Ernst Corinth über Blade

Wenn Hollywoods Produzenten rein gar nichts mehr einzufallen droht, dann greifen sie schnell zu einem Comic-Heftchen und lassen sich von Geschichten über einsame Superhelden, die Superschurken jagen, inspirieren. Genau solch ein Fall ist Stephen Norringtons Horrorfilm "Blade", in dem rekordverdächtig gemetzelt und gemeuchelt und das Blut sogar aus einer Sprinkleranlage einer Disko über die darüber entzückten Tänzer ausgegossen wird. Denn die, die da finster zu Technoklängen sich die Gelenke verrenken, sind Vampire. Aber keine klassischen Blutsauger, sondern moderne junge Großstadtbewohner, die gern sexuell mal die Sau durchs Dorf jagen, das Leben in vollen Zügen genießen und mit modernster Computertechnologie ihre Geschäfte machen. Und so wäre eigentlich alles in Butter, wenn da nicht erstens ein Obervampir namens Frost (Stephen Dorff) die Weltherrschaft anstreben und zweitens ein herzensguter Superheld namens Blade (Wesley Snipes) genau das verhindern möchte. Letzterer hat dafür übrigens familiäre Gründe, die aber genauso krude sind wie die ganze Geschichte.

Zwei Stunden lang präsentiert der Regisseur dann in einer prächtigen surrealen Schöner-Wohnen-Kulisse einen aberwitzigen Kampf zwischen Gut und Böse. Und da er dies alles filmtechnisch auf höchstem Niveau - trotz einiger Bilder weit jenseits der Ekelgrenze - inszeniert hat, werden zumindest die Comic-Freunde an diesem Spektakel ihre Freude haben. Es sei denn, sie schauen und hören ganz genau hin. Was in diesem Film nämlich an den Pranger gestellt und von einem zudem äußerst puritanisch gezeichneten Helden mit eisernem Besen, mit Schwert und MP, "ausgemerzt" wird, ist in Wirklichkeit die sexuelle Lust, die Freizügigkeit und das vermeintlich ach so unmoralische Großstadtleben. – So paßt "Blade" tatsächlich erschreckend gut ins paranoide Weltbild rechtsreligiöser Kreise und ihren faschistoiden Reinheitsgeboten. Und das hinterläßt dann doch mehr als ein flaues Gefühl in der Magengegend.

© 1999 Ernst Corinth © 1994 - 2010 Dirk Jasper