Ernst Corinth über Die Apothekerin

Hat sie oder hat sie nicht? Ganz genau weiß das keiner, und selbst der Schluß läßt manche Frage offen. Inzwischen traut man zwar dem zum Leben erweckten blonden Aschenputtel Hella alles zu, also sogar vergiftete Königsberger Klöpse. Aber vielleicht war ja alles ganz anders, und die vermeintlichen Morde waren in Wirklichkeit nur Unglücksfälle, die für sie auf wundersam märchenhafte Weise stets zur rechten Zeit ein schier unlösbares Problem aus dem Weg schafften.

dass bis zum Ende die Apothekerin Hella Moormann dem Zuschauer Rätsel aufgibt, verdankt sich nicht zuletzt der großartigen schauspielerischen Leistung Katja Riemanns, die in Rainer Kaufmanns erstem Kinofilm (sein erfolgreiches ,,Stadtgespräch'' war ,,nur'' eine TV-Produktion) endlich mal wieder zeigen darf, was sie als Darstellerin wirklich kann. In dieser Verfilmung von Ingrid Nolls Krimi-Bestseller ,,Die Apothekerin'' durchlebt und durchleidet sie die unmöglichsten Situationen, ist anfangs ein schwer neurotischer Putzteufel, der zu allem Überfluß noch mit einem - was ihre Männer angeht - schrecklichen Helfersyndrom geschlagen ist, bekommt dann jedoch morbid die Kurve, entwickelt sich zu einer selbstbewußten Frau, die so schnell die Fäden nicht mehr aus der Hand gibt. Und landet prompt am Schluß wieder bei einem herrlich zerknitterten Softie namens Pawel (August Zirner).

Das Leben ist eben doch gerecht - oder hübsch gemein? Aber bevor sich Hella nach guter alter Hausfrauenart um Pawel und seine beiden entzückenden Kinder kümmern darf, erwischt es sie so richtig machomäßig. Zuerst läuft ihr der Tunichtgut Levin über den Weg, der sich nur für Autos und sein erhofftes Erbe interessiert. Und der nach dem ach so plötzlichen Tod seines Großvaters Hella nur heiratet, weil dies das Testament des Alten vorschreibt. Dann erscheint der Knacki Dieter samt der triebhaft-lasziven Margot (Isabella Parkinson), und auch dieser kurzhaarige Brutalo kümmert sich sofort heftig um die hübsche Blonde. Doch diese Menage-à-trois ist erst perfekt als Störenfried Margot - welch Zufall? - aus dem Fenster fällt.

Schon rein äußerlich ist das Trio, Richy Müller (Dieter), Jürgen Vogel (Levin) und Katja Riemann, einfach urkomisch. An der Seite der Bürgerstochter Hella wirken diese beiden verrückten, gleichwohl bemitleidenswerten Kraftprotze noch kleiner als sie in Wirklichkeit sind. Und dass sie ihr letztlich nur helfen, den Triebstau abzubauen, der sich in all den Jahren hinter dem nüchternen Apothekentresen aufgebaut hat, nützt ihnen am Ende gar nichts.

Das Leben ist eben gerecht, auch wenn's manchmal ganz schön weh tut. Aber wie Rainer Kaufmann die Geschichte dieser Frau, die mörderisch unter die Männer fällt, erzählt, ist beeindruckend: Dabei arbeitet er souverän mit den Mitteln der Komödie, des Thrillers und des Krimis, legt sich aber nie auf ein Genre fest. Auch die verschiedenen Figuren sind durchweg ambivalent gezeichnet und stets für eine überraschende Wendung gut. Und dass es selbst hinter der korrekten Fassade einer deutschen Apothekerin zuweilen ganz schön brodelt, haben wir zwar immer schon geahnt, aber noch nie so überzeugend, witzig und spannend vorgeführt bekommen wie in diesem Film.

© Ernst Corinth © 1998 Next Step Mediendienste GmbH