Ernst Corinth über Der Glöckner von Notre Dame

Die Preise für Pocohantas-Puppen sind endgültig im Keller. Überall gibt's seit dieser Woche Sonderangebote, und Schuld hat ein kleiner buckliger Kerl, der das Zeug hat, dieses Jahr dem Weihnachtsmann glupschäugig die Schau zu stehlen. Sein Name ist natürlich Quasimodo, der als Glöckner von Notre Dame ein gar finsteres Dasein fristet. Doch dann lernt er unter ziemlich tragischen Umständen die hübsche Zigeunerin Esmeralda kennen, befreit sich langsam aus den Krallen seines bösen Ziehvaters Frollo Und mit ihm emanzipiert sich auch das Volk von Paris und stürzt den tyrannischen Richter (besagten Frollo), der die Stadt an der Seine zuvor mit eisernem Besen und bigotter Moral regiert hat.

Am Ende sind also alle happy: das Volk, Quasimodo (gesprochen von: André Eisermann), Esmeralda (Carin C. Tietze), ihr Geliebter, der schöne Phoebus (Jörg Löw), und die Kinder im Saal, die 90 Minuten lang ein für Walt-Disney-Verhältnisse überraschend düsteres Musicalabenteuer überstanden, selbst den schnulzigen Schlußgesang der Zottelfamilie Kelly hoffentlich mental heil überlebt haben und nun mit ihren Kaufwünschen auf ihre genervten Eltern losgelassen werden: Wie alle Jahre wieder, wenn zu Weihnachten der Disney-Konzern eines seiner perfekt gezeichneten Filmabenteuer im Kino startet.

Zwar wird dabei die Kulisse regelmäßig gewechselt, aber die Figuren, vor allem die positiven, werden sich immer ähnlicher. So schaut Esmeralda aus wie die Zwillingsschwester von Pocahontas: Sie wirkt künstlich, ist faltenlos glatt und dickbusig wie eine Barbie-Puppe, und hat, wie die Häuptlingstochter, was die Männer angeht, den gleichen Geschmack. Ihr Phoebus ist blond wie der Siegfried von Roy oder von Richard Wagner, sonst jedoch Pocahontas' Geliebten John Smith wie aus dem Gesicht geschnitten.

Wenn so die modernen Helden in den noch modernen Kinderzimmern unserer Tage aussehen, dann müssen wir uns eigentlich nicht wundern, dass unsere Mädels später auf geklonte Jünglinge abfahren, die als Popgruppen getarnt in den Hitparaden herumlungern, während unsere Knaben, etwas konsequenter, gleich zu Spielrobotern und anderen Kampfmaschinen greifen.

Doch genug der Nörgelei: Der Film hat ja durchaus seine Stärken. Es gibt beispielsweise exzellent gezeichnete Massenszenen. Das große Gemetzel am Schluß ist wirklich spannend und amüsant wie beim Gallier Asterix. Gelungen sind wieder einmal, auch das hat bei Disney Tradition, die bösen Figuren. Allen voran Richter Frollo (Klausjürgen Wussow), der zwar ein ganz schlimmer Kerl ist, aber wenigstens Charakter besitzt und erstaunlich elegant aussieht. Und witzig sind die kleinen Randfiguren, Esmeraldas zickige Ziege oder die drei steinernen Wasserspeier von Notre Dame.

Aberwitzig dagegen ist das Übermaß an politischer Korrektheit, mit denen die beiden Regisseure, Gary Trousdale und Kirk Wise, unsere Kinder pädagogisch quälen, und noch schlimmer sind die zahlreichen Gesangseinlagen, die diesen Film zum ziemlich verstaubten Musical verkommen lassen. Doch bevor wir jetzt als Erwachsene weiter kopflastig herummeckern, lassen wir lieber ganz schnell die Zielgruppe, also die Kinder, zu Worte kommen.

"Die Schlacht mit den Soldaten, fand ich echt geil", sagt beim Herausgehen ein Knabe. Ein junges Mädel findet Esmeraldas Ziege "ja sooo süß". Und eine Achtjährige, die von ihrem kulturpessimistischen Kritikervater offenbar bös infiziert ist, meint lapidar: "Der Film ist voll Scheiße." - Und alle drei haben irgendwie Recht.

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