Rolf Spiess über Nach Fünf im Urwald

Land-Mädel bereist Großstadtdschungel Vor dem großen Donnerwetter erst einmal an die eigene Nase fassen: darauf läuft's in dieser ursprünglich für's Fernsehen vorgesehenen Komödie (aus deutschen Landen frisch auf den Tisch) hinaus. Der Publikumsrenner der letztjährigen Hofer Filmtage beschreibt mit grandioser Situationskomik und ehrlichen Dialogen eine durchaus alltägliche Geschichte: Tochter büchst nach Streit mit Eltern aus, kann Freiheit aber nicht genießen, kehrt schließlich reumütig wieder heim. dass sich die Eltern in der Zwischenzeit auch mal vergessen und allerlei Blödsinn treiben, davon profitiert und handelt dieser Generationen verbindende Film.

Meistens fällt es den Autoritäts- und Erziehungspersonen eben viel zu spät ein: auch sie waren einmal jung, haben gekifft, Parties gegeben, Nächte durchzecht und auf den Möbeln getanzt. Das alles nützt der 17jährigen Anna (Franka Potente) wenig: nach ihrem Geburtstagsfest sieht es aus wie nach dem Durchzug eines mittleren Taifuns. Die Gäste haben das mit dem "Fühlt Euch wie zuhause" vielleicht doch etwas zu wörtlich genommmen. Als Papa (Axel Milberg) ausrastet, zieht Franka Leine. In München träumt sie davon, ein Modell zu sein, lernt aber schnell die Oberflächlichkeit der Szene kennen. Interessanter noch als ihre Entdeckungsreise aber ist der Trip, auf den die Eltern geraten. Sie erinnern sich, zusammen mit einem zweiten Ausbüchserelternpaar, an die eigene Jugend. Auch da gab es Parties - mit Joints, Whisky und Regentänzen. Während Franka im Münchner Großstadtdschungel eher ernüchternde Dinge erlebt, folgt im ländlichen Spießerheim Knaller auf Knaller.

Nachwuchsregisseur Hans-Christian Schmidt hat damit eines erreicht: er tanzt auf zwei Hochzeiten, spricht nicht nur die Jugend, sondern auch die Elterngeneration an. Schaut hinein in die Seele von Menschen, die äußerlich, bzw. in den Augen ihrer progressiven Nachkömmlinge Spießer sind. dass ausgerechnet die als aggressiv eingeführten Erwachsenen am Ende das größere Lachpotential zugesteckt bekommen, ist zielgruppengerechte Ansprache. Toll auch Franka Potente als Anna und Axel Milberg (zuletzt als Todeskandidaten-Agent in "Rohe Ostern" auf der Leinwand) als konservativer Bürgermeisterkandidat mit linker Vergangenheit.

"Nach Fünf im Urwald", Deutschland 1995, 90 Minuten, von Hans-Christian Schmid, mit Franka Potente, Axel Milberg, Dagmar Manzel. In deutschen Filmtheatern ab dem 18. April 1996.

Bewertung: 4 / 5 Punkte

Dirk Jasper FilmLexikon
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