Es ist gewiß
reizvoll für einen Augenblick, die Welt mal aus der
Perspektive eines anderen Menschen zu sehen, für einen Moment
also in den Körper eines anderen zu schlüpfen, um wie er
zu fühlen, zu denken und zu handeln. Ein Reiz, mit dem das
Kino spielt, und ein Bedürfnis, das in gut gemachten Filmen
zuweilen sogar befriedigt wird. Doch so richtig perfekt ist das
Kino - zum Glück? - noch nicht: Die Identifikation mit dem
Leinwandhelden, mit dem man, wie es ja schön bildhaft
heißt, mitzittert und -fiebert, bleibt brüchig und ist
vor allem zeitlich begrenzt.
Aber an der Technik, die uns ein solches Abenteuer ermöglichen soll, wird - Stichwort: "Virtuelle Realität" - ständig gearbeitet. "Strange Days" geht jedoch noch einen Schritt weiter. Tatort ist Los Angeles, zwei Tage vor Silvester 1999: Die neueste Droge sind kleine CDs, die es ermöglichen, für 30 Minuten die Identität perfekt zu wechseln. Mittels einer Art Videoclip samt kleinem Abspielgerät kann man so die aufgezeichneten Erlebnisse anderer Leute lebensecht, körperlich und mental nachempfinden. Ein Verfahren, das vom FBI zur Überwachung von Straftätern entwickelt worden ist, das aber nun auf dem Schwarzmarkt illegal gehandelt wird. Der bekannteste Dealer ist der ehemalige Polizist Lenny Nero. Er, der "Magic Man", weiß, was seine Yuppie-Kunden wünschen: Sex und Crime und andere zumeist perverse Dinge. Die Nachfrage ist groß, und dennoch ist er, der Händler der fremden Gefühle und extremen Erinnerungen, ständig pleite. Ralph Fiennes, der in "Schindlers Liste" den KZ-Kommandanten Amon Göth erschreckend sympathisch verkörpert hat, spielt diesen Lenny Nero wunderbar gebrochen. Einsam wie ein Held aus den klassischen Krimis der Schwarzen Reihe durchstreift er das moderne kaputte Los Angeles. Er hat keinen Blick für die Gewalt, die sich auf den Straßen austobt. Er, der ewige Looser, ist nur mit sich und seinen Erinnerungen (die er auf Videoclips gesammelt hat) beschäftigt und natürlich unsterblich unglücklich in eine junge Frau (Juliette Lewis) verliebt. Doch dann wird Lenny in einen Kriminalfall verwickelt, der von der Regisseurin Kathryn Bigelow (das Drehbuch stammt vom "Terminator"-Regisseur: James Cameron!) technisch so virtuos in Szene gesetzt worden ist, dass man nach gut zwei Stunden völlig zerschlagen das Kino verläßt. Die Geschwindigkeit, mit der die kühl-glänzenden Bilder auf den Zuschauer einprasseln, ist der helle Wahn. Dazu dröhnt ständig eine musikalische Mischung aus Techno, Punk und Rap. Und zwischendurch greift die Regisseurin immer wieder zu einem ganz perfiden Mittel. Minutenlang schlüpft dann der Zuschauer in die Rolle eines dieser Videoclipnutzer aus der ganzen nahen Zukunft und erlebt, nein, nimmt als Voyeur teil an wahrlich bestialischen Morden. Solche Szenen sind zwar auch in jedem Serienkillerfilm zu sehen, hier aber werden sie derart explizit vorgeführt, dass sie irritieren und den üblichen Genuß am gewöhnlichen Kinoschrecken zerstören: Ein gemeiner, gleichwohl genialer Einfall. Noch etwas macht diesen Film so interessant. Die vielbeschworene "Virtuelle Realität" wird mit einer im Grunde ganz einfachen, dennoch zentralen Frage konfrontiert: Kann man tatsächlich in die Wirklichkeit eines anderen Individuums schlüpfen, ohne dass dies Auswirkungen auf die eigene Realität hat? Die Antwort, die uns "Strange Days" gibt, fällt jedenfalls negativ aus. Doch zumindest unser Held Lenny
hat am Ende Glück. Dank der Hilfe der coolen und
schlagkräftigen Lornette "Mace" Mason (Angela Bassett) zieht
er seinen Hals noch mal aus der Schlinge, die Bösen sind tot,
das Gute triumphiert, und Lenny bekommt die Frau, die er verdient
hat. Hollywood macht also mal wieder auf Optimismus. Aber trotz
dieses arg konstruierten und unlogischen Happy-Ends ist "Strange
days" ein Film, der von nun in einer Reihe mit "Blade Runner" und
"Terminator" genannt werden muß.
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Es ist gewiß
reizvoll für einen Augenblick, die Welt mal aus der
Perspektive eines anderen Menschen zu sehen, für einen Moment
also in den Körper eines anderen zu schlüpfen, um wie er
zu fühlen, zu denken und zu handeln. Ein Reiz, mit dem das
Kino spielt, und ein Bedürfnis, das in gut gemachten Filmen
zuweilen sogar befriedigt wird. Doch so richtig perfekt ist das
Kino - zum Glück? - noch nicht: Die Identifikation mit dem
Leinwandhelden, mit dem man, wie es ja schön bildhaft
heißt, mitzittert und -fiebert, bleibt brüchig und ist
vor allem zeitlich begrenzt.