Ernst Corinth über Speed 2 - Cruise Control

Männer haben es immer schwerer: Genau 125 Kinominuten benötigt Alex (Jason Patric), um endlich seiner Annie (Sandra Bullock) den Verlobungsring auf den Finger zu stecken. Zuvor muß sich der schrecklich schüchterne Polizist aber erst einmal als Mann bewähren, dabei einige halsbrecherische Abenteuer bewältigen, einem Verrückten das Handwerk legen, zuschauen wie ein Öltanker in die Luft fliegt, ein Flugzeug mit 'ner Harpune abschießen und die Schiffsschraube eines riesigen Kreuzfahrtschiffs eigenhändig außer Betrieb setzen.

Doch dann kommt der große Moment: Alex, der solange ängstlich gezögert hat, greift mutig in seine Hosentasche, reicht seiner Annie den kleinen Brillantring, der in dem Getümmel zum Glück nicht verloren gegangen ist. Und für beide, die sich damit im realen Leben sofort für jede TV-Traumhochzeit qualifiziert hätten, beginnt eine wunderbar rosige und hoffentlich friedliche Zukunft.

Es sei denn Regisseur Jan De Bont plant bereits ,,Speed 3''. Ob's nach dem zweiten Teil überhaupt noch eine Steigerung geben kann, ist jedoch ziemlich fraglich. Das Tempo, die Spezialeffekte und die Stunts sind jedenfalls beeindruckend, und manchmal wird dabei so phantastisch übertrieben, dass man aus dem Lachen einfach nicht mehr herauskommt. Natürlich wirft dieser Film auch wieder Fragen auf: Beispielsweise nach der Stabilität einiger Inseln in der Karibik, die offenbar aus purem Holz bestehen und deren Häfen bis zur Pier sogar für gigantische Kreuzfahrtschiffe noch befahrbar sind.

Die Geschichte, die Jan De Bont (der diesmal auch das Drehbuch schrieb), vor dem finalen Insel-Crash erzählt, ist dagegen eher belanglos: Weil unser Alex seine Annie so liebt, aber als eifriger Polizist nie Zeit für sie hat, lädt er sein Herzblatt zu einer ehestiftenden Kreuzfahrt ein. An Bord sind aber nicht nur das übliche Personal, das sich auf jedem vom Untergang bedrohten Schiff befindet, sondern auch ein ziemlich verrückter Computerspezialist (Willem Dafoe), der gerade aus Krankheitsgründen von seiner Firma entlassen wurde. Nun will er sich logischerweise rächen, übernimmt mittels seiner Computer und ein paar anderer fieser Tricks das Kommando an Bord - und Alex hat danach alle Hände voll zu tun, dass der Kerl ihm nicht die Reise ins Glück vermiest.

Und genau das ist der entscheidende Unterschied zu ,,Speed 1'', dem Überraschungserfolg des Kinojahres 1994. Noch vor drei Jahren bestimmte Sandra Bullock mit ihrem Charme, ihrem naiven Wagemut so eindeutig die Szene, dass selbst ihr ach so heldenhafter Partner Keanu Reeves blaß aussah. Auch in dieser Fortsetzung hat sie zwar ein paar schöne Szenen: Vor allem der Anfang ist eine wirklich nette Anspielung auf den ersten Teil. Denn nun lernt Sandra Bullock endlich das, was sie vor drei Jahren ja so genial beherrscht hat: das Autofahren. Bloß düst sie ausgerechnet bei der Fahrprüfung so rasant durch Los Angeles, dass man den Verdacht hat, dass sie schon wieder eine Sprengladung im Auto hat.

Doch dann kommt eben ihr Alex. Und Sandra Bullock gibt sich leider viel zu schnell mit der für Actionfilme klassischen Frauenrolle zufrieden: Für ihren strahlenden Helden ist sie bestenfalls Handlangerin und darf ansonsten staunen, was der so alles kann. ,,Wahnsinn! Der Typ ist ja irre'', stöhnt sie. Und wir fügen leicht enttäuscht hinzu: Was der kann, kannst du schon lange!

Dirk Jasper FilmLexikon
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