Herbert Adam über Sieben

Der Name der Stadt wird nie erwähnt. Sie ist Ort der Unmenschlichkeit, Symbol für alle Großstädte - Parabel für die menschliche Existenz im ausgehenden Jahrtausend schlechthin.

Hier treffen der junge Detectiv Mills (Bratt Pitt) und sein kurz vor der Pensionierung stehende Kollege Somerset (Morgan Freeman) zusammen. Ein Mordfall führt sie zusammen, und dieser und alle weiteren Morde des Film bleiben so ziemlich das einzige, was sie verbindet.

Ein fettleibiger Mann wurde unmenschlich gemästet und mit einem Tritt auf seinen Leib zu Tode gebracht.

Die zweite Tat sowie die religiös verbrämten Hinweise, die der Mörder an den Tatorten hinterläßt, bringen Somerset auf die Spur.

Der Täter benutzt ein System: Die sieben Todsünden. Nach diesen sucht er seine Opfer aus und tötet sie auf abscheulichste Weise.

Somerset studiert die Vorgehensweise des Täters, entdeckt, dass er wohl hochgebildet und sehr belesen sein muß. Die Zitate aus Werken der Weltliteratur, die der Täter immer wieder hinterläßt, bringen Somerset auf die Idee, dass seine Lesegewohnheiten den Weg zu ihm weisen könnten. Eine geheime Liste des FBI, das alle überwacht, die indizierte Bücher lesen, führen Somerset und Mills zu seiner Adresse. Auch der Mörder taucht auf, erkennt beide als Polizisten und schießt auf sie.

Die Jagd beginnt, doch weitere Morde geschehen, bis sich John Doe schließlich stellt, um die beiden Detectivs nochmals und noch tiefer in die Abgründe seiner kranken Vorstellungswelt zu stoßen, denn zwei der sieben Todsünden hat er noch nicht "gesühnt": Neid und Zorn.

SIEBEN ist ein perfekt inszenierten Thriller. Schon der Vorspann fasziniert durch seine expertimentelle Art. Die Kamera bleibt stets dicht an den Protagonisten, die Stadt wird nur im Regen und meist nachts gezeigt. Aus diesen Bildern gibt es kein Entrinnen und ihre atmosphärische Dichte und ihre Düsterheit hält jeden gefangen. Erst am Ende, kurz vor dem Showdown, führt der Weg hinaus auf das freie Land und heraus aus der Dunkelheit.

Es drängt sich der Eindruck auf, als sei Doe nur das alter ego von Somerset. Denn Somerset ist genauso angewidert von seiner Umwelt wie Doe. Beide besitzen die intellektuellen Fähigkeiten, die Welt moralisch zu beurteilen, nur dass Somerset nicht den zerstörerischen Weg Doe's gewählt hat, sondern sich bereits vor Jahren in Apathie flüchtete. Er lebt sein Leben zurückgezogen, fast gleichgültig seiner Umwelt gegenüber und erledigt seinen Job kühl und ohne innerliche Anteilnahme - ähnlich dem Metronom, das er auf seinem Nachttisch stehen hat. Die Welt um sich hält er auf Distanz. Wohl sieht auch er, dass seine Umwelt ein einziger Sündenpfuhl geworden ist, doch - wie gesagt - seine Konsequenz daraus ist eine andere.

Erst als sich die letzten beiden Todsünden gegen Doe (Neid) und gegen Mills (Zorn) richten, fällt ihm ein Zitat ein: "Die Welt ist schön, und es lohnt sich für sie zu kämpfen". Dem zweiten Teil des Zitates stimmt er zu. Erst hier, am Ende des Films, ändert er seine Haltung. Haben die Morde, die zum Schluß geschahen, ihm die Augen geöffnet? Jedenfalls erkennt er, dass die menschlichen Fähigkeiten unabweigerlich und immer Gut und Böse in sich tragen - man muß sich entscheiden, jeden Tag. Doch schon die Einlassung auf die menschliche Existenz macht schuldig.

SIEBEN - nur ein sehr gut gemachter Thriller, oder doch ein moralischer Film?

Dirk Jasper FilmLexikon
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