Andreas Dimpfel über The Rock

Was muß ein Mann empfinden, der am Grabe einen Schwur vor seinem Gewissen leistet? Für sich selbst und für einen verlorenen Menschen! Einen Schwur um seines verratenen Glaubens willen. Verraten von jenen, denen er diente. Sein Blick senkt sich. Er ist gebrochen. Nur die Uniform gibt ihm noch letzte Haltung. Und dann dieser Satz am Grab, so einfach und so klar. Es will das Herz zerreißen: "Ich vermisse Dich!" Im gleitenden Wirbel der immer tiefer greifenden, schweren Musik die gleitenden Bilder. Und Regentropfen fallen, langsam perlend über das verbitterte, zerrissene, empfindende Gesicht. Ed Harris. Der Himmel weint für eine Seele. Und das Orchester bäumt sich auf. Heftig und berstend, doch im Hintergrund einsam widerstehend die Trompete, rufend nach den Kameraden, die nie wiederkehren. Und dann wieder Stille.

So beginnt THE ROCK. Regisseur Michael Bay versteht es, mit dem Instrumentarium der filmischen Extreme in stetem Wechsel umzugehen. Trauer fließt in Romantik, Action paart sich mit pointierter Witzigkeit. Tragische Momente wechseln mit humoresken Szenen und werden von diesen dennoch nicht verdrängt. Jede Szene ist Stimmung, ein Kabinettstückchen; wirkt für sich selbst und ordnet sich dennoch dem großen Ganzen unter, das so zur Entfaltung kommt.

Brigade-General Francis Hummel erpreßt die Regierung der Vereinigten Staaten. In einem Geniestreich hat der hochdekorierte Hummel mit einigen Golf-Kriegskameraden ohne jedes Blutvergießen die Gefängnis-Insel Alcatraz in seine Gewalt gebracht. 81 Touristen sind seine Geiseln. Gleichzeitig richtet Hummel vier Raketen mit dem "giftigsten Kampfstoff der Welt" auf San Francisco. Jede Rakete ist in der Lage 70.000 Menschen zu vergiften. Aus einem geheimen Schmutzgeld-Fond der Regierung fordert Hummel 100 Millionen Dollar auf ein Sonderkonto.

Mit diesem Geld will er die Angehörigen gefallener Spezial-Soldaten unterstützen. Denn die Regierung tut nichts für die Hinterbliebenen. Sie verleugnet ihre Elite-Soldaten sogar, da sie in geheimen Aufträgen unterwegs waren.

Der erste Dialog zwischen Hummel und der Einsatzleitung im Pentagon ist präzise, temporeich und eindrucksvoll. Ähnliche Szenen gibt es in vielen Filmen. In THE ROCK ist der Vorgang beispielhaft.

Hummel ist Experte. Hummel ist ein in Washington vielgeachteter Mann. Sein Team besteht aus Profis. Seine Forderung ist moralisch nachvollziehbar. Seine Festung uneinnehmbar. Das Giftgas unbekämpfbar. Die Gespräche sind geheim. Jede Regierung der Welt, hätte in dieser Situation nachgegeben. Ein Hinhalten gefährdet tausende Menschen. Und darum müßte hier der Film enden!

Kein Zweifel: Nach Erfüllung der Forderung hätte Hummel die Gefängnis-Insel geräumt. Er ist glaubwürdig. Die Regierung weiß dies. Sie kennt seine Akten. Hummel ist eine lebende Legende, dreifacher Träger der "Purple Hearts" und der "Medal of Honor". Anstattdessen wird ein Todeskommando losgeschickt, das über das Meer und dann unter Wasser auf unterirdischem Wege in die Festung eindringen und die Raketen unschädlich machen soll.

Eine Stunde vor Ablauf des Ultimatums sind immer noch zwei Raketen auf San Francisco gerichtet. Spätestens jetzt müßte die Regierung einlenken. Doch pokert sie weiter. Ebenso der Präsident, der sich in einem schmierig-salbadernden Monolog voller Stereotype für die Bombardierung von Alcatraz entscheidet. "Thermite Plasma" soll das ganze Gefängnis förmlich verdampfen lassen. Ein Präsident also, der 81 Touristen gegen 100 Millionen Dollar aufwiegt. (Und nicht gegen die mindestens 70.000 potentiellen Giftgas-Opfer aufwiegt, wie es falsch dargestellt wird. Denn mit 100 Millionen Dollar würde Mr. Hummel abziehen!)

