Ernst Corinth über Boogie Nights

Lang ist es her, da lief ein knallharter Porno wie "Deep Throat" sogar in unseren Programmkinos. Damals konnten selbst Kritiker diesem recht eindeutigen US-Streifen etwas (künstlerisches) abgewinnen, das männliche Publikum sowieso und die Frauenbewegung hatte noch andere Sorgen und die Pornographie noch nicht als Feind entdeckt. Auch die späteren Enthüllungen der Hauptdarstellerin, die von Demütigungen, Vergewaltigungen und anderen Formen von brutalster Gewalt vor, während und nach den Dreharbeiten zu diesem Film berichteten, haben nicht verhindern können, dass "Deep Throat" und vergleichbare Produktionen von der vermeintlich kritischen Cineasten-Gemeinde weiterhin akzeptiert und goutiert wurden.

Genau das scheint sich nun gut 20 Jahre später zu wiederholen. Denn Paul Thomas Andersons "Boogie Nights" - von der amerikanischen Kritik und dem Publikum gleichermaßen gefeiert - zeichnet die Porno-Szene der Jahre 1977 bis 1983 so menschlich und so familiär, dass man am Schluß vor Rührung fast Tränen in den Augen hat. Und mit dem fiktiven Regisseur Jack Horner (noch nie so gut: Burt Reynolds) die Anfang der achtziger Jahre aufkommenden billigeren Videoproduktionen am liebsten verdammen möchte. Schließlich haben sie das abgefilmte Rein-Raus-Spiel endgültig ins bloße Reich der gynäkologischen Organschau vertrieben.

Dennoch: sieht man von der Verlogenheit, die in der Story steckt, einmal ab, so ist Andersons Film rundum perfekt, ja, wirklich gut und spannend erzählt. Im Mittelpunkt steht der junge Tellerwäscher Eddie (Mark Wahlberg), der eines Tages von Jack Horner, dem väterlichen Paten der Los Angeles' Porno-Szene, zufällig entdeckt wird. Und weil der junge Mann nicht nur an entscheidender Stelle über ein Gliedmaß von 33 Zentimeter verfügt, sondern zudem eine wahnsinnige Standhaftigkeit an den Tag legt, wird er unter dem Künstlernamen Dirk Diggler schnell zum Star.

Doch noch schneller entwickelt er verkokste Starallüren, an denen er fast zerbricht, aber nur fast, schließlich ist dies ja eine Hollywood-Produktion und im sonnigen Kalifornien gönnt man sich und dem Publikum eben gern ein herzergreifendes Happy-End. Was den Film aber dann doch auszeichnet, ist die Art wie der junge Regisseur die Schicksale der verschiedensten Charaktere geschickt verknüpft, wie er mit großer Sympathie von ihrem Leid, ihren Ängsten und Hoffnungen erzählt und wie es ihm dabei gelingt ein zwar idealisiertes, aber stets sehenswertes Sittenpanorama der damaligen Zeit zu entwerfen. Erstaunlich ist auch, mit welcher handwerklichen Perfektion Paul Thomas Anderson ans Werk geht, wie er große Kollegen zitiert oder kopiert und gleichwohl eine eigene Handschrift entwickelt. Zuweilen erinnert "Boogie Nights" beispielsweise an Robert Altmans "Nashville", dann an Quentin Tarantions Kunstfertigkeit, Gewalt und Humor miteinander zu kombinieren, und in den zahlreichen Nachtklub-Szenen fehlt eigentlich nur noch der Robert de Niro aus "Good Fellas".

Kurzum: ein schöner und wie das Leben ach so verlogener Film.

© 1999 Ernst Corinth © 1994 - 2010 Dirk Jasper