Ernst Corinth über Scream

Die Gesetzte des Horrorfilms sind gnadenlos: Nur Jungfrauen überleben das Gemetzel. Wer dagegen Sex hat, Alkohol trinkt und andere Drogen nimmt oder den Satz sagt - ,,Ich komme gleich wieder.'' - und dann allein in den Keller geht, erlebt unerbittlich sein blutiges Wunder. Und im Grunde, das sagt einer der potentiellen Opfer in Wes Cravens neuem Kinoschlachtefest, funktioniert alles nach dem simplen Prinzip: Eine junge dickbusige Frau läuft vor Angst die Treppe rauf und geht dem Killer dadurch endgültig in die Falle.

Die Prinzipen, die Klischees und die Schablonen des Horrorfilms beherrscht der 58jährige US-Regisseur wie kein anderer: Craven erfand beispielsweise den Messerschlitzer Freddy Krueger und drehte schon vom Titel her vielsagende Filme wie ,,Hügel der blutigen Augen'' oder ,,Im Todestal der Wölfe''. Und er kennt die Sehgewohnheiten, aber auch die Erwartungen seiner zahlreichen Fans, für die er längst zur Kultfigur geworden ist.

Beide werden in "Scream" auf komisch grausame Art meisterlich bedient: Mit den Sehgewohnheiten treibt Craven ein absurd groteskes Spielchen. Er zitiert quer durchs Genre und dabei vor allem ironisch sich selbst. Seine jungen Akteure reden ständig von Horrorfilmen und in ihren Gesprächen kommentieren sie tatsächlich die Handlung des Films, in dem sie selber mitwirken.

Wie der verrückte Killer sich im nächsten Moment verhalten wird, wissen diese Schlachtlämmer, schließlich haben sie ja schon Dutzende von ähnlichen Streifen gesehen, und dennoch gibt es für sie kein Entrinnen. Denn Craven parodiert nicht nur, sondern er meint es blutig ernst.

Gleich der Anfang ist "klassisch": Eine junge, natürlich blonde Frau ist allein in einem einsam gelegenen Haus. Das Telephon klingelt, und am anderen Ende ist ein gar schrecklicher Psychopath, der die Frau mit seinen Worten in den Wahnsinn treibt und kurz danach leibhaftig im fürchterlichsten Halloween-Kostüm auf der Terrasse steht. dass der einzige Star des mit jungen TV-Akteuren besetzten Films, Drew Barrymore, schon nach zehn Minuten aufgeschlitzt aus dem Verkehr gezogen wird, ist gleich der erste böse Gag.

Doch weitere folgen: Bis zum traditionellen Finale geht das Gemetzel gewohnt erbarmungslos weiter. In der Kleinstadt (als Tatort ja unvermeidlich) herrscht bald der Ausnahmezustand. Aufgeregte Fernsehreporter tauchen auf. Und Craven läßt sie Fragen stellen, wie sie nun einmal TV-Teams in Horrorfilmen gern stellen: ,,Wie fühlt man sich, wenn man fast ermordet worden ist?'' Auch das eine witzige Parodie, genauso wie all die falschen Fährten, die vom Regisseur hier gleichsam mit einem Ausrufungszeichen versehen, gelegt werden.

Und am Schluß reibt man sich verwundert die Augen: Man hat mit ,,Scream'' einen der wohl besten Horrorfilme der Kinogeschichte gesehen, der aber gleichzeitig das unglaubliche Kunststück fertigbringt, vor den vermeintlich fatalen Folgen dieses bluttriefenden Genres zu warnen. Gewiß ein merkwürdiger, vielleicht auch zynischer Widerspruch, den Craven jedoch so furios und kurios inszeniert hat, dass man sich noch stundenlang später herrlich gruselt.

Dirk Jasper FilmLexikon
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