Ernst Corinth über Comedian Harmonists

Für eine richtige Boygroup sind die sechs nun doch eine Spur zu alt. Und für eine echte Rentnerband fehlen den befrackten Herren Ulrich Noethen, Ben Becker, Heinrich Schafmeister, Kai Wiesinger, Heino Ferch und Max Tidof trotz der ollen Lieder, die sie als Comedian Harmonists singen, noch ein paar Jährchen. Dennoch eines ist sicher: nach Joseph Vilsmaiers Film werden sich all überall junge Männer (und einige wenige junge Frauen) schwer in Schale werfen, die Lackschuhe wienern und dann auf Baumarkteröffnungen und anderen abgedrehten Festivitäten ihren Vorbildern nacheifern, dabei den grünen stechenden Kaktus oder die vom Spargel bedrohte Veronika beschwören und zu all den netten Schlagermelodien hübsch elegant mit den Fingern schnippen.

Wer epidemisch auftretenden A-Capella-Gesang nicht mag, sollte also schon jetzt lieber voll in Deckung gehen, den Film aber, wenn's geht, nicht verpassen. Denn Regisseur Vilsmaier ist gewiß kein cineastischer Bilderstürmer, auch das Kino hat der Bayer nicht neu erfunden, aber er versteht sein Handwerk und ist wie kaum ein anderer in Deutschland ein wahrer Meister der opulenten Filmerzählung. Wie schon sein ,,Schlafes Bruder'' besitzt auch ,,Comedian Harmonists'' wieder all das, was großes Kino traditionell auszeichnet - viel Herz, 'ne Menge Schmerz und natürlich so prächtig ausgestattete Kulissen, dass darin zuweilen die Schauspieler doch etwas verloren wirken.

Der Film selbst beginnt mit der Zeitungsannonce, die der Gründer Harry Frommermann (Ulrich Noethen) im Dezember 1927 aufgegeben hat. Gesucht wurden - dem Vorbild der amerikanischen ,,Revellers'' folgend - ,,schönklingende Stimmen'' für ein ,,einzig dastehendes Ensemble''. Unter den Dutzenden von Bewerbern ist ein gewisser Robert Biberti (Ben Becker), der als verkannter Bariton an der Oper als Statist arbeitet. Gemeinsam mit Frommermann stellt er schließlich die recht bunte Truppe zusammen, und die langwierigen Proben (die zu den schönsten Szenen im Film gehören) beginnen. Trotz einiger Rückschläge ist das Sextett bald äußerst erfolgreich, und der glorreichen Zukunft steht nichts mehr im Weg. Doch 1934 werden die Comedian Harmonists verboten. Drei der Mitglieder sind Juden, die daraufhin Deutschland verlassen, und mit ihrer Abreise nach Wien beendet Vilsmaier seinen Film.

dass er sich dabei nicht akribisch genau an die Geschichte der sechs Herren gehalten hat, die einst in Berlin auszogen den Schlagerhimmel zu erobern, ist verzeihlich. Wer's biographisch exakter wissen möchte, kann es ja in Eberhard Fechners Buch "Die Comedian Harmonists. Sechs Lebensläufe" nachlesen. dass er sich aber zu sehr auf nur zwei der singenden Hitparadenstürmer, Frommermann und Biberti, konzentriert und auch noch deren eher läppische Liebesaffäre mit der Studentin Erna (Meret Becker) in den Mittelpunkt gestellt hat, ist die große Schwäche des Films.

Dadurch bleibt leider vieles im Dunkeln, exzellente Darsteller wie Heino Ferch, Max Tidorf oder Katja Riemann werden zu Randfiguren, die ihren Rollen kein Leben, kein Profil verleihen können, und so ist es beispielsweise mehr als überraschend, dass sich der von Kai Wiesinger gespielte Pianist der Gruppe am Ende plötzlich als wahres Charakterschwein entpuppt.

Aber wenn die sechs Herren aus voller Männerbrust ihre Lieder schmettern und die Frauen im Saal weiche Knie bekommen, verzeiht man selbst das, und so bleibt zum Schluß eigentlich nur ein Wunsch an alle Möchtegern-Comedian-Harmonists dieses Landes: Meine Herren, so gut wie das Original werdet Ihr sowieso nicht. Also: Bitte nicht nachmachen!

© 1999 Ernst Corinth © 1994 - 2010 Dirk Jasper