Ernst Corinth über Zwielicht

Kriminalfälle wurden früher von Polizisten aufgelöst. Danach folgten die Privatdetektive. Heute sind es die Rechtsanwälte, die im Kino diesen Job übernommen haben. Ein Rollenwechsel, der vermutlich als Reflex auf das amerikanische Rechtssystem zu verstehen ist, wo selbst banalere Vorfälle millionenschwere Schadensersatzprozesse zur Folge haben und spektakuläre Mordprozesse zur besten Sendezeit mit höchsten Einschaltquoten über die Fernsehschirme flimmern.

Gleichzeitig reagiert Hollywood mit seiner neuen Anwaltswelle wohl auch auf die weltweit auflagenstarken Erfolge der Justizthriller (nicht nur) eines John Grisham. Gregory Hoblits "Zwielicht" ist da keine Ausnahme: Wie bei Grisham sind die Politiker, hohen Beamten und Geschäftsleute, die hier die Stadt Chicago regieren, korrupt und machtbessenen, schmieden Intrigen und gehen über Leichen. Und selbst der brutal ermordete Erzbischof hat Dreck am Stecken.

Auf der anderen Seite kämpft der Staranwalt Martin Vail um das Leben seines Klienten Aaron Stampler (Edward Norton), der den besagten Kirchenfürsten mit gut 70 Messerstichen ins unverdiente himmlische Jenseits befördert haben soll. Schuld oder Unschuld interessieren Vail - zumindest am Anfang - dabei überhaupt nicht. Er weiß, dass dies der Prozeß des Jahres ist und den will er natürlich gewinnen. dass seine Opponentin vor Gericht, die Staatsanwältin Janet Venable, früher mal seine Geliebte war, macht die Sache für diesen trinkfesten Egomanen nur noch reizvoller.

dass Laura Linney als Staatsanwältin recht blaß wirkt, liegt vor allem an Richard Gere. Wie er den schillernden Anwalt nuancenreich spielt, ist sehenswert und zeigt, was für ein großer Schauspieler er sein könnte, wenn er bei der Wahl der Rollen zukünftig etwas genauer hinschauen würde.

Doch "Zwielicht" hat noch mehr zu bieten als den gut aufgelegten ergrauten Frauenschwarm Gere und den Genre üblichen, hier überaus fintenreich dargestellten Kleinkrieg vor Gericht. Da werden vom Regisseur Gregory Hoblit zuerst alle möglichen gerade angesagten Kinothemen wie multiple Persönlichkeit, Inzest oder sexueller Mißbrauch ins Spiel gebracht, jedoch nur um den Zuschauer auf witzige und spannende Art in die Irre zu führen. Und am Schluß stellt sich dann heraus, dass dies alles nur ein gigantischer, toll ausgeklügelter Schwindel gewesen ist. Auf den nicht nur ein Martin Vail hereingefallen ist.

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