Ernst Corinth über Akte X

Wie produziert man eine erfolgreiche TV-Serie? Nun, ganz einfach: "Man nehme eine Prise Übernatürliches und paranormale Phänomene, würze es reichlich mit den Ängsten der Zuschauer, und man hat das, was augenscheinlich das Fernsehrezept der 90er ist." Mit diesen Worten umschrieb US-Kritiker John O'Connor die aktuelle TV-Entwicklung in seinem Land.

Und offenbar hat jedes Jahrzehnt seine typische Thriller- oder Krimiserie. In den Sechzigern war Richard Kimble 126 Folgen lang auf der Flucht. In den siebziger Jahren zählten die flapsig-lockeren Sprüche aus "Die Zwei" zum Allgemeingut der TV-Gemeinde. Die Achtziger beherrschte "Miami Vice" mit seinem poppigen Soundtrack, und jetzt ist "Akte X" dabei weltweit zur Serie des Jahrzehnts zu werden.

Auch der Sender Pro 7, der den Mehrteiler seit 1994 ausstrahlt und der im kommenden Herbst eine neue Staffel mit 20 Folgen starten wird, ist mehr als zufrieden. Wöchentlich (jeweils montags, um 20.15 Uhr) verfolgen bis zu rund vier Millionen Zuschauer wie das Agenten-Duo Scully (Gillian Anderson) und Mulder (David Duchovny) Jagd auf Außerirdische oder übernatürliche Phänomene machen. Hoch sei, heißt es dazu bei Pro 7, vor allem die Akzeptanz beim jungen Publikum: "Bis zu 21,6 Prozent der 14- bis 49jährigen schalten ein. Überraschend: 'Akte X' kommt bei Männern und Frauen gleichermaßen gut an."

Was der Autor und Produzent Chris Carter 1993 mit "Akte X" entwickelt und anfangs gegen die Skepsis der TV-Verantwortlichen durchgeboxt hat, trifft also offensichtlich den Geist der Zeit, während Scully und Mulder das Lebensgefühl eines großen Teils wohl nicht nur der jüngeren TV-Generation repräsentieren. Schließlich bestimmen Unsicherheit, Zweifel und Mißtrauen nicht nur die Atmosphäre dieser Serie, sondern sie sind eben auch Emotionen, die heute viele Menschen kennen, genauso wie Mulders Lebensmotto: "Traue niemandem".

Dabei spielt die Serie äußerst geschickt mit den besonders in den USA populären Verschwörungstheorien. Bei ihren Ermittlungen werden Scully und Mulder, die einer FBI-Sondereinheit angehören, gern und oft von dunklen Regierungsmächten behindert, die natürlich irgendetwas zu verbergen haben oder ganz einfach die Wahrheit unterdrücken wollen. Auch die Rollenverteilung zwischen den beiden ist gut gewählt: Sie bleibt als Wissenschaftlerin stets skeptisch, während er wegen eines kindlichen Traumas fest an paranormale Dinge glaubt. Anlaß genug für humorvolle und eingespielte Sticheleien zwischen den zwei Hauptfiguren. Dennoch bleibt ihre Beziehung rein platonisch und freundschaftlich und gleitet nie ins romantisch Verliebte ab.

Das würde ja auch nur ablenken, denn der Zuschauer hat schon genug damit zu tun, die stets komplizierten Fälle inhaltlich zu verfolgen. Obwohl das Team um Chris Carter gern mit dem Mittel der Pseudo-Dokumentation arbeitet: So werden in den Folgen oft mit Schreibmaschinenbuchstaben Zeit und Ort eingeblendet, wenn der Schauplatz wechselt. Und einen zusätzlichen Anstrich von Authentizität erhält die Serie durch die dunklen blassen Farben und die Art und Weise wie die Kamera die Monster und Mordopfer direkt aufnimmt. Nachdem "Akte X" nun schon seit Jahren erfolgreich läuft, ihre Mitwirkenden längst Kultstatus genießen und demnächst sogar als Spielzeugpuppen auf den Markt kommen, war es nur eine Frage der Zeit, dass auch der Kinofilm zur Serie gedreht wird. Unter der Regie des "Akte X"-erprobten Rob Bowman und natürlich nach einem Drehbuch von Chris Carter entstand so "Fight the Future".

In den USA spielte die 60 Millionen Dollar teure Produktion, die bei uns am 6. August in den Kinos anläuft, am ersten Wochenende ansehnliche 32 Millionen Dollar ein. Die Kritik ist zudem vorwiegend positiv. So schrieb der bekannte US-Filmkritiker Roger Ebert in der "Chicago Sun-Times": "Ich mag wie der Film ausschaut, und die ungezwungene Präsenz von Mulder und Scully, und die Art wie die Geschichte erzählt wird: und zwar nicht durch langweilige Action-Szenen, sondern durch verbale Rätsel und visuelle Enthüllungen." Aber, fügte Ebert hinzu, viel von der Story habe er leider nicht verstanden.

Dabei ist alles ganz einfach, glaubt man zumindest Mulder alias David Duchovny: "Akte X ist eine dümmliche Science-fiction-Serie, in der zwei FBI-Beamte Außerirdische verfolgen - klingt ziemlich übel, nicht wahr? Also ich würde mir das nicht ansehen ..."

© 1999 Ernst Corinth © 1994 - 2010 Dirk Jasper