Ernst Corinth über Fallen Angels

Mord, Masturbation und Melancholie sind die drei Dinge zwischen denen sich alles abzuspielen scheint in dieser seltsam verfremdeten neon-nächtlichen Welt. Dabei wird gemetzelt, dass das Blut nur so spritzt, geraucht, dass die Zigarettenindustrie nicht um ihre Zukunft fürchten muß, und so eiskalt in die Kamera geschaut und so cool dahergeredet (aus dem Off, versteht sich), dass man beim Zuschauen schnell das Gefühl hat, das alles schon einmal gesehen zu haben: Vor Jahren und Jahrzehnten in Filmen wie Godards ,,Außer Atem'' , Melvilles ,,Der eiskalte Engel'' oder in ganz alten Streifen des Kettenrauchers Humphrey Bogart.

Vorbilder, die der Hongkonger Regisseur Wong Kar-Wai, der seit ,,Chungking Express'' unter jungen Cineasten Kultstatus genießt, zwar geschickt zitiert, musikalisch aktualisiert und in einem wahrhaft rasanten Tempo abspielt, die aber gleichwohl bei ihm völlig blutleer daherkommen. Und dass all die Geschichte und die Geschichtchen, die hier parallel erzählt werden, am Ende sogar ins lächerlich Läppische abstürzen, ist im Grunde nur konsequent.

Doch bevor uns Wong Kar-Wai seine merkwürdig kuschelige Botschaft auftischt, sieht man erst einmal 90 Minuten lang dem frustrierten Berufskiller Wong Chi-ming (Leon Lai Ming) ein wenig über die Schulter, erfährt aus seinem dekadenten Mund ein bißchen über seinen Job, der, auch das lernt man, versicherungstechnisch übrigens in keine Schublade paßt.

Aber er ist natürlich nicht der einzige gefallene und rauchende Engel, der sich in der nie enden wollenden Nacht von Hongkong herumtreibt. Da sind noch andere ebenso obercoole Figuren, beispielsweise seine hübsche Agentin (Michelle Reis), die sich nach ihrem mordenden Partner verzweifelt, aber hoffnungslos verzehrt, der stumme He Qiwu (Kaneshiro Takashi), der nachts Imbißbuden aufbricht, um dann wahnhaft das Geschäft weiterzubetreiben, die eifersüchtige Charlie oder die blondperückte Punkie, die alle der Liebe hinterherrennen, ohne genau zu wissen, wie die eigentlich nun überhaupt ausschaut.

Am Schluß jedoch folgt die Moral von der Geschicht': Was all diesen ,,Fallen Angels'' fehlt, sind ein bißchen menschliche Wärme und ein schnelles Motorrad. - Das Motorrad ist kein Problem, doch die Suche nach Wärme, die läuft halt immer irgendwie schief. Genau wie dieser elegant gescheiterte Film.

Dirk Jasper FilmLexikon
© 1999 © 1999 Next Step Mediendienste GmbH