Ernst Corinth über Michael

Zuviel Zucker könne nie schaden, meint Michael - und muß es eigentlich wissen. Schließlich ist er ein Engel, der in seinem himmlischen Leben bereits 25mal die Erde heimgesucht hat und in all den Jahrtausenden wunderbare Dinge wie das Schlangestehen oder die Ehe erfunden hat: ,,Vorher,'' meint er lakonisch, ,,hat's ein fürchterliches Durcheinander gegeben''.

Da mag was dran sein. Eines jedoch ist absolut sicher: Nach Nora Ephrons Film muß die Geschichte der Engel völlig neu geschrieben werden. ,,Michael'' räumt nämlich gründlich auf mit all den heilen Bildern, die wir uns bisher von den göttlichen Flatterwesen gemacht haben. Engel, erfahren wir, lieben Sex, Bier, Zigaretten und Witze wie: ,,Was ist das Gegenteil von alt?'' ,,Jung.'' ,,Nein, Sopran!'' Und sie sind zuweilen schmerbäuchig, unrasiert und riechen wie eine alte Keksfabrik.

Und wenn John Travolta so einen Typen spielt, verzeiht man dem Film selbst seine kitschigsten Momente. Mit leicht öligem Charme und einer ungeheuren Menge an Naivität quatscht, poltert und liebt er sich durch diese Komödie, wagt zwischendurch mal wieder ein Tänzchen und ist zum rechten Zeitpunkt traurig wie ein begossener Pudel. Angesichts dieser überzeugenden darstellerischen Leistung ist die Geschichte selbst nur noch zweitrangig, auch wenn William Hurt und Andie MacDowell ein bezauberndes Liebespaar abgeben.

Die beiden sind Journalisten eines Chicagoer Skandalblättchens, die mit ihrem Kollegen Huey (Robert Pastorelli) den Engel Michael in der tiefsten amerikanischen Provinz aufspüren, über ihn eine Story schreiben wollen und natürlich schnell seiner Ausstrahlung erliegen. Zu viert fahren sie nun in Richtung Chicago, erleben seltsame Abenteuer in merkwürdigen Kaffs und Kaschemmen, besuchen zwischendurch die größte Teflonpfanne und das größte Wollknäuel der Welt. Und am Ende dieses engelhaften Roadmovies schwebt unser Michael gen Himmel.

Eigentlich schade, denn so ein Engel wäre als Nachbar, als Freund oder Helfer in der Not wahrlich nicht schlecht. Nur als Vorbild für Kinder ist er gänzlich ungeeignet: Gott sei Dank!

Dirk Jasper FilmLexikon
© 1999 © 1999 Next Step Mediendienste GmbH