Erich Kocian über James Bond 007 - Goldeneye

Superman zwischen Explosionen und Russen Der neue James Bond-Film "Goldeneye" mag seinen Weg zum Publikum finden, enttäuscht aber doch.

Der 17. Bond-Film aus dem Hause Broccoli, "Goldeneye", nach unüblicher Zwangspause von sechs Jahren nun vor dem Deutschlandstart (28. Dezember) hat die Hersteller offenbar in quälende, zwiespältige Denkbahnen geworfen. Machen wir in gewohnter Weise weiter, mögen sie gedacht haben, wirkt alles überaltert und kommt bei der heutigen, von "Stirb Langsam", "Indiana Jones" und Schwarzenegger-Action verwöhnten Disco-Kinojugend nicht an. Dennoch muß die Bond-Tradition gewahrt werden. Was kam dabei heraus?

Pierce Brosnan ist ein guter Bond, in der Rangfolge gleich nach dem unübertrefflichen Sean Connery. Keine Frage. Der Film ist glänzend besetzt, exzellent gespielt, die beiden neuen Frauen, Izabella Scorupco (die Gute) und Famke Jassen (die brutale Böse) werden sicher mit Angeboten überhäuft; Spezial Effekte und Fotografie sind wie stets erstklassig. Es gibt ein paar witzige, flotte Sprüche.

Aber es mangelt an neuen Ideen. Es ist klar ersichtlich, dass man sich bedingungslos dem kinematographischen Zeitgeist unterwarf, von dem ein kluger Mann sagte, wer sich mit ihm verheirate, werde bald Witwer sein. Andererseits denkt man an den zynischen U. S. Journalisten H. L. Mencken, der einst prophezeite, dass niemals jemand pleite gehen werde, der mit dem schlechten Geschmack des amerikanischen Publikums rechnet.

Die Geschichte beginnt in Sowjetrußland und begibt sich dann in das heutige Rußland. Hier wirken nun einige Leute als private Verbrecher weiter und sie wollen ­ wie schon in so vielen Bond-Filmen ­ mittels zweier Satelliten (sie heißen Goldeneye) der Welt das Fürchten lehren. In diesem Fall plant der verräterische ehemalige Bond-Kollege 006 (Sean Bean) London zu zerstören und mit dem geraubten Geld ein schönes neues Leben zu beginnen.

Das alles wird in letzter Minute von 007 verhindert. Es gibt die sogenannten Gimmicks wie u. a. Armbanduhr mit Minilaser, explodierender Kugelschreiber, den flotten BMW-Roadster und einen Gürtel als Rettungsseil.

Der durch St. Peterburgs Häuser rasende, von Bond gelenkte Panzer ist ja recht hübsch, mit ein paar Lachgags versehen, aber neu ist auch das nicht. Es gab sogar schon einmal einen ganzen Film über ein solches Vehikel.

In der traditionellen Vortitelsequenz springt Bond an einem Bungeeseil von einem riesigen Damm, schneidet sich los, fliegt wie Superman auf ein führerloses, abstürzende Privatflugzeug zu, dessen Piloten er im vorbeigehen erledigt hat, erreicht das Flugzeug, steigt ein und stabilisiert es. Also das ist doch ein bißchen zu viel Märchen bei aller Toleranz.

Das Neue an diesem Bondfilm, aber längst Abgedroschenes aus unzähligen anderen Filmen und allabendlichen Fernsehserienfolgen sind die vielen, vielen Explosionen und tonlich übertriebenen Prügeleien, aus denen je nach dramaturgischer Notwendigkeit jedermann unverletzt entkommt (der Normalmensch würde nach derartigen Katastrophen zumindest ein Jahr im Krankenhaus liegen, hätte er Glück). Die Autojagden sieht man ständig in den TV-Serien.

Was wir da haben ist demnach ein altes Bondgerüst, aufgepeppt mit vordergründigem Actionkrach (Regie: Martin Campbell ["Flucht nach Absalom"]), aber ohne wirklichen neuen Einfall. dass Waffenmeister M nun erstmals eine Frau (Judi Dench) ist, reicht nicht.

Keine schlechte Unterhaltung, möglicherweise ­ und man wünscht es dem um Erfolg bangenden MGM-Studio ­ sogar ein Kassenrenner, aber für den Bondfilm-Liebhaber enttäuschend (Das Spekulationsrezept scheint aufzugehen: 26 Millionen Dollar in den ersten drei nordamerikanischen Kinotagen).

Sie können Erich Kocian eine schicken. Er ist der Autor des Standardwerks "Die James Bond Filme" (Heyne Verlag, 7. Auflage).

Dirk Jasper FilmLexikon
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