Ernst Corinth über Romeo + Julia

Na endlich wissen wir es: Schuld am tragischen Tod von Romeo und Julia hat die Post, die das Telegramm mit der alles entscheidenden Botschaft zu schludrig zugestellt hat. Und ein wenig Romeo selbst, der sich am Schluß so liebestrunken aufführt, dass er gar nicht merkt, wie sich die Hand seiner scheintoten Geliebten sanft bewegt, wie ein Augenlid leicht zuckt und sie plötzlich gar die Augen öffnet. Doch zu spät! Ihr Romeo hat schon das teuflische Gift geschluckt und ist hin für alle Ewigkeit.

Genau wie dieser Film schon nach wenigen Minuten hin und gescheitert ist. Und man sich beim Schauen nur noch fragt, was diese verpunkte Version der uralten Liebesgeschichte eigentlich soll. Regisseur Baz Luhrmann, der das romantische Drama heute, also 400 Jahre später, in "Verona-Beach" angesiedelt hat, wußte offenbar selber nicht, was er tat. Da benutzt er das Stilmittel des Videoclips, läßt die Kamera unruhig kreisen, während die kurze Schnittfolge für die gewohnte Hektik sorgt und im Hintergrund auf die Punktrommel gehauen wird. Doch anstatt diesen von Sendern wie "MTV" oder "Viva" vertrauten Rhythmus durchzuhalten, was ja immerhin als Experiment hätte nett und interessant sein können, greift der Regisseur schlagartig in den Liebesszenen wieder zu ganz konventionellen Mitteln und läßt dabei sogar die Geigen heftigst schmachten.

Das wirkt nicht nur, sondern ist dann auch albern. Vor allem wenn manches ausschaut und sich anhört wie eine Art "The Best of William Shakespeare". Oder die beiden Hübschen in der wunderschönen Balkonszene beispielsweise kopfüber in den Swimmingpool purzeln, um dort weiter unentwegt Gereimtes von sich zu geben. Und wenn die "Montague Boys" und die "Capulet Boys" sich zwischendurch immer mal wie in einem Actionstreifen bekriegen, dabei aber - Mich deucht, es reimt sich! - Verse rezitieren, fühlt man sich sogar in ein sozialpädagogisches Theaterprojekt für und mit jugendlichen Straßengangs versetzt.

dass die zahlreichen weiblichen Teenies im Kino, die wohl besonders wegen des neuen Jungstars Leonardo DiCaprio (Romeo) gekommen waren, laut kichern mußten, als er von seiner Julia alias Claire Danes beim Abschied gefragt wird: "Willst du mich unbefriedigt zurücklassen?" - spricht übrigens für unsere Jugend.

Dirk Jasper FilmLexikon
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