Ernst Corinth über
Davor und danach
Da wird eine junge
Frau tot aufgefunden, ein 16jähriger Bursche verschwindet,
seine Eltern sind ratlos, der Vater entdeckt einen blutigen
Wagenheber im Auto seines Filius, verwischt hektisch die Spuren und
dann erscheint die Polizei. Nach gut einer Stunde wird der Junge
verhaftet, ein wunderbar schmieriger Rechtsanwalt (Alfred Molina)
mit einer tollen Verteidigungsstrategie und dem Talent, bei
Gesprächen Wurstbrote zu essen, engagiert - und eigentlich
könnte nun ein aufreibendes Justizdrama beginnen. Aber Barbet
Schroeders Film schlägt genau an dieser Stelle um und
verwandelt sich zu einem zähen Melodrama über Schuld und
Sühne, Wahrheit und Lüge, das erschreckend
leidenschaftslos gespielt und überraschend ziellos in Szene
gesetzt ist.
Am liebsten würde man
aufstehen und den Leuten auf der Leinwand zu rufen: "Macht
bloß keinen Unsinn! Laßt die Finger von den
Beweisstücken! Das zahlt sich doch überhaupt nicht aus!"
Aber im Unterschied zu dem Ehepaar Ryan (Meryl Streep, Liam
Neeson), das, wie gesagt, mächtig Probleme mit seinem
pubertierenden Sohn Jacob (Edward Furlong) hat und sich dabei
verhält wie in einem zweitklassigen deutschen Fernsehkrimi, wo
ein Unschuldiger eine Leiche findet und statt die Polizei
anzurufen, den Toten aus irgendwelchen Gründen lieber
verschwinden läßt, ist man als Kinobesucher doch arg
vernünftig.
Man bleibt also brav sitzen,
verfolgt schließlich das Geschehen auf der Leinwand nur noch
gelangweilt und manchmal, wenn es so richtig schwermütig
zugeht, sogar belustigt: "Wahrheit? Was ist die Wahrheit?'' "Lady,
Sie haben einen Medea-Komplex!" "Und Sie essen immer diese ekligen
Wurstbrote!"
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