Ernst Corinth über Lolita

dass sechs Buchstaben immer noch die Moral erschüttern, ausgebuffte Hollywood-Produzenten und Verleihfirmen daraufhin in die Knie gehen und Adrian Lynes Film nicht in die US-amerikanische Kinos geben. Und dass selbst bei uns inzwischen von zu erwartenden Demonstrationen vermeintlicher KinderschützerInnen gemunkelt wird, ist ein einziger großer Witz. Über den man eigentlich herzhaft lachen müßte, wenn die Haltung, die sich dahinter verbirgt, nicht so bigott und vor allem nicht so verlogen wäre.

Denn wer Lynes "Lolita"-Adaption als Appell für Liebe mit Minderjährigen versteht oder gar kinderpornographischen Schweinkram darin zu entdecken glaubt, hat den Film entweder nicht gesehen oder riesige Tomaten auf den Augen gehabt. Denn was etwas mehr als zwei Stunden lang über die Kinoleinwand flimmert, ist das exakte Gegenteil: ist ein Melodrama über die Unmöglichkeit einer Beziehung zwischen einem älteren Mann und einem jungen Mädchen. Und ist trotz des ach so heiklen Themas eher viel zu brav als zu anstößig inszeniert, was besonders die Voyeure heftig enttäuschen wird.

Dabei haben sich der Regisseur und sein Drehbuchautor Stephen Schiff zwar recht genau (und genauer als Stanley Kubricks Verfilmung aus dem Jahr 1961) an Vladimir Nabokovs Vorlage gehalten, aber gleichwohl einige Konzessionen gemacht: Lolita ist nicht wie im Roman 12, sondern schon 14 Jahre alt. Und in diesem Alter sollen sogar schon amerikanische Mädchen zumindest ab und an sexuelle Gefühle oder noch Schlimmeres haben. Und selbst Nabokovs Schmuddelszenario, all die kleinen Motels, in denen sich Lolita und ihr ,,väterlicher'' Geliebter, der Literaturdozent Humbert, herumtreiben, wirkt hier noch wie direkt aus dem Hochglanzkatalog entsprungen.

Lynes Neigung sogar Regenpfützen noch zu einem ästhetischen Event zu verklären, ist gewiß eine Schwäche dieses Films, aber wie er die Beziehung der beiden zentralen Figuren schildert, ist dann doch sehenswert: Sein Humbert ist zugleich eine lächerliche wie tragische Figur, die sich neurotisch zu jungen Frauen hingezogen fühlt, um sie wie ein leeres Blatt zu beschreiben. Und die am Ende sich die Liebe zu Lolita nur noch verzweifelt erkaufen kann. Jeremy Irons spielt diese Rolle gewohnt überzeugend, er arbeitet fast ausschließlich mit Blicken und kleinsten Gesten, die jedoch gut transportieren wie gestört und verletzt diese Person ist.

Dominique Swain versprüht dagegen als Lolita ungemein viel Zahnspangen-Charme: Eine junge Frau, die sich in ihrem verklemmten Elternhaus (Melanie Griffith ist als ihre Mutter wirklich großartig) nach Wärme und Liebe sehnt, die mit der Verführung zwar spielt, aber nicht körperlich verführt werden möchte. dass es dann doch geschieht, läßt sie schließlich psychisch zerbrechen.

dass Adrian Lyne diese ambivalente Beziehung trotz aller Konzessionen nicht in das gängige Gut-und-Böse-Schema gepreßt hat, dass Humbert also nicht der schlimme Sittenstrolch und Lolita sein unschuldig reines Opfer ist, ist wahrscheinlich der Grund, dass die selbsternannten Moralapostel nun so aufgeregt nach Zensur schreien. Schließlich ist in ihrer Welt ja alles schön zwanghaft in Ordnung. Nur in ihren Köpfen herrscht offenbar ein heilloses Durcheinander.

© 1999 Ernst Corinth © 1999 Next Step Mediendienste GmbH