Ernst Corinth über Mary Reilly

Der Nebel wabert, der Regen schlabbert, die Kerzen funzeln - und irgendwo in dunkler Nacht kämpft ein einsamer Mann mit den zwei Seelen, die in seiner Brust so unruhig ruhen. Mal siegt das Gute, dann das Böse, zuweilen gibt's ein Remis und am Ende haben beide Seelen Ruh'. Zurück bleibt Mary Reilly. Eine Frau, verlassen, verloren und verliebt.

Aus ihrer Perspektive erzählt uns der englische Regisseur Stephen Frears (nach einem Buch von Valerie Martin) noch einmal die alte Geschichte des Doktor Jekyll, der sich nächtens in Mister Hyde verwandelt, mordend durch die Straßen und Bordelle zieht und schließlich die Macht an sein zweites böses Ego verliert. Bis auf ein paar unappetitlich blutige Szenen und eine eher unfreiwillig komische Verwandlungsepisode hat Frears - für eine Hollywood-Produktion überraschend - auf vordergründige Horroreffekte verzichtet und statt dessen auf Atmosphäre gesetzt.

Das gesamte Szenario wirkt düster, bedrohlich, ja, sogar ein wenig klaustrophobisch. Eine Stimmung, die sich auch auf den Gesichtern der mental geknickten Hauptdarsteller, John Malkovich und Julia Roberts, widerzuspiegeln scheint. Malkovich blickt als Jekyll so gebrochen männlich in die Welt, dass es zum Fürchten oder zum Verlieben ist. Als Hyde dagegen verwandelt er sich in eine Art kleinen triebhaften Bruder des Glöckners von Notre-Dame, der mit jungfräulichen Damen aber alles andere als unschuldig umgeht.

Und Julia Roberts spielt wortkarg und tieftraurig gegen ihr "Pretty-Woman-Image" an. Ihre Mary Reilly ist eine zum Bemitleiden unterwürfige Dienerin, die sich in ihr Schicksal fügt, weder die Kraft zur Rebellion noch zum Haß hat, dabei so unschuldig und naiv ist, dass ihr Herr, der gute Jekyll, es nie wagt, sie zu berühren. Das überläßt er dann lieber seinem alten Kumpanen Hyde ...

Doch trotz der faszinierenden Atmosphäre und den zahlreichen malerisch schön arrangierten Großaufnahmen der beiden Stars ist die Geschichte selbst leider viel zu läppisch. Das eigentlich Interessante, also der Kampf zwischen den beiden Egos, wird durch den Perspektivwechsel zu sehr in den Hintergrund gedrängt. Das Schicksal der Mary Reilly, die keinen Augenblick irgendwie bedroht zu sein scheint, sorgt in dem knapp zweistündigen Film zu keiner Zeit für die nötige Spannung. Und der Schluß, den Frears auf Druck seiner Produzenten mehrfach verändern mußte, besitzt die romantische Eleganz einer x-beliebigen Jeansreklame.

Dirk Jasper FilmLexikon
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