Ernst Corinth über Der kleine Unterschied

dass der kleine Unterschied große Folgen hat, ist bekannt. dass jemand, der mit ihm überhaupt nicht zurecht kommt und ihn dann gar entfernen läßt, nach dem finalen Schnitt enorme Probleme haben kann, zeigt Richard Spences Film am Beispiel einer ungewöhnlichen Beziehung.

Karl und Paul sind während der Schulzeit echte Kumpels gewesen. Nach 20 Jahren treffen sich beide zufällig wieder. Aber aus Karl ist inzwischen Kim geworden. Er (beziehungsweise sie) hat sich operieren lassen, das Geschlecht gewechselt und arbeitet jetzt als Texterin in einer Firma für ausgefallene Glückwunschkarten. Die Begegnung haut die Zwei buchstäblich um, verborgene und nie ausgelebte Gefühle aus der Schulzeit werden plötzlich wach, und der aggressive Motorradmacho Paul steckt schlagartig in der allerschönsten Männlichkeitskrise.

Doch wer nun angesichts dieser Thematik ein düsteres Betroffenheitsdrama erwartet, der wird von diesem Film angenehm enttäuscht. Richard Spence hat diesen vermeintlich ernsten Stoff nämlich tatsächlich in eine amüsante und zuweilen sogar richtig romantische Liebeskomödie verwandelt. Zwar werden dabei die Probleme und Krisen eines Transsexuellen wie Karl/Kim äußerst realistisch gezeigt: beispielsweise die Angst irgendwie aufzufallen und die damit verbundene Überanpassung, die bis zur Selbstverleugnung geht.

Aber dies alles und noch einiges mehr hat der englischen Regisseur geschickt mit einer Handlung verbunden, die das erlebte und demonstrierte Leid zum rechten Zeitpunkt stets ironisch und amüsant abfedert. Besonders gelungen sind vor allem die Szenen, in denen sich die beiden langsam annähern, dann wieder zurückschrecken und am alten Rollenverständnis schier verzweifeln. Rupert Graves (Paul) und Steven Mackintosh (Karl/Kim) agieren dabei so sensibel, so witzig und bis in kleinste Gesten hinein so glaubhaft, dass am Schluß die ungewöhnliche Beziehung alles Ungewöhnliche verloren hat. Denn wo die Liebe richtig hinfällt, hat selbst ein kleiner Unterschied keine großen Folgen mehr.

Dirk Jasper FilmLexikon
© 1999 © 1999 Next Step Mediendienste GmbH