Peter Halm über Das Leben ist