Peter Halm über Harry außer sich

Szenenbild Harry Block (Woody Allen) macht seinem Namen alle Ehre, denn der Schriftsteller leidet zum ersten Mal unter einer Schreibblockade. Ausgelöst ist sie durch den Stress mit diversen Frauen seiner Vergangenheit und Gegenwart, sei es seine Ex-Frau Joan (Kirstie Alley), seine Geliebte Fay (Elizabeth Shue), die seinen besten Freund (Billy Crystal) plötzlich heiraten will, oder seine durch und durch jüdische Schwester. Alle hat er in seinen Büchern nicht gerade in ein positives Licht gerückt, und nun erhält er die Quittung. Auf dem Weg zu einer Ehrung, begleitet von einer Prostituierten, einem Freund und seinem Sohn, den er entführt hat, artet sein Stresssyndrom derart aus, dass er seine Romanfiguren plötzlich leibhaftig vor sich hat und er kurzzeittig außer sich gerät ...

Woody Allen, der Meister der gepflegten Neurose, schaut mal wieder in unsere Lichtspielhäuser rein, und was der Zuschauer diesmal zu sehen bekommt, läßt bei allem Amüsement doch langsam das Gefühl aufkommen, dass sich die Neurosen des Mr. Manhattan langsam zu einer Bedrohung aufbauen.

Wie in keinem Film zuvor geht Allen auf die Frage ein, inwieweit das Leben die Kunst bestimmt oder die Kunst das Leben. Neben seinen Grundthemen Liebe, Sex, Tod, Psychotherapie und Religion, die natürlich wieder gestreift werden, ist die innere und äußere Zerissenheit seiner Hauptfigur das zentrale Thema seines 28. Films. Nicht nur durch die Story, sondern auch durch filmische Mittel zeigt Allen diese Zerissenheit, sei es durch bewußt harte und abrupte Schnitte ohne logische Anschlüße oder indem er sich mit technischen Tricks unscharf zeigen läßt, während seine Umgebung weiterhin scharf bleibt. Ein schönes Bild für die Auflösungserscheinungen seiner Figur und zugleich nach Allens letztem Film "Alle sagen: I Love You" die erneut punktuelle Nutzung von digitaler Technik, die der Geschichte dienen soll und nicht umgekehrt.

Die Story um einen eigentlich einsamen Menschen, der mit dem Leben nicht zurechtkommt und nur in seinen Roman-Welten klare Vorstellungen besitzt, ist im Grunde einfach. Doch durch diverse Rückblenden zu Ausschnitten dieser Romanerzählungen mit unterschiedlichen Darstellern einer Figur (so steht mal Robin Williams, mal Stanley Tucci für Harry Block), bekommt der Film eine Komplexität, die kompliziert wirkt und doch erfrischend leicht ist.

In den Rückblenden hat der Film dementsprechend seine stärksten Momente, sei es die Höllenszene, in der Allen auf Billy Crsytal als Teufel trifft, die Szene, wenn der Tod an der Wohnungstür klingelt oder die Kurzgeschichte, in der Robin Williams "unscharf" wird - dasselbe Phänomen, das Harry Block später erleiden wird.

Die besten Szenen gebühren jedoch Allen zusammen mit Kirstie Allen, seiner Ex-Frau und Psychiaterin in der Realität. Wenn sie ihm eine Kanonade an Beschimpfungen an den Kopf wirft, während nebenan ein Patient auf der Couch liegt und alles mithören kann, wird "Deconstructing Harry" seinem Titel vollends gerecht, wobei die Deftigkeit und Direktheit der Dialoge neu in Allens Repertoire sind und stark an Scorseses oder Tarantinos verbale Ausbrüche erinnern. Die Kameraführung seines langjährigen Kameramanns Carlo Di Palma erreicht in diesen Szenen auch die Qualität von "Ehemänner und Ehefrauen", Allens letztem gemeinsamen Film mit Mia Farrow.

Doch wie schon im letzten Film entläßt Allen die Zuschauer mit einer versöhnlichen Geste, die hoffen läßt, dass dieser Mensch, der nie erwachsen werden will, irgendwann doch noch seinen Frieden mit dem Leben schließt.

Woody Allen betont zwar in allen Interviews zu seinem neuen Film, dass er selbst mit der Figur des Harry Block nichts gemeinsam hätte. Doch die Intensität, mit der er eben dieser Figur Leben einhaucht, läßt zwangsläufig das Gegenteil vermuten. Wunderbar sind auch die Mini-Auftritte großer Stars wie Robin Williams und Demi Moore, die für einen noch so kleinen Dreh mit Woody Allen auf ihre sonstigen Millionengagen verzichten und damit beweisen, dass Allen (neben Altman vielleicht) der meisterhafteste Filmemacher unserer Zeit ist.

Fazit: Gewohnt großartiges, verworren-einfach gestricktes Werk mit starker Darsteller-Riege. Für Allen-Fans ein gefundenes Fressen, allen anderen wird dieser Film aber wohl zu sperrig sein.

Meine Wertung: 8 von 10 möglichen Punkten

Dirk Jasper FilmLexikon
© Peter Halm © 1994 - 2010 Dirk Jasper