Rolf Spiess über Nobody's Fool

Szenenbild Sympathische Looser Paul Newman spielt einen Looser. Das ist unvorstellbar, aber wahr. Nicht umsonst ist der inzwischen 70jährige schon zu Lebzeiten eine Schauspielerlegende. Eine weitere tritt als seine Vermieterin auf: Jessica Tandy ist konsequent bemüht, den hinkenden Baustellenhiwi für eine Tasse Tee zu erwärmen. Ablehnend ist der auch gegenüber seinem gelegentlichen Arbeitgeber, gespielt von Bruce Willis.

Eigentlich sind sie alle Looser. Alle, die es nicht über die Grenzen des verschneiten New Yorker Städtchens North Bath hinaus geschafft haben. Der Richter, der nie einen Fall gewinnt. Der Polizist, der sich auf offener Straße beim Ausstellen von Verwarnungen die Nase blutig schlagen läßt. Das Ehepaar Roebuck, das außer dem Nachnamen nicht mehr viel gemeinsam hat. Die Frau im Bademantel, die trotz Eiseskälte immer wieder von zu Hause ausbüchst. Lauter Eigenbrötler, lauter schrullige Gestalten, die einander ebenso brauchen wie sie sich andererseits nicht ausstehen können. Ein permantes Gefrotzel ist die Folge. Für den Film bedeutet dies: flotte, freche und fiese Sprüche.

Zum Running Gag hat Regisseur Robert Benton (u. a. "Kramer gegen Kramer", Drehbuch zu "Bonnie and Clyde") das wechselseitige Klauen einer Schneefräse auserkoren. Eine fast schon kindisch zu nennende Aktion, doch sie ist für den Charakter der spinnefeindlichen Querköpfe Sully (Paul Newman) und Carl Roebuck (Bruce Willis) bezeichnend: beide benehmen sich manchmal wie kleine, naive Kinder. Die einzige, die noch ans Abhauen denkt, ist Roebucks Frau Toby (Melanie Griffith). Ihretwegen würde sogar Sully das winterliche Nest verlassen. Als endlich die Chance dazu besteht, macht Sully einen Rückzieher. Nicht, weil er ein Hasenfuß wäre. Nein, der alte Mann, dessen Herzensgüte allein die Vermieterin Miss Beryl (Jessica Tandy) noch ahnt, hat sich einer neuen Herausforderung gestellt. Einer, vor der er einst geflohen war: Verantwortung für seine Familie zu übernehmen. Auslösender Moment für diesen Sinneswandel war das Auftauchen seines sechsjährigen Enkels.

So wechselt denn auch die Stimmung immer wieder zwischen Klamauk und Zynismus, Herzschmerz und Zoff, Engstirnigkeit und Weltoffenheit ab. Neben einer sehr starken Schauspielermannschaft gefällt "Nobody's Fool" vor allem durch eine Unmenge an köstlichen Randsituationen.

"Nobody's Fool", USA 1995, 110 Minuten, von Robert Benton, mit Paul Newman, Bruce Willis, Jessica Tandy, Melanie Griffith. In deutschen Filmtheatern ab dem 1995-11-23.

Bewertung: 4 / 5 Punkte

Kurzkritik: Unvergeßliche Schauspieler ärgern sich gegenseitig. Schlagfertige Dialoge, sympathische Menschen, winterliches Kleinstadtgezerfe. Ein sehenswerter Film zum Einstimmen auf das Weihnachtsfest, garantiert marzipanfrei, aber mit wertvollen Tip zur (Schnee-) Kehrwochenfrage.

Dirk Jasper FilmLexikon
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