Hintergrundbericht zu Ganz oder gar nicht

Schauplatz des Films ist die Arbeiterstadt Sheffield in der nordenglischen Provinz Yorkshire, eine Region, die durch Massenarbeitslosigkeit schwer geprüft wird. Noch Mitte der siebziger Jahre wurde in Sheffield der hochwertigste Stahl Englands produziert - die Stadt blühte. "Sheffield Steel" galt als Markenzeichen wie hierzulande die Klingen aus Solingen. Doch dann wurde eine Fabrik nach der anderen modernisiert, was nichts anderes bedeutete, als dass Maschinen die Arbeit der Menschen übernahmen.

Plötzlich standen Tausende von Männern auf der Straße - oft Familienväter, deren Selbstbewusstsein unter der demütigenden Entlassung schwer zu leiden hatte. Hinzu kamen der Geldmangel und das Gefühl der Nutzlosigkeit. Viele Männer wurden mit dieser Situation nicht fertig und gaben sich selbst auf. Es lag an den Frauen, sie wieder aufzurichten und ihnen zu zeigen, dass längst noch nicht aller Tage Abend war - auch wenn sie dafür auch zu reichlich ungewöhnlichen Methoden greifen mußsten: Im Januar 1983 berichtete die überregionale Tageszeitung "The Guardian" von einem überraschenden Striptease-Boom im Norden von England.

Es waren vor allem Hausfrauen, die sich für ein paar Pfund auszogen, um das karge Arbeitslosengeld ihrer arbeitslosen Ehegatten aufzubessern. Der hohe Profit begeisterte die Männer schließlich so sehr, dass sie selbst Zeitungsinserate aufgaben, in denen sie die erotische Dienstleistung ihrer Frauen anpriesen.

Eine Änderung in der Geschlechterbeziehung kündigte sich an - Frauen und Männer tauschten die traditionellen Rollen - , die sich einige Jahre später noch verstärken sollte. Aus den USA kam eine "Male Strip"-Welle, die Frauen verzückte und Männer lehrte, dass auch sie zum Objekt der Schaulust werden konnten.

Dieses Thema greift der in Yorkshire geborene Simon Beaufoy in seinem Drehbuch zu Ganz oder gar nicht auf humoristische Weise auf und zeigt beispielhaft die Folgen und Chancen von Langzeitarbeitslosigkeit. Nachdem sich "Palookaville"-Produzent Uberto Pasolini, der übrigens mit Pier Paolo Pasolini weder verwandt noch verschwägert ist, von dem Skript begeistert zeigte, ging er damit zu dem britischen Fernsehsender Channel 4. Die TV-Verantwortlichen sicherten ihre Unterstützung zu und nachdem beim Sundance Film Festival 1996 Fox Searchlight Pictures als Produktionspartner gewonnen werden konnte, begannen die siebenwöchigen Dreharbeiten schließlich im April desselben Jahres.

Für den Striptease-Auftritt von "Hot Metal" spielte Tom Jones übrigens eigens eine Cover-Version von Randy Newmans Oldie-Klassiker "You Can Leave Your Hat On" ein, den auch Joe Cocker schon unvergesslich interpretiert hatte.

Dirk Jasper FilmLexikon
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