Ernst Corinth über Jerry Maguire

Tom Cruise darf sich im Kino fast alles erlauben. Da sitzt er in der Wohnküche seiner liebreizenden Angestellten, ist völlig frustriert und wie Harald Juhnke betrunken, redet ziemlich wirres Zeug und fängt plötzlich an zu ,,grapschen''. Doch seine Mitarbeiterin nimmt's gelassen, läuft also nicht dem Trend der Zeit folgend zum Anwalt, um ihrem Boß eine millionenschwere Rechnung für diese sexuelle Belästigung zu präsentieren, sondern geht mit ihm, eine halbe Kinostunde später, lieber zum Traualtar.

Wen wundert's? Denn Tom Cruise ist nun einmal ein toller Liebhaber, der mal soft ohne dann wieder knallhart mit Sonnenbrille die Herzen aller Frauen bricht, und in Cameron Crowes Film zudem ein solch herzergreifend ehrbarer junger Mann, der das schier Unmögliche wagt. Als Sportagent Jerry Maguire will er nämlich Moral und Geschäft verbinden, will ehrlich und gleichzeitig erfolgreich sein. Seine Firma jedoch weiß, dass das nicht geht, und setzt den vermeintlichen Idealisten kurzerhand an die frische Luft.

Aber ein Jerry läßt sich nicht unterkriegen. Schließlich ist Erfolg nicht nur in den USA sogar für ehrbare Männer die Droge Nummer eins, und so kämpft er jetzt verzweifelt wie ein Berserker um und für seine Klienten, erleidet dabei bitterste Niederlagen, ist fast pleite, bis er am Ende dann doch all die bösen und zynischen Konkurrenten besiegt hat und mit Frau und süßem Stiefkind im finalen Sonnenuntergang verschwindet.

Das klingt nicht nur schön, sondern ist auch verlogen und könnte für die, die sich vom Pathos dieses Films anstecken lassen, beruflich ganz schlimme Folgen haben. Aber vermutlich wollte Regisseur Cameron Crowe mit ,,Jerry Maguire'' nur ein Kinomärchen erzählen, dass uns von den heimlichen Wünschen und Träumen moderner junger Erfolgsmenschen berichtet, von ihrer Sehnsucht nach Liebe und familiärer Geborgenheit.

dass er dabei aber kein Klischee ausläßt, und auch noch die Liebesromanze zwischen seinem strahlenden Helden und der fürwahr entzückenden Dorothy Boyd (Renee Zellweger) so sentimental und tränenreich inszeniert hat, macht den Genuß des Films nicht gerade leichter. - Aber seine zahlreichen weiblichen Fans werden ihn trotzdem mögen und ihrem Tom selbst die schlimme Grapscherei bestimmt verzeihen.

Dirk Jasper FilmLexikon
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