Der Mythos Evita - Heilige oder Hure?

Evita Peron Evita - das ist für viele "Madonna" und ihr "Don't Cry For Me, Argentina"! Ein halbes Jahrhundert nach ihrem Tod verschwindet die wirkliche Evita hinter ihrem fiktiven Ebenbild auf der Leinwand. Das tatsächliche Leben dieser Frau ist für die meisten von uns auf Operettenformat reduziert. Schön, reich, begehrt, edelmütig, ein mächtiger Mann, der sie "wachküßt", ein früher, tragischer Tod, der Raum für Spekulationen und Phantasie läßt.

Die echte Evita Peron jedoch hatte die Persönlichkeit einer vielschichtigen Frau, die ihr Leben bewußt in die Hand nahm, die wußte, was sie wollte, die zweifellos Menschen beeindrucken konnte und gleichzeitig skrupellos und auch ordinär war. Sie liebte Macht und Luxus. Beides zeigte sie, fast naiv, auch gerne öffentlich. Eine Frau, die sich nimmt, was sie will - das war ungewöhnlich zur damaligen Zeit.

"In unseren Kreisen hat man über Evita gelästert", verrät Geschäftsmann Roberto T. Alemann, unter anderem Herausgeber des deutschsprachigen "Argentinischen Tageblatts" in Buenos Aires. Gelästert hat man über eine Frau, die es immerhin bis zur Präsidentengattin geschafft hatte, die von höchsten Politikern und Würdenträgern international hofiert und umgarnt wurde und die schon zu Lebzeiten Legende war?

Und wirklich: Für die Reichen, wie z. B. die Angehörigen der "Kuhfladenaristokratie" - so wurden jene genannt, die es durch den Handel mit Vieh zu Wohlstand gebracht hatten - war Evita Barbarei und Demogogie in Reinkultur. Sie fürchteten ihren Einfluß auf Präsident und Ehemann Juan Perón, ihren Instinkt für die Stimmungen und Bedürfnisse Besitzloser und ihr scheinbar bedingungsloses Engagement für die Ärmsten der Armen. Doch der karitative Mantel, in den sich Evita so gern hüllte, zeigte Risse. Und machte deutlich, dass sich hinter der Fassade des wohltätigen Engels eine Frau verbarg, die den Luxus liebte.

Madonna als 'Evita Peron' In ihrer Schmuckschatulle - oder sollte man besser Truhe sagen? - befanden sich unter anderem rund 1 200 Gold- und Silberbroschen, 756 Gold- und Silberschmiedegegenstände, 650 Juwelen, 144 Elfenbeinstücke und und und - im Gesamtwert von etwa 19 Millionen Pesos. Kein Wunder, dass auch die Presse sie umschwärmte, als sei sie ein Mitglied des Hochadels. Evita wollte, dass alle wissen, was sie erreicht hatte: "Sie sollen ruhig alle sehen, wie reich ich bin", kommentierte sie lakonisch ihren Lebensstil.

Evita Peron war also keine romantische Bühnenfigur, sondern ein Mensch mit vielen Facetten - gut und böse. Sie lebte in einem Land, das geprägt war von extremer Armut, extremem Reichtum, von Willkür und sozialer Ungerechtigkeit. Trotzdem avancierte die "Heilige mit dem Mikrophon" in nur achteinhalb Jahren zum Mythos.

Geboren war Eva am 7. Mai 1919 - sie selbst behauptete jedoch stets, erst 1922 das Licht der Welt erblickt zu haben - als uneheliches Kind des Hacienda-Verwalters Juan Duarte. Mit 15 Jahren hat Eva die Armut in dem Provinznest Los Toldos satt. Sie macht sich in die Hauptstadt Buenos Aires auf, um ihr Glück als Schauspielerin zu versuchen. Zu mehr als ein paar bedeutungslosen Nebenrollen reicht es aber nicht. Erfolg verspricht dagegen Evas Arbeit beim Radio. Mit "Heldinnen der Geschichte", einer politischen Soap-Opera, für die sie Frauen wie Sarah Bernhardt, der Zarin Alexandra und Maria Stuart ihre Stimme leiht, macht sie sich einen Namen.

Ihren großen Auftritt hat die ehrgeizige junge Frau 1944 bei einer Wohltätigkeitsgala für die Erdbebenopfer von San Juan. Als die 24jährige entdeckt, dass der Stuhl neben Oberst Juan Domingo Peró frei ist, macht sie es sich bei dem damaligen Kriegs- und Arbeitsminister bequem und haucht dem 48-jährigen "Danke, dass es Sie gibt" ins Ohr. Von Stund an ist Evitas kometengleicher Aufstieg nicht mehr aufzuhalten. Sie sieht in ihm den künftigen starken Mann Argentiniens.

Er ahnt, wie wertvoll das "ungehobelte Radioweib" im Kampf um die Sympathie der unzufriedenen Arbeiterschaft sein würde. Nur wenige Wochen nach dieser schicksalhaften Begegnung moderiert Evita im Radio eine tägliche Propagande-Sendung für ihren Geliebten, der sie im Oktober 1945 zur Frau nimmt und ein Jahr später zum Präsidenten gewählt wird.

Tatsächlich schafft Evita es, bei den Massen Gehör zu finden. Schon bald verehren die descamisados("die Hemdlosen") und die Gewerkschaften die Frau, mit deren Wissen politische Gegner verschleppt und gefoltert wurden und für immer verschwanden, wie eine Heilige.

Zu den Verdiensten der "südamerikanischen Linksfaschistin" gehören unter anderem Urlaubsgeld- und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, sie revolutioniert das Gesundheitswesen, organisiert Argentiniens erste greifende Aktion gegen Tuberkulose sowie Malaria und ebnet der Einführung des Frauenwahlrechts den Weg. Während ihrer Zeit als Präsidentengattin rettet Evita ihren Mann mindestens zweimal vor dem politischen Aus.

Als 1952 General Menéndez und ein Jahr später die antiperonistische Opposition versucht, ihn aus dem Amt zu putschen, tritt Evita ans Radiomikrofon und mobilisiert in aufrüttelnden Reden die Arbeiterschaft. Tausende versammelten sich auf dem Plaza de Mayo und bekunden lautstark ihre Loyalität gegenüber Peróns. Schnell lassen seine Gegner ihre Umsturzpläne fallen. Peróns Macht ist erst gebrochen, als seine Frau den Kampf gegen den Krebs verliert. Sie stirbt am 26. Juli 1952 an einer Gebärmutterkarzinom.

1996 verfilmt Regisseur Alan Parker ("Angel Heart", "Mississippi Burning") Tim Rices und Andrew Lloyd Webbers Musicalversion "Evita" mit Madonna in der Hauptrolle.

Dirk Jasper FilmLexikon
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