Ernst Corinth über Die Jury

Die neuste John Grisham Verfilmung hinterläßt ein ziemlich flaues Gefühl. Knapp zweieinhalb Stunden schaut man wie gefesselt der spannenden Handlung zu, ist von den hervorragend agierenden Schauspielern begeistert, läßt sich von der Atmosphäre einnehmen, ergreift insgeheim Partei, und dann erwischt man sich plötzlich bei dem Gedanken, dass man vermutlich genauso gehandelt hätte wie der schwarze Carl Lee (Samuel L. Jackson), der die Vergewaltigung seiner Tochter mörderisch rächt.

Denn, und das ist das beängstigend Aberwitzige an diesem Film, was Joel Schumacher hier nach Grishams ersten Roman ,,Die Jury'' inszeniert hat, ist im Grunde nichts anderes als ein extrem emotionales Plädoyer für das Recht der Väter und der Mütter, die Mörder und Vergewaltiger ihrer Kinder umzubringen.

Als Schauplatz dient ein kleines Städtchen im Süden der USA: Zwei rassistische ,,Rednecks'' vergewaltigen auf bestialischste Art ein zehnjähriges schwarzes Mädchen. Da der Vater der Kleinen weiß, dass in ähnlichen Fällen die weißen Vergewaltiger von der weißen Justiz freigesprochen worden sind, greift er zum Gewehr und knallt die Typen kurzerhand nieder. Der junge Anwalt Jake Brigance (Jungstar: Matthew McConaughey) übernimmt den Fall, kämpft vor Gericht gegen die drohende Todesstrafe seines Mandanten und wird dabei selbst zur Zielscheibe des Ku Klux Klans, der wiederum den Mord an den beiden Weißen rächen will.

Der Rassenkonflikt und seine nicht nur juristischen Folgen sind in diesem Film jedoch nur Staffage. Regisseur Schumacher konzentriert sich nämlich ausschließlich auf seine weißen Figuren. So gut wie nichts erfährt der Zuschauer beispielsweise über die Mutter des Vergewaltigungsopfers, dafür alles über den jungen Anwalt, über seine Motive, seine Gefühle, seine Eheprobleme und seine Beziehungen zu seinem alten Mentor, dem an Alkohol gescheiterten Anwalt Lucien Wilbanks (Donald Sutherland), oder zu seiner hübschen Assistentin, der wohlhabenden Jurastudentin Ellen Roark (Sandra Bullock). Und sogar die Fanatiker des Ku Klux Klans um den Provinzbösewicht Freddie Cobb (Kiefer Sutherland) werden lebendiger geschildert als ihre schwarzen Opfer.

Wenn man so will, reproduziert der Film, ob bewußt oder nicht, also genau das, was er vermeintlich anklagt: Rassismus. Doch viel schlimmer noch ist sein ungebrochenes Plädoyer für die Selbstjustiz. Da wird von den unterschiedlichsten Charakteren immer wieder betont, dass auch sie so gehandelt hätten, und dabei völlig vergessen, dass Carl Lee seine Tat anfangs ausdrücklich mit der Rassenjustiz in den USA begründet hat. dass bei alledem zu keinem Zeitpunkt die Tat des väterlichen Rächers auch nur im Ansatz in Frage gestellt wird, ist dann schon wieder mörderisch konsequent.

Dirk Jasper FilmLexikon
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