Ernst Corinth über Lola rennt

Wenn das wirklich die Zukunft des deutschen Films ist, dann kann man auch gleich MTV gucken. Denn was Regisseur Tom Tykwer nach seinem eher etwas zähen Liebesdrama "Winterschläfer" jetzt mit "Lola rennt" präsentiert, ist ein auf knapp 80 Minuten ausgedehnter knallbunter Videoclip, mit allem was dazugehört: einer rasanten, fast atemlosen Musik, mit Animations- und Comic-Passagen und zwei Hauptfiguren, die in ihrer vorgeführten Unschuld selbst einem Comic entsprungen zu sein scheinen.

Allen voran natürlich Lola (Franka Potente), äußerlich ein echtes Girlie, mit knallroten Haaren, das "Bravo"-like durchgestylt in einer engen Hose und einem Feinripphemdchen samt hervorlugenden weißen BH-Trägern steckt und so viel Power besitzt, dass ihr Freund Manni (Moritz Bleibtreu), ein herzensguter Kleinkrimineller, glaubt, dass seine Lola wirklich alles kann.

Beispielsweise 100 000 Mark in nur 20 Minuten auftreiben. Denn genau diese Summe schuldet Manni einem Gangster, und mit dem, schließlich wird er von Heino Ferch gespielt, ist nicht zu spaßen.

Während Manni nun verzweifelt vor einem Berliner Supermarkt auf sein schickes Girlie wartet und schon mal überlegt, wieviel Geld wohl in den Kassen der Firma "Bolle" ist, rennt Lola los, rennt um ihr und vor allem Mannis Leben, rennt, und rennt, und rennt. Und das gleich dreimal. Denn das große Hecheln um die Kohle hat Tykwer in drei etwa 25 Minuten langen Varianten inszeniert, wobei der Ausgangspunkt stets der gleiche ist, danach aber verschiedene Möglichkeiten und Lösungen der Geschichte durchgespielt werden.

Alles ist eben möglich, das ganze Leben beruht halt auf Zufall und Schicksal oder ist wie bei einem Computerspiel - im Rahmen der Vorgaben des Programmierers - interaktiv. Und damit der Zuschauer diese überraschende Botschaft auch kapiert, wird selbst die Zukunft der Leute, die Lola bei ihrem Berlin-Marathon zufällig begegnet, auch gleich in mehreren Varianten und in hyperschnellen Zeitrafferaufnahmen vorgeführt.

Dies alles und noch 'ne Menge mehr hat Tykwer äußerst perfekt inszeniert, er greift gekonnt in die Trickkiste des modernen Kinos, kombiniert Video- und "normales" Filmmaterial, führt mit der Kamera wahre Veitstänze auf und erzielt durch kurze Schnitte ein extrem hohes Tempo, dass man anfangs von den Bildern erschlagen wird, dann jedoch bald den Verdacht hat, dass der Regisseur einfach mal ausprobieren wollte, was in ihm steckt und was filmtechnisch heutzutage alles möglich ist.

Denn diesem formal überzeugenden Experiment fehlt inhaltlich einfach Substanz, und den Hauptfiguren fehlt Charakter. Nach 80 Minuten ist man dann auch ganz froh, dass nicht noch eine Variante durchgehechelt wird.

Dirk Jasper FilmLexikon
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