Ernst Corinth über Der Eisbär

Es gibt Filme, bei denen man froh ist, wenn das Licht im Kinosaal endlich wieder angeht. Und es gibt Filme, denen würde man gern noch eine halbe Stunde länger zusehen. Zu letzteren gehört Til Schweigers "Der Eisbär" - eine durchweg witzige Krimikomödie, die besonders eins besitzt: viel Atmosphäre. Und die trotz einiger unnötiger Gewaltszenen im Stile Quentin Tarantinos 90 Minuten lang richtig Spaß macht und am Schluß sogar ein wenig traurig stimmt.

Erzählt wird dabei die Geschichte eines ungewöhnlichen Quartetts: Nico (Karina Krawczyk) hat eine Bombe im Kofferraum und soll den Wagen einem geheimnisvollen Gangsterboß übergeben. Leo (Til Schweiger), der Profikiller "Eisbär", tötet etwas voreilig einen Kneipier und muß nun selbst um sein Leben bangen. Und Fabian (Benno Fürmann) und Reza (Florian Lukas) sind völlig pleite, haben dennoch große Pläne und klauen ausgerechnet Nicos bombiges Auto. Was böse Konsequenzen hat.

Doch bevor es im Finale heftig knallt, und keiner mehr so genau weiß, wen er eigentlich erschießen soll, hat Schweiger bei seinem Regiedebüt eine wunderschöne stimmige Nachtrallye um "Paul's Eck" inszeniert. In dieser von prachtvollen Spießgesellen besuchten Kneipe treffen erst Nico und Leo aufeinander, hocken dann stundenlang Tequila trinkend an der Theke. Und irgendwann verlieben sie sich natürlich unsterblich ineinander, während um sie und um Paul's Eck herum das Geschehen höllisch eskaliert.

Allein schon die Kneipenszenen sind einen Besuch in diesem Film wert. Genau wie die schrägen Dialoge, die der britische Drehbuchautor und Co-Regisseur Granz Henman beigesteuert hat. Sehenswert ist aber vor allem wie es Schweiger als Regisseur (und Hauptdarsteller) gelingt, all die vermeintlich ach so coolen Szenen ironisch zu unterlaufen oder absurd komisch zu konterkarieren:

Da wird beispielsweise Leo, der Profikiller, bei der Ausführung eines "Jobs" ständig von seinem klingelnden Handy unterbrochen. Mal ist die Mutter dran und dann eine unbekannte Frau, die ihn mit der Erkenntnis mächtig ins Grübeln bringt, dass aus weiblicher Sicht nicht die Länge, sondern der Umfang eines Penis in Wirklichkeit ausschlaggebend sei.

Zwar erreicht "Der Eisbär" alles in allem nicht ganz das filmische Niveau des ähnlich gestrickten "Knockin' On Heaven's Door", aber im Vergleich zu der sonst üblichen Kinokost - nicht nur aus Deutschen Landen - glänzt diese Komödie schon fast wie ein kleiner Juwel.

Dirk Jasper FilmLexikon
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