Ernst Corinth über Heat

dass die Macht der Männer Risse bekommen hat, ist nicht zu übersehen. Nur Michael Mann (Regie und Drehbuch) hat es noch nicht gemerkt, oder er ist so raffiniert, dass er uns mit "Heat" nun bewußt einen Film vorlegt, der uns dank seiner narkotisierenden Wirkung für kurze Zeit unsere männliche Identitätskrise vergessen läßt. Frauen, das beweist dieses aufrechte Macho-Endzeitdrama eindringlich, werden nie verstehen, was richtige Männer so umtreibt. Sie stellen Ansprüche, die nicht einlösbar sind, fordern gar Emotionen, für die Männer keine Zeit haben - und dass richtige Kerle ständig einsam sind und gar nicht daran denken, das schmutzige Geschirr abzuwaschen, ist bekannt.

Doch zum Glück gibt's ja die große Männerfreundschaft. Eine auch erotische Beziehung auf Leben und Tod, wie sie in "Heat" am Beispiel des Polizisten Vincent Hanna (Al Pacino) und des Gangsters Neil McCauley (Robert De Niro) auf solch grandiose Art vorgeführt wird, dass man nicht weiß, ob man angesichts dieses völlig ungebrochenen Männerbildes nun schallend lachen oder sich davon emotional packen lassen soll.

Wer sich für letzteres entscheidet, wird keine Minute des knapp dreistündigen Films bedauern. Obwohl die Story einsamer Polizist jagt einen genauso einsamen Gangster ziemlich hohl und schon hundertfach zuvor im Kino erzählt worden ist: Unter der Leitung des obercoolen McCauley plant eine Bande raffinierter Ganoven mal wieder den allerletzten Coup. Auf ihrer Spur ist jedoch mit Vincent Hanna ein ganz ausgebuffter Polizist. Dann geschieht das Unvermeidliche. Das Räuber-und-Gendarm-Spiel entwickelt sich zu einem Zweikampf, der sich schließlich in einem furiosen High-Noon-Spektakel auf dem Flughafen von Los Angeles entlädt. Am Schluß liegt einer der beiden sterbend auf der Piste. Murmelt noch ein paar nachdenkliche Worte, während der andere ihm dabei zärtlich die Hand hält.

Doch bevor es zu dieser final-tödlichen Vereinigung kommt, gönnen sich McCauley und Hanna zwischendurch tatsächlich eine kurze Kaffeepause. Sie gehen in eine Kneipe, plaudern über Gott und die Welt, über Frauen und ihre Beziehungskrisen und bemerken ganz zu Recht, dass wohl einer von ihnen am Ende ins Gras beißen muß. An die andere Alternative, zusammenzuziehen und gemeinsam alt zu werden, denken die zwei leider nicht.

Originell an dieser Szene, für die eine wirkliche Begebenheit als Vorbild gedient haben soll, ist nicht so sehr, dass hier zum erstenmal die Legenden des amerikanischen Kriminalfilms, Pacino und De Niro, sich auf der Kinoleinwand leibhaftig gegenüber sitzen, sondern dass Michael Mann diese publikumswirksame Chance "frecherweise" auf ein paar Minuten begrenzt hat. Aber selbst in dieser kurzen Zeit spielen die Hollywood-Giganten all das aus, was sie als Akteure berühmt gemacht hat: Ein schönes und spannendes Schauspielerduell aus knappen Blicken, angedeuteten Lächeln und kleinsten Gesten.

Doch kaum ist der Kaffee ausgetrunken, rufen schon wieder der Job, die Straße und das wilde schmutzige Männerleben. dass die Frauen dafür kein Verständnis haben, ist zwar schade. Aber schließlich haben sie auch was anderes zu tun. Einer muß ja den Abwasch erledigen.

Dirk Jasper FilmLexikon
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