Peter Halm über Die Truman Show

Szenenbild INHALT: Der 10.909. Tag einer gigantischen, weltweit 24 Stunden am Tag ausgestrahlten Fernseh-Show bricht an. Erfunden hat und seit mittlerweile 30 Jahre betreut wird "Die Truman Show" von Regisseur Christof (Ed Harris). Im Mittelpunkt der Show steht das Leben von Truman Burbank (Jim Carrey). Er hat eine stets strahlende Frau (Laura Linney), einen netten Versicherungsjob, einen guten Freund (Noah Emmerich) und auch sonst lauter freundliche Menschen um sich. Doch was diese Show von allen anderen unterscheidet: Dessen Hauptdarsteller weiß gar nicht, dass er in einer inszenierten Welt lebt. Seit Trumans Geburt wird er in einem riesigen Studio von 5000 Kameras verfolgt. Für ihn sind alle Schauspieler "wahre" Menschen. Der frühe Tod seines Vaters ist für ihn ebenso Realität gewesen wie seine große Liebe Lauren (Natascha McElhone), die unter merkwürdigen Umständen für immer verschwand. Als eines Tages aus im Wortsinne "heiterem Himmel" ein Scheinwerfer vor Trumans Füße fällt, beginnt dieser langsam an seinem bisherigen Dasein zu zweifeln ...

KRITIK: Zunächst einmal muß an dieser Stelle Abbitte geleistet werden. Wie schnell ist man auch und gerade als (Film-)Kritiker dabei, einen Darsteller oder Regisseur in eine bestimmte Schublade zu stecken, um ihn dann fortan nicht wieder rauszuholen. Jim Carrey beispielsweise ist ein Blödelbarde, der sich brachial durch Filme wie "Ace Ventura" oder "Dumm & Dümmer" albert und mit seinem Versuch, in "Cable Guy-Die Nervensäge" halbwegs ernsthaft zu werden, grandios scheitert. Weg mit ihm in die Schublade "Komiker mit Gummigesicht" ...

Stimmt nicht! Ich jedenfalls öffne diese Schublade wieder in der Hoffnung, dass er sein Potential ähnlich vielseitig auszufüllen vermag wie Robin Williams, der ebenfalls durch Regisseur Peter Weir in "Der Club der toten Dichter" den Weg zu seriösen Rollen fand, ohne seine Komik ganz aufgegeben zu haben. Was Carrey in "Die Truman Show" abliefert, ist auf alle Fälle die große Schauspiel-Überraschung des Filmjahres 1998, und es würde mich nicht wundern, wenn er nächstes Jahr bei der Oscar-Verleihung unter den Fünfen sein wird, die um den Darsteller-Oscar fiebern dürfen.

Es konnte vielleicht sogar keinen Besseren geben für die Rolle des Truman Burbank als Jim Carrey. Er, der sich sein Leben lang wünschte, im Rampenlicht der Öffentlichkeit zu stehen und nun ein großes Problem damit hat, dass dieselbe Öffentlichkeit ihn immer und überall vereinnahmen will, konnte sich wohl sehr gut in die Figur des liebenswerten Tölpels hineinversetzen, die sich eines Tages klar wird, nur ein Objekt für Millionen von Menschen zu sein. Insofern hat die emotionale Kraft dieses Films ganz stark auch mit dessen Hauptdarsteller zu tun.

Darüberhinaus ist dem Australier Peter Weir ("Der einzige Zeuge") aber auch ein brilliantes Stück Medien-Satire gelungen, mehr noch aber ein Paradebeispiel für den unabänderlichen Freiheits- und Forscherdrang des Menschen an sich. Philosophische Fragen nach dem "Woher" und "Wohin" der menschlichen Existenz werden wie nebenbei behandelt, ohne den Zuschauer aber zu sehr intellektuell zu erdrücken. Denn im Vordergrund bleibt die griffigere Medien-Schelte, die Weir und Drehbuchautor Andrew Niccol (der schon das sehr gute Buch zu "Gattaca" schrieb) auf drei Ebenen abhandeln.

Zunächst sehen wir mit den Augen von Truman seine scheinbar reale perfekte Welt. Im zweiten Schritt beobachten wir zusätzlich die Zuschauer, die sich Trumans perfekt inszenierte Welt anschauen. Während der Fernsehzuschauer im Film nichtsahnend Stunde für Stunde Trumans Leben verfolgt, vollzieht sich die letzte und entscheidende Stufe für Truman und den Kinozuschauer, als sie mit wachsendem Zweifel beobachten, wie sich Riß für Riß (herabfallende Scheinwerfer, defekte Autoradios, verfrühte Regengüsse) hinter der bekannten Welt die eigentliche Schaltzentrale präsentiert, in der der Regisseur gottgleich als "Mann im Mond" über Truman und seine Umwelt gebietet.

Indem sich in der Wiedersehensszene zwischen Truman und seinem tot geglaubten Vater offenbart, mit welchen inszenatorischen Mitteln Emotionen geweckt werden (Blitze werden gestreut und eine herzergreifende Musik gespielt), zeigt uns Peter Weir, wie das heutzutage so läuft im Fernsehgeschäft. Doch geht es dem Regisseur eigentlich nur um eine Kritik am Fernsehen, der bösen, kleinen Schwester des Kinos? Oder geht es ihm um eine generelle und damit auch reflektierende Kritik an allen visuellen Medien? Am Ende nämlich, als Truman am Horizont seiner bisherigen Welt ankommt und den mutigen Schritt durch die Tür in die dunkle Realität wagt, werden genau dieselben Mittel (herzergreifende Musik) eingesetzt, diesmal aber als film-immanente Dramaturgie ohne Hintergrund.

Nur als Fernseh-Kritik würde "Die Truman Show" somit aber zu kurz greifen und sich wie die Katze am eigenen Schwanz beißen. Denn das Kino ist nicht weit entfernt vom Fernsehen, und wo die illusorische Kraft des Fernsehens endet, ist auch das Ende des Kinos nicht mehr weit.

Fazit: Ein grandioser Jim Carrey in einem der stärksten Studiofilme Hollywoods seit langem, der als Parabel über den menschlichen Freiheitswillen perfekt, als Medien-Satire allerdings nur bedingt funktioniert.

MEINE WERTUNG: 9 von 10 möglichen Punkten

© Peter Halm © 1994 - 2009 Dirk Jasper