Dirk Douglas Schuster über Sieben

Tja, nachdem sich hier im Deutschen Film Forum (und in meinem Bekanntenkreis) die Fürsprache zu Finchers "Meisterwerk" SIEBEN wie eine Seuche ausbreitet, meine ich, eine andere Sichtweise gegenüberstellen zu müssen.

David Fincher hatte ja bereits 1993 die Alien-Triologie mit "Alien 3" versaut und hat sich darüber als Regisseur vielzähliger (und teilweise unsäglicher) Musikvideos (u. a. "Bad Girl" von Madonna) bestätigt. Und jener - welcher sich einen unverkennbaren wie auch inflexiblen Stil angeeignet hat - soll nun einen der "besten Filme des Jahres" inzeniert haben?

Aber erst einmal zu den Protagonisten: Sieben präsentiert sich als Buddy-Movie mit Horrorthriller-Elementen. Nahezu klassisch werden die beiden Protagonisten eingeführt: Sommerset als der weise, erfahrene Cop mit verborgenen Vaterambitionen ("Er ist zu jung für so einen Fall!"), der seinem Vorruhestand in sechs Tagen entgegensieht. Ihm zugestellt ist Mills, jung, aufstrebend und trotzdem (oder gerade deshalb) stereotypisch dargestellt ("Chef, geben Sie mir den Fall"). Seine Frau hat keine bessere Aufgabe als ein weinerliches Weibchen zu sein, die sich sogar seinem Arbeitskollegen anvertraut, um ihm in einem Diner von ihrer Schwangerschaft zu erzählen - schon beim zweiten Treffen. Darüber hinaus erstreckt sich ihre Funktion innerhalb des dramaturgischen Rahmens lediglich auf das Lieb-und-Nett-sein, damit später dem Zuschauer ihr Tod auch so richtig nahegehen soll.

Der zeitliche Rahmen: Die Handlung erstreckt sich über eine Arbeitswoche. In dieser Zeit entdecken die beiden Protagonisten am laufenden Band Leichen - frisch getötet. Ausnahme: der Halbverweste unter den Duftbäumchen. Diese 'Tötung' hat unser sympathischer Killer bereits vor 361 Tagen geplant (also gekidnappt, ans Bett gefesselt, irgendwann zwischen -361 bis -5 Tagen die Hand abgeschnitten, Duftbäumchen aufgehängt und die Miete für das Loch bezahlt), damit die Bullen ihn auch schön erst als dritte Leiche finden.

Der Staatsanwalt schien ja auch nicht besonders termingeplagt zu sein: Oder stört es niemanden, dass er aufgeschnitten, von seinem Blut die Worte "Greed" in den Teppich geschrieben (überhaupt war außer der Notiz kein Blut im Raum, echt sauber gearbeitet), und der Mörder auch noch kunstvoll mit einer fremden Hand Fingerabdrücke geheime Botschaften hinter einem Bild (kein Alarm?) versteckt. Hat dieser Mann keine Termine gehabt? Ein Affektmord am Arbeitsplatz - gut. Ein komplexer Ritualmord am Arbeitsplatz - wäre bei mir nicht möglich, da schon zu viele Leute nach mir gesucht hätten ("Wo treibt sich schon wieder der Schuster 'rum?" )

Wann hatte Doe Mills Frau gekriegt? Mills und Sommerset fahren zur Arbeit und der Killer stellt sich, d. h. der Killer hat Mills Frau gekidnappt, enthauptet, gereinigt, Kopf verpackt, zu UPS gebracht und dann gestellt - während Mills zur Arbeit fuhr?!?

Die Dramaturgie: Fincher versuchte Regen als dramaturgischen Effekt zu verwenden - und scheiterte daran, dass er keine Methode anwendete. "Blader Runner" war dunkel und regnerisch, und lichtete sich in der Originalversion dann in Sonnenschein auf - absolut analogisch zu gängigen Wetterempfindungen. Warum hat Fincher den Regen nicht als Spiegel der Gefühlswelt der Protagonisten auftreten lassen, d. h. ein Wechselspiel zwischen Sonnenschein und Regen? Dann hätte es eine narrative Methode gehabt, so ist es nur Ornamentik. Wie ein Rahmen in einem Buch - er erscheint zwar auf jeder Seite, hat aber keine Bedeutung für den Handlungsfortgang ...

Als die Handlung nach dem 'Verwesten' nicht mehr weiterkam, wurde dann der Kontaktmann (großes Orakel) herangezogen, der plötzlich auf einmal Adressen liefern konnte und gleich bei der ersten Wohnung - bumm! - stehen sie auch ihrem Killer gegenüber. Kommissar Zufall hat wieder einmal zugeschlagen! Nur: Warum versuchte Fincher uns weißzumachen, Sommerset würde sich in das psychologische Profil von Doe einarbeiten, wenn die beiden Doe das erstemal durch Zufall antreffen und beim zweitenmal er sich gar von selbst ergibt? Freeman und Pitt sind ziemliche Volltrottel, da sie nahezu gar nichts zur eigentlichen Aufklärung beigetragen haben ... wozu also der ganze Lies-und-versetz-dich-hinein-Quatsch?

Der "so wahnsinnig überraschende" Schluß war schon zu erwarten gewesen - dass Mills Frau daran glauben mußte, war mir tatsächlich schon klar - spätestens, als Mills ihr noch einmal seine Liebe gesteht und sie immer noch nicht mit der Sprache um ihre Schwangerschaft herausrückt. Das war eine uralte und äußerst klassiche Vorbereitung auf den Höhepunkt im Sinne der Tragödie: Er erfährt erst von der Schwangerschaft als sie bereits "kopflos" ist - die Unabwendbarkeit im nachhinein stellt den Grundsatz der Tragödie dar (besser gelöst: "Brücken am Fluß"), und das schon seit der griechischen Antike. Von daher war dieser Höhepunkt von diesem Standpunkt aus nur zu logisch - wie auch erwartungsgemäß.

Die einzige Stärke, die dieser Film in seiner Dramaturgie aufweist, ist der verhaltene Umgang mit Waffen. Die Diskussion zwischen Pitt und Freeman, ob sie schon einmal ihre Dienstwaffe hätten einsetzen müssen, wie auch Pitts (anfängliches) Wiederstreben, den Mörder seiner Frau sprichwörtlich hinzurichten, sind für einen solchen kommerziellen Film aus dem ansonsten Gunhappy-Hollywood doch exzeptionell.

Zugegeben, "Sieben" ist bei weitem nicht der schlechteste Film, aber längst auch nicht ein Höhepunkt diesjährigen Filmschaffens. Dafür weist er zuviele Brüche im Handlungsfluß und unlogische Aspekte auf. Wäre nicht das Spiel von Freeman verleichsweise ausdrucksstark gewesen, dann wäre "Sieben" nicht mehr als ein besserer B-Genrefilm geworden. Erheblich besser hatte mir "Mute Witness" - der zwar auch eine ziemliche haarsträubende Handlung, allerdings gepaart mit einer gewissen 'inneren' Logik - gefallen ...

Kurz vor Schluß: Im Original erwähnte Brad Pitt gegen Anfang des Films die Fast-Food-Kette "Taco Bell". Was wurde denn in der deutschen Synchronfassung benutzt? ('Demolition Man' zeigte in der US-Fassung ebenfalls Taco Bell, während in Europa alle Dialogszenen und betroffenen Locations auf "Pizza Hut" umgestellt wurden.)

Dirk Jasper FilmLexikon
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