Jenseits von Coolness und
Moral
Dynamik war schon immer eines der
charakteristischen Merkmale des Hongkong-Kinos. Doch die Zeiten von
Kung-Fu kämpfenden Muskelmännern sind längst
Vergangenheit und abgenutzt. Der Countdown für die
ostasiatische Metropole läuft ebenfalls: 1997 wird die
britische Kolonie China einverleibt. Dann wird man vielleicht noch
weniger vom dortigen Filmmarkt mitbekommen. Es sei denn, der
"Chungking Express" öffnet die Augen.
Schade eigentlich, dass dieses filmische (Kron)Juwel erst durch das Wort eines Quentin Tarantino ("Pulp Fiction") eine Chance bekam. Bei der Inkarnation eines Independant-Filmemachers löst der "Chungking Express" regelmäßig kullerne Tränen aus. "Vor allem, weil ich so glücklich bin, einen Film derart zu lieben", verrät Tarantino. Dabei wurde der von amerikanischen B-Filmen der 50er und der Nouvelle Vague der frühen 60er Jahre inspirierte Film bereits 1994 fertiggestellt, im Bummelzugtempo läuft er nun in den hiesigen Kinos an. Dabei ist Tempo eines der Merkmale, die selbst einen Film wie "Speed" zu einem vergleichsweise gemächlichen Sonntagsausflug gestalten. Bei Regisseur Wong Kar-wei bezieht sich Tempo vor allem auf den Schnitt. Kurze Einstellungen ganz nach dem MTV-Muster machen seine Filme zu einem postmodernen Trip. Konsum und Einsamkeit sind seine Themen, treffen kann es jeden. Weshalb seine Figuren statt Namen Nummern tragen, ihre Welt beschrieben ist durch Fast Food und oberflächliche Begegnungen. "Chungking Express" erzählt zwei Geschichten über Polizisten, die von Liebeskummer geplagt sind. Beide spielen im Neondickicht von Hongkong, wo es von eigenartigen Menschen nur so zu wimmeln scheint. Ihrer aller Begegnungen sind kurz, komisch und kurios. Wong Kar-wei verbindet sie zu einem gleichermaßen als Melodram, Krimi und Actionstory konzipierten Zeitgeistportrait. Abgesehen von den optischen Reizen der vornehmlich per Handkamera eingefangenen Bilder lassen Kar-weis Figuren allerlei amüsante wie tiefsinnige Sprüche und Philosophien vom Stapel. Wer mal Lust auf Neues hat: hier erlebt er/sie die Unendlichkeit des Augenblicks. "Chungking Express", Hongkong 1994, 97 Minuten, von Wong Kar-wei, mit Brigitte Lin Chin-hsia, Takeshi Kaneshiro, Tony Leung Chiu-wai, Faye Wang. In deutschen Filmtheatern ab dem 28.03.1996. Bewertung: 4 / 5 Punkte
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Jenseits von Coolness und
Moral
Dynamik war schon immer eines der
charakteristischen Merkmale des Hongkong-Kinos. Doch die Zeiten von
Kung-Fu kämpfenden Muskelmännern sind längst
Vergangenheit und abgenutzt. Der Countdown für die
ostasiatische Metropole läuft ebenfalls: 1997 wird die
britische Kolonie China einverleibt. Dann wird man vielleicht noch
weniger vom dortigen Filmmarkt mitbekommen. Es sei denn, der
"Chungking Express" öffnet die Augen.