wurde. Es ist nur im Laufe der Zeit ein wenig in Vergessenheit geraten."

Einige visuelle Elemente drängten sich dem Team bei seinen Recherche-Ausflügen nach Virginia förmlich auf. Giaimo war von den natürlichen Farben des Landes derart begeistert, dass er beschloß, diese für filmische und dramaturgische Zwecke - natürlich in verstärkter Form - zu verwenden. Unter seiner Regie wurde dieser reale Schauplatz Virginia in ein mystisches Paradies umgewandelt. Ein weiteres Design-Element stammt ebenfalls von dieser Reise. Die riesigen Pinienwälder gaben ein vertikales Thema vor, das Giaimo in das Design der Charaktere einfließen ließ. So tauchen im Haar von Pocahontas vertikale Linien auf und auch die Schatten in ihrer mit Fransen abgesetzten Kleidung verlaufen vertikal. Parallel dazu wurde Ratcliffe ebenfalls mit vertikalen Streifen, die seine Brust herunterlaufen, entworfen. Indem man so eine Schicht nach der anderen auftrug, konnten die Künstler ein einheitliches Aussehen des Films erreichen.

Die Hintergrundzeichner benutzten ebenfalls Farbe, Tiefe und Tönung, um jeder Szene eine bestimmte Stimmung einzuhauchen. Unter ihren bewährten Händen entstanden derart magische, anmutige Wälder, dass der Betrachter unvermittelt in ihren Bann gezogen wird. Cristy Maltese, zuständig für die Überwachung der Hintergrundzeichner, sagt: "In einem Zeichentrickfilm sieht das Publikum genau zwei Dinge: den Hintergrund und die Figuren. Ein guter Hintergrund zieht die Aufmerksamkeit zwar nicht auf sich, trotzdem erzielt er beim Zuschauer eine gewisse Wirkung."

Ein weiteres wichtiges Design-Element war das Licht. Es sollte die erwünschten emotionalen Reaktionen beim Publikum noch verstärken. Das Licht in diesem Film wurde nicht nur aufmerksam kontrolliert, sondern stilisiert, um den jeweiligen Situationen, die die Geschichte vorgibt, gerecht zu werden. Rasoul Azadani, zuständig für die Layout-Überwachung, erklärt: "In der Szene, in der Smith und Pocahontas zum ersten Mal aufeinandertreffen, haben wir weniger intensives Licht verwendet. Dadurch erreichten wir eine idyllische Stimmung, fast wie aus einer anderen Welt, und konnten so den emotionalen Aspekt der Situation noch transparenter machen."

Ein letztes visuelles Element, das in Pocahontas auf perfekte Weise zum Tragen kommt, ist die Effekte-Animation. Dieser spezielle künstlerische Zweig beschäftigt sich vor allem mit Bewegungen, die nicht im Zusammenhang mit Personen stehen. Unter den wachsamen Augen des Effekte-Leiters Don Paul kreierte seine Abteilung die wohl anspruchvollsten und verblüffendsten Bilderfolgen, die man jemals in einem Animationsfilm sehen konnte. Mächtige Wasserfälle, ein orkanartiger Sturm auf hoher See, unzählige herumwirbelnde, kunterbunte Blätter, nebelige Gegenden und heftige Feuerstürme wurden von dem Animations-Effekte-Team auf wunderbare Weise hergestellt. Sie verleihen der gesamten Geschichte nicht nur Glaubwürdigkeit, sie stoßen vielmehr auch auf der Unterhaltungsebene in eine neue Dimension vor.

Die Musik

Pocahontas präsentiert einige der intelligentesten und unterhaltsamsten Texte und Lieder, die jemals in einem Disney-Film Eingang gefunden haben. Alan Menken als Komponist und Stephen Schwartz als Texter sind ein weiteres Indiz dafür, auf welch hohem Niveau die gesamte Produktion angesiedelt ist. Die Songschreiber gehörten schon in der Frühphase des Projekts zum Team und haben maßgeblich zur Entwicklung der Geschichte beigetragen. Menken erzählt: "Stephen und ich sind Nachbarn in Westchester. Ich kenne ihn schon mehrere Jahre, aber ich habe noch nie daran gedacht, mit ihm zusammenzuarbeiten. Dazu habe ich viel zu viel Respekt vor seiner Karriere als Komponist und Texter. Als mir Disney ihn als Texter für dieses Projekt empfahl, wußte ich sofort, dass sein Stil bestens dazu passen würde."

Schwartz fügt hinzu: "Ich denke, dass zwischen Alan und mir eine wunderbare und fruchtbare Zusammenarbeit entstanden ist und immer noch besteht. Er hat ein einzigartiges Gespür für Melodien und für Songs, die täuschend einfach klingen. Wenn man sie aber analysiert, findet man sehr schnell heraus, wie anspruchsvoll sie eigentlich sind. Seine Melodien gehen leicht ins Ohr und man erinnert sich an sie."

Für die Musik von Pocahontas, vor allem, was die Lieder der britischen Siedler betrifft, hat sich Menken von barocken Einflüssen inspirieren lassen. Bei der Musik der amerikanischen Ureinwohner legt er viel Wert auf Authentizität. "Ich habe mir insbesondere die Musik der östlichen Indianerstämme angehört, vor allem die der sogenannten Flachlandindianer," erklärt er.

"Stephen und ich waren von Anfang an an der Entstehung beteiligt, "fährt Menken fort. "Wir fügen nicht einfach irgendwelche Songs in die Geschichte ein, wir funktionieren vielmehr als Dramaturgen, die die Geschichte mittels der Lieder weitererzählen und die einen Soundtrack kreieren, der einem die ganze Welt transparent macht. Im allgemeinen suchen wir genau nach jenen Momenten, in denen man instinktiv den Zeitpunkt spürt, an dem man vom Dialog in den Gesang wechseln muß. Mit dieser Art von Barometer findet man stets die richtige Stelle, an die ein Lied hingehört."

Das erste Lied im musikalischen Programm des Films ist "The Virginia Company". Es wird von einem Britischen Chor gesungen, als man sich an Bord der Susan Constant befindet und sich in Richtung Neue Welt aufmacht. Der Song verdeutlicht die Naivität und Arroganz der Siedler. Es lässt erahnen, dass dieser zusammengewürfelte Haufen eine Bedrohung für die Indianer darstellt. Der Stil dieses Liedes wurde von zeitgenössischen Klängen beeinflusst.

Die amerikanischen Ureinwohner werden durch den Song "Steady as the Beating Drum" eingeführt. Er beginnt mit den Worten eines authentischen Gesangs des Algonquin-Stammes. Menkens erdige und rhythmische Musik-Palette gibt den Einfluß aktueller indianischer Musik wieder. Die Texte von Schwartz lassen das Bild einer vollständig entwickelten Zivilisation entstehen und sprechen von der Erde und wie der Mensch sie für sich nutzen kann. Zu den intensiven Recherchen der Songschreiber zählte nicht nur das Musik-Studium der östlichen Stämme, sondern auch die Sprache und Dichtung der amerikanischen Ureinwohner.

Das Lied "Just Around the Riverbend", das im Original von Judy Kuhn gesungen wird, erklärt, was sich Pocahontas am sehnlichsten in ihrem Leben wünscht. "Es ist ihr ´Ich will´ -Song," erklärt Schwartz. "Wir entschlossen uns dazu, sie als jemanden darzustellen, der immer gespürt hat, dass irgendetwas auf sie wartet. Sie wußte nur nicht, was dies sein könnte. Es war einfach nicht erreichbar."

Der nächste Song heißt "Mine, Mine, Mine" und wird von Ratcliffe lustvoll gesungen, als er seinen Männern befiehlt, ganz Virginia auf der Suche nach Gold und Juwelen umzugraben. Während die Siedler das Land verwüsten, sondert sich John Smith von der Truppe ab und singt einen Refrain über die Abenteuer und Gefahren, die ihn in dieser aufregenden, neuen Umgebung erwarten.

In dem Lied "Listen with Your Heart" gibt Großmutter Weide Pocahontas einige einfache Ratschläge, wie sie mit ihrem neuen Freund John Smith in Kontakt treten könnte. Höhepunkt dieses Liedes, das im Original von Linda Hunt und Bobbi Page vorgetragen wird, ist eine geradezu hypnotische Mischung aus indianischen und abendländischen Klängen.

"Colors of the Wind" fasst vielleicht am besten die Grundstimmung des Films zusammen. Das Lied, das von Pocahontas gesungen wird, ist der erste Song, den Menken und Schwartz für den Film geschrieben haben, und es ist wohl auch der einprägsamste.

Produzent Pentecost meint dazu: "Dieses Lied ist vor allem anderen entstanden. Es legte nicht nur die Stimmung des Films fest, sondern definierte auch den Charakter der Pocahontas. Als Alan und Stephen diesen Song fertiggestellt hatten, wussten wir, um was es in diesem Film geht."

"Mit diesem Lied bin ich unglaublich zufrieden," bemerkt Menken. "Es ist vielleicht der beste Song, an dem ich jemals beteiligt war. Denn er stellte eine große Herausforderung dar, weil er nicht nur über eine starke musikalische, sondern auch über eine thematische Identität verfügen mußte. Die Qualität des Textes ist mindestens ebenso bemerkenswert wie es die Zusammenarbeit war. Das Lied handelt davon, wie man mit seiner Umgebung respektvoll umgeht. Ich denke, dass wir hier ein ganz wichtiges Thema für unser Land und unsere Generation ansprechen."

Schwartz ist ebenfalls der Meinung, dass "Colors of the Wind" zu seinen bisher besten Arbeiten zählt. "Manchmal passieren eben wahrhaft magische Dinge," sagt er. "Wir wussten, was wir ausdrücken wollen, und wir wussten, mit welcher Person wir es zu tun hatten. Und wir waren in der Lage, persönliche Eigenschaften einzubringen und auf Pocahontas und ihre ganz persönlichen Gedankengänge abzustimmen. Das Bild der Platane spiegelt die Rede von Chief Seattle vor dem Kongress wider, in der er sagt: ´Niemand kann den Himmel besitzen´ und ´Was willst du tun, wenn die Flüsse verschwunden sind?´"

Schwartz war auch von der Besetzung von Pocahontas' Singstimme äußerst angetan. "Judy ist der Traum eines jeden Texters," sagt er. "Sie hat eine ganz außerordentliche Stimme und eine unglaublich große Bandbreite. Sie hat die seltene Gabe, einen Text zu singen, den man ihr problemlos abnimmt. Sie weiß genau, welche Worte sie betonen muß und wie sie Emotionen wecken kann ... kurz, sie ist ein Ausnahmetalent."

"Savages" versucht jene Dummheiten und Hässlichkeiten zu verdeutlichen, die dann entstehen, wenn Menschen intolerant sind und zu Rassisten werden. Selten zuvor wurde in einer Disney-Produktion mit einem Lied auf eine derart wichtige Problematik hingewiesen. Zudem dient der Song als perfekte Begleitung für die sich anbahnende Tragödie.

Das Schlusslied des Films "If I Never Knew You" läuft während des Abspanns und wird von Jon Secada und Shanice vorgetragen. Diese herzzerreißende Liebes-Ballade gehört zu einem halben Dutzend Songs, die für den Film selbst geschrieben wurden. Diese wurden letztlich aber geopfert, um den Fluß der Geschichte noch zu steigern. Außerdem läuft während des Abspanns auch eine Pop-Version von "Colors of the Wind", die von Vanessa Williams interpretiert wird.

Dirk Jasper FilmLexikon
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