Das Hasardspiel der Regierung ist der schwächste Punkt des ganzen Films. Entweder hätte es nicht stattfinden dürfen oder auf andere Weise unausweichlich zwingend gemacht werden müssen. 100 Millionen Dollar von einem Schmutzgeld-Fond (aus den Überschüssen geheimer Waffengeschäfte der Regierung) sind kein Argument.

Diese Schwächen haben mich geärgert. Aber der Film entschädigt. Mit grandiosen Bildern und einem Sean Connery von ungeheurer Bandbreite. So beispielhaft, dass manchem Hollywood-Youngster zu wünschen wäre, den Film mehrmals vor dem Einschlafen zu studieren.

Connery spielt den britischen Geheimagenten Patrick Mason, seit Jahrzehnten ohne Prozeß und Urteil in Bundes-Gefängnissen in Haft. Ihm zur Seite gestellt ist Nicholas Cage als FBI-Mann Stanley Goodspeed. Connery ist der Einzige, der den geheimen Weg ins Innere von Alcatraz kennt - und Cage der einzige, der die Kampfstoffbombe vor Ort entschärfen kann. Ed Harris verkörpert den tragischen Hummel. Ein Trio also, von dem jeder allein einen Film halten und zum Erfolg führen könnte. Nicht selten sind solche Star-Ansammlungen desaströs. Häufig schon wurde mit der besten Mischung das schlechteste Resultat erzielt. Nicht so in THE ROCK.

Nicholas Cage scheint an der Seite von Connery noch einmal über sich hinauszuwachsen. Und Ed Harris läßt mit seinem General Hummel auf einen Menschen hinter dem Soldaten blicken. Einen Mann der Armee, der alles erreicht hat, dem schließlich alles genommen wurde, der eine Welt verloren hat - und der daran zerbrochen ist.

Leider sind viele der Verfolgungsjagden unnötig. Beispielsweise die Autojagd. Sie bringt den Film nicht weiter, fördert inhärent weder Handlung noch liefert sie Erklärungen, sie ist (wie 80 % der anderen Actionsequenzen) technisch perfekt aber nach Maßgabe des visuell Erträglichen eine Zumutung. Da wollte jemand beweisen, scheint es, dass er in San Francisco einen Hunt inszenieren kann ähnlich dem "Vorbild" aus Die Hard 3 durch den Central Park. Anders ist es wohl kaum zu erklären. Überhaupt bewegt sich der Film bei manchen Action-Szenen von Anleihe zu Anleihe aus anderen Filmen. Wobei es ihm jedoch immer gelingt, eigenständig zu bleiben. Das Auftauchen der U-Bahn in "Speed" oder der Train-Crash in "Auf der Flucht" mögen beispielsweise Pate gestanden haben, dennoch ist das Spektakel der Cable Car Sequenz in seiner Ausführung unique.

Zudem hat das Komponisten-Team einen herrlichen Score komponiert und arrangiert. Und Hans Zimmer schenkte uns im Hauptthema eine Melodie, die in sämtlichen Variationen bis zum letzten Takt anzurühren vermag.

Alles in allem, Hut ab vor Michael Bay. Seine Aufnahmen werden immer dann phantastisch wenn er von den gräßlich überzüchteten Close-ups weggeht. Epische Bilder, wie schwere Gemälde, begleitet von wuchtig-drängenden Klängen, ergreifen das Gemüt. Die präsente, häufig fast klagende, monumental-strömende Musik durchzieht den ganzen Film. Bis hin zum Showdown. Wo wir Nicholas Cage sehen, als Agent Stanley Goodspeed, in kreuzigungsähnlicher Pose, die Arme ins Firmament emporgereckt. Und den Kopf mit leidender Miene, leicht zur Seite geneigt, vor biblischem Himmel. Die Kamera fährt herum und heran, und erlösend und schwer klingt das Orchester.

Das sind Bilder, die der Liebhaber nie vergessen wird. Ebensowenig wie Connerys Gesicht. Zuweilen beinahe "heilig" ausgeleuchtet! Und man fragt sich unwillkürlich: Wie oft kann ich diesen großartigen Mann in so großen Rollen noch auf der Leinwand sehen? Ich wünsche viele, viele Jahre!

THE ROCK ist nach allen Aspekten ein Action-Film der ersten Kategorie. Und er nimmt gefangen, so sicher wie Alcatraz.

Empfehlung: 4 von 5 Sternen

© 1996 Andreas Dimpfel © 1999 Next Step Mediendienste GmbH