Rolf Spiess über Ein Winternachtstraum

Some day, my prince will come Das Rollenspiel als Therapie. Theater als Flucht vor Depression, als Schlüssel zur Vergangenheit. Theater als Passion, als Leidenschaft, die Leiden schafft. Shakespeare-Fan Kenneth Branagh weiß, wovon er redet. Nach "Henry V." und "Viel Lärm um nichts" nimmt er nun den Hamlet zum Anlaß, das krisenanfällige Seelenleben eines Bühnenschauspielers offenzulegen.

Wem's schlecht geht, der neigt gerne dazu, durch Übertreibung auf sein Schicksal aufmerksam zu machen. Eine Gefahr, denn weil die anderen das ahnen, halten sie die Sachlage für nicht all zu ernst. Besser ist es, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Das erkennt auch der vom Erfolg wenig geküßte Schauspieler Joe (Michael Maloney) und trommelt, als letzten Versuch quasi, ein kleines Ensemble zusammen. Das Casting für seinen "Hamlet" erinnert dabei stark an jenes aus "Funny Bones": ein bunter Haufen von sich überzeugter Chaotendarsteller. Sechs "Talente" aber findet er, der selbst den dänischen Prinzen mimt, dennoch. Gemeinsam beziehen sie eine großhallige Kirche in einem Ort namens Hope. Das trifft's. Die Arbeit mit den Exzentrikern stellt sich jedoch als nicht ganz einfach heraus, jeder hat da so seine eigenen Vorstellungen. Konflikte sind vorprogrammiert, aber auch dazu da, gelöst zu werden.

Branagh schlägt den komödiantischen Weg, den Weg der Überzeichnung ein. Die beste Lösung für ein problembeladenes Thema wie Depression und Verzweiflung. Zu Lachen gibt es folglich jede Menge, wozu neben den Dialogen auch die vielen grotesken Situationen beitragen. In den drei Wochen gemeinsamer Arbeit in der Kirche lernen die sieben Schauspieler nicht nur sich selber besser kennen, sie wachsen auch zusammen wie eine Familie (vielleicht spielt hier auch das bevorstehende Weihnachtsfest eine Rolle).

"Ein Winternachtstraum" (Originaltitel: In The Bleak Midwinter), GB 1995, 97 Minuten, von Kenneth Branagh, mit Michael Maloney, Joan Collins, Richard Briers, Mark Hadfield. In deutschen Filmtheatern ab dem 21. Dezember 1995.

Bewertung: 3 / 5 Punkte

Dirk Jasper FilmLexikon
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