Der Mann, der mit den Gänsen fliegt: Bill Lishman

In seiner Heimat nennt man ihn liebevoll "Father Goose": William Lishman, amerikanischer Künstler, Querdenker, Filmemacher, Pilot und Vogelforscher, gab das Vorbild für Carroll Ballards wunderschönen Familien- und Tierfilm Amy und die Wildgänse ab.

Ein Tausendsassa: Für einen TV-Werbespot baute Lishman die Kultstätte in Stonehenge in Originalgröße aus alten Schrottautos nach, und für die Expo 1986 entwarf der exaltierte Bildhauer eine fast 27 Meter hohe Skulptur mit dem Titel "Transcending Traffic". Er schuf einen überlebensgroßen Büffel aus Metall, der inzwischen auf einer Farm in Texas "weidet", und ein von ihm konstruierter Schaukelstuhl wurde mit mehreren Design-Preisen ausgezeichnet.

Auch vor seinem Heim im Süden der kanadischen Provinz Ontario stehen die Fotografen, denn sein "Haus fürs nächste Jahrhundert" wirkt wie ein in die Erde gebauter Dom. Einige von Lishmans Kunstwerken sind in den IMAX-Filmen "The Last Buffalo" und "Titanica" zu sehen, andere u. a. in der Oklahoma Aviation and Space Hall of Fame ausgestellt.

Für die größten Schlagzeilen jedoch sorgte Lishman 1988 mit einem echten ornithologischen "Wunder": Als erster Mensch flog er in Formation mit einer Vogelschar. Mit Unterstützung des Naturforschers William Carrick war es ihm geglückt, eine Schar junger Kanada-Gänse aufzuziehen und ein Ultraleicht-Flugzeug zu konstruieren, mit dem er die Vögel anführte. Über 40 Stunden begleitete Lishman die jungen Wildgänse damals in der Luft - eine Sensation, die Hollywood zu dem Film "Amy und die Wildgänse" inspirierte.

Der Erfolg dieses ersten Versuchs führte dazu, dass Lishman sich 1993 mit dem Fotografen und Piloten Joseph Duff zusammentat. Indem sie als Ersatzeltern vor 18 jungen Gänsen flogen, zeigten sie den Tieren eine sichere Flugroute in den Süden auf. Ihre Reise führte Mensch und Tier insgesamt 400 Meilen weit von Ontario nach Virginia. 13 der Gänse kehrten später ohne menschliche Hilfe zu ihren Brutstätten nach Ontario zurück. Damit war der Beweis erbracht, dass man das Wanderverhalten von Wasservögeln beeinflussen und sichere Flugrouten für bestimmte gefährdete Spezies entwickeln kann.

Lishman und Duff unternahmen weitere Experimente, um mehr Informationen über das Verhalten der Vögel zu sammeln. So flogen sie im Oktober 1994 mit 38 Gänsen die 800 Meilen weite Strecke zum Tom Yawkey Wildgehege in der Nähe von Charleston, South Carolina. Im Herbst des folgenden Jahres wiederholten sie das Experiment mit einer noch größeren Anzahl von Vögeln, deren Flug inzwischen auch mit Funksignalen verfolgt wurde.

1994 gründete Lishman die Wohltätigkeitsorganisation "Operation Migration" (OM), mit der sich der rührige Naturfreund bis heute um den Erhalt seltener und vom Aussterben bedrohter Vogelarten kümmert. Inzwischen interessieren sich Biologen und Vogelkundler auf der ganzen Welt für Lishmans Methode, den Vögeln sichere Flugrouten zur Überwinterung, bzw. zur Rückführung in ehemals von ihnen besiedelte Gebiete zu zeigen. So arbeitete Lishman, zum Beispiel, mit Ornithologen der Hokaido Universität in Japan daran, den bedrohten "Red Crowned Crane", ein japanisches Kultursymbol, vor dem Aussterben zu schützen.

Seine ersten Flüge mit den Gänsen dokumentierte Lishman in dem Video "C'mon Geese"; 1995 erschien seine Autobiographie "Father Goose: One Man, A Gaggle Of Geese, And Their Real Life Incredible Journey South" mit Fotos von Joseph Duff (auf deutsch: "Vater der Gänse", 1996; zur Zeit vergriffen).

Ach ja, und auch in der aufwendigen Kinoproduktion Amy und die Wildgänse wirkte das Multitalent Lishman mit: als Stuntdouble für Hauptdarsteller Jeff Daniels in den gefährlichen Flugszenen.

Dirk Jasper FilmLexikon
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