Gerhard Heeke über Amistad

"Amistad" ist der Name eines spanischen Sklavenschiffes und zugleich die Überschrift über ein dunkles Kapitel der amerikanischen Geschichte. Der Regisseur Steven Spielberg hat sich unter dem Label der (eigenen) Dreamwork-Studios dieses heiklen Themas angenommen.

Im Jahr 1839 reist die "La Amistad" mit wertvoller Fracht von Afrika in Richtung Kuba. Ihre Fracht: Sklaven. Noch ist die Sklaverei nicht überall auf der Welt geächtet. Die Schwarzen werden schlimmer als Vieh behandelt. Aber es gelingt ihnen sich zu befreien und das Schiff im Handstreich zu übernehmen. Von der spanischen Besatzung überleben nur zwei. Die Afrikaner möchten zurück nach Hause - zu ihren Familien und ihrem Höfen. Aber sie verfügen über keine Navigationskenntnisse. So sind sie auf die beiden Spanier angewiesen. Diesen gelingt es, die anderen zu überlisten und das Schiff in die Nähe der US-amerikanischen Küste zu steuern. Dort werden sie von der US-Marine aufgegriffen. Die Schwarzen kommen wieder in Ketten und werden vor ein amerikanisches Gericht gestellt. Sie werden des Mordes und der Meuterei/Piraterie angeklagt. Die Tatsache das alle Angeklagten nur ihre einheimischen Dialekte sprechen, macht die Verteidigung nicht unbedingt einfacher. Aber sie haben Glück, denn auch in den USA ist die Front der Gegner der Sklaverei - die Abolitionisten - stärker geworden. So kümmern sich die Abolitionisten Theodore Joadson (Morgan Freeman), ein ehemaliger Sklave, und der Geschäftsmann Lewis Tappan um die Gefangenen. Sie engagieren den jungen Anwalt Roger Baldwin (Matthew McConaughey), der sich eigentlich auf Sachenrecht spezialisiert hat, und treiben einen Dolmetscher auf. Im Laufe der Verhandlung entwickelt sich der Fall immer mehr zum Politikum. Die spanische Königin Isabella schaltet sich in das Verfahren ein. Der amtierende Präsident Martin Van Buren (Nigel Hawthorne) sorgt sich um seine Wiederwahl, denn er fürchtet die Stimmen der Wähler aus den Südstaaten zu verlieren, wenn der Prozeß nicht mit einer Verurteilung der Schwarzen ausgeht. Und dann ist da noch der ehemalige Präsident John Quincy Adams (Anthony Hopkins), der sich aus dem Ruhestand als Anwalt zurückmeldet um für die Schwarzen zu kämpfen. Denn er sieht einen der Pfeiler des amerikanischen Rechtssystems, ja der amerikanischen Gesellschaft bedroht: Das Recht des Menschen auf Freiheit!

Trotz der vielen bekannten Schauspieler gelingt es dem Filmwerk nicht, sich von einem bloßen Geschichtsfilm zu lösen. Der Zuschauer bekommt die Geschichte präsentiert. Er/Sie sieht schockierende Bilder über die Behandlung von Sklaven. Und trotzdem springt kein Funke über. Man ist nicht mit dabei. Weder mit den Afrikanern, noch mit den Anwälten vor Gericht. Dafür bleiben die Figuren zu blaß. Der Film vernachlässigt die Emotionen zugunsten der Darstellung von "Recht und Gerechtigkeit". Wobei letzteres sich aber auf die Gerichtsverhandlungen beschränkt So könnte auch ein Vierteiler im Fernsehen aussehen.

Weniger blaß hingegen ist Spielbergs Symbolik. Figuren werden vom Sonnenlicht überstrahlt. "Himmlische" Chöre begleiten die entscheidenden Szenen. Die Filmszenen in Amerika werden von kalten Blautönen und Nebelschwaden beherrscht; während die Szenen in Afrika und Spanien in hellen Gold- und Brauntönen gehalten sind. Das ist dann doch etwas holzschnittartig geraten.

Die Schauspieler sind gut. Besonders auffällig Djimon Hounsou als Anführer der Sklaven und Anthony Hopkins als Ex-Präsident. Morgan Freemans Rolle, geschichtlich übrigens nicht belegt, bleibt zu klein und zu unwichtig, um ihm die notwendige Möglichkeit zur Entfaltung zu geben. Was möglich wäre, kann man nur erahnen, wenn man ihn z. B. sieht wie er vor der Verhandlung das Sklavenschiff inspiziert.

Die Kulissenbauer und Kostümdesigner haben sich richtig ins Zeug gelegt. Für einen Laien sieht alles historisch Korrekt aus. Hierauf hatte der Regisseur auch Wert gelegt. Genauso wie auf die verschiedenen Sprachen der Afrikaner, die authentisch sein sollen.

Vor aller Detailgenauigkeit und einwandfreier handwerklicher Leistung wurde aber eines vergessen. Trotz einiger bewegender Szenen wurden die Menschen, die Opfer, die Ankläger vergessen. Sie wurden zugunsten der juristischen Seite zurückgedrängt.

So bleibt der unbefriedigende Eindruck: Es hätte mehr, besser, in sich ausgewogener und stimmiger sein können.

Fazit: Geschichtsunterricht auf der Leinwand

6 von 10 Sklavenjägern

© Gerhard Heeke © 1994 - 2009 Dirk Jasper