Filmkritik von Rolf Spiess

Gigantisch metaphorisch Wenn der Postmann doch noch klingeln könnte: einen Tag nach Beendigung der Dreharbeiten verstarb Hauptdarsteller Massimo Troisi an einem Herzleiden. Von einer Unterbrechung wollte der todkranke Schauspieler nichts wissen, zu sehr ahnte er wohl schon, was geschehen sollte. Im übertragenen Sinne stand sein Durchhaltevermögen als Metapher für den ausweglosen Kampf mit der Krankheit.

Doch ungeachtet dieses tragischen Vorfalls, die Geschichte des "Postino", des Postboten, berührt auf ganz andere Weise. Es ist das einfache Leben auf der kleinen, Neapel vorgelagerten Insel, das einen gefangen nimmt. Nicht einmal fließendes Wasser haben die wenigen Bewohner - und sind dennoch zufrieden. Außer täglich zum Fischen auf's Meer zu fahren bleibt ihnen nicht viel.

Mario Ruoppolo kann nicht einmal das, wird schon beim Gedanken daran seekrank. Eine Chance bietet sich ihm, als der chilenische Dichter und Denker Pablo Neruda (Philippe Noiret), aus der Heimat exiliert, die Insel als seinen Zufluchtsort wählt. Mario wird Nerudas persönlicher Postbote. Aus der vorsichtigen Annäherung an den berühmten Empfänger wächst bald der Wunsch, selbst als Freund und Bewunderer des Poeten zu gelten.

Sehr zur Freude des etwas naiven und einfältigen Mario spielt der Dichter mit, erteilt seinem Postzusteller Nachhilfe in Sachen Poesie und der Bildung von Metaphern. Es dauert nicht lange, und der sonst eher zahme Mario ist von sinnlichem Verlangen nach Fleisch erfüllt. Tag und Nacht sind seine Gedanken bei der schönen Beatrice, allein der schüchterne Eremit traut sich einfach nicht. Erst durch "La Poesia" bricht das Eis.

Der Postmann ist ein wunderbares Gedicht. Abgesehen von der märchenhaft zu nennenden Geschichte gleichen auch die Bilder einem wundervollen Gemälde. In sanften Farben und weichem Licht erscheint die südländische Insellandschaft, den Darstellern steht das harte Leben im Fischerdorf ins Gesicht geschrieben. Und nicht zuletzt reüssiert Michael Radford mit seinen humorvollen Dialogen, die feinfühlig die Annäherung des Nobodys an Neruda begleiten.

Der Postmann (Originaltitel: Il Postino), Italien 1995, 102 Minuten, von Michael Radford, mit Philippe Noiret, Massimo Troisi, Maria Grazia Cucinotta. In deutschen Filmtheatern ab dem 7. Dezember 1995.

Bewertung: 4 / 5 Punkte

Kurzkritik: Poesie pur, Italien satt. Ein cineastisches Liebesgedicht nicht nur an Briefträger, darüber hinaus auch ein konkreter Vorschlag, der Arbeitslosigkeit Herr zu werden: jedem Dichter seinen Postboten. Ergo lasset uns dichten, und auf die Krämpfe der Ministerwichte verzichten.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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