Ernst Corinth über Knockin' On Heaven's Door

Wer zu spät kommt, hat selber Schuld. "Knockin' on Heaven's Door" beginnt jedenfalls gleich mit einem umwerfend komischen Kalauer und auch die restlichen knapp 90 Minuten halten, was der rasante Anfang versprochen hat. Dabei geht's eigentlich um ein tieftrauriges Thema, ums Sterben zweier junger Männer, die sich zufällig auf der "Abnippelstation" eines Krankenhaus kennenlernen: Der eine, Martin Brest, hat einen tennisballgroßen Tumor im Kopf und der andere, Rudi Wurlitzer, Knochenkrebs im Endstation.

Die beiden sind völlig unterschiedlich: Rudi (Jan Josef Liefers) ist ein schüchtern zurückhaltender Typ, während Martin von Til Schweiger gespielt wird. Und jeder, der den jungen Wilden mit dem sanften Blick kennt, weiß natürlich sofort, was ihn erwartet. Und die Erwartungen werden mehr als erfüllt: Denn so leicht, so ungezwungen und selbstironisch hat Schweiger, dem amerikanische Kritiker mittlerweile sogar gute Hollywood-Chancen einräumen, zuvor noch nie agiert. Bleibt nur zu hoffen, dass mit dieser glänzenden Leistung die unsägliche deutsche Debatte - Ist er nun ein echter Star oder nicht? - endgültig erledigt ist.

Doch zurück zum Film, wo eine Flasche Tequila weiter die beiden echten Leinwandkerle beschließen, die Klinik fluchtartig zu verlassen. Rudi hat nämlich noch nie das Meer gesehen und das, sagt Martin, müsse sofort nachgeholt werden: "Weil alle im Himmel nur über das Meer reden und darüber wie wunderschön es ist. Und wenn du noch nie da warst, dann sitzt du nur daneben und kannst nicht mitreden."

Gemeinsam klauen sie also das erstbeste Auto, ein Mercedes-Coupe. Das jedoch gehört leider zwei wunderbar schrägen Ganoven (Thierry van Werveke, Moritz Bleibtreu), die sofort wie ein Paar begossener Pudel hinterherjagen. Und so beginnt jetzt eine zuweilen komische, dann wieder leicht absurd bis surreale Verfolgungsjagd, die sich vor vergleichbaren US-Produktionen, formal wie inhaltlich, nicht zu verstecken braucht.

Bemerkenswert ist dabei vor allem die Souveränität des Regisseurs (und Drehbuchautors) Thomas Jahn. So zitiert der ehemalige Taxifahrer und Lowbudget-Filmer in seinem von Til Schweiger produzierten Kinodebüt zwar ständig bekannte Motive aus klassischen amerikanischen Roadmovies, selbst die Namen seiner Helden erinnern an alte Hollywood-Größen: Martin Brest hat "Midnight Run" gedreht, Rudi Wurlitzer war der Drehbuchautor von Sam Peckinphas "Pat Garrett jagt Billy the Kid". Aber dennoch wirkt seine schwarze Komödie zu keinem Zeitpunkt wie eine billige bemühte Kopie.

Allein wie Jahn die Beziehung seiner beiden Helden entwickelt, ist sehenswert. Auch die äußerst schwierige Gratwanderung zwischen naiver Lebenslust und bedrückender Todesfurcht meistert er gekonnt. Und die Typen, die die zwei Klinikaussteiger unterwegs begegnen, sind einfach originell und werden zudem von exzellenten Schauspielern wie Hannes Jaenicke, Leonard Lansink oder Rutger Hauer verkörpert.

dass die Flucht für Rudi und Martin am Schluß dann doch tödlich endet, ist gewiß ein bißchen traurig. Aber wer zum Taschentuch greift, sollte vielleicht daran denken, dass es sich am Meer und zu den Klängen von Bob Dylans sentimentalem "Knockin' on Heaven's Door" bestimmt ein wenig leichter stirbt

Dirk Jasper FilmLexikon
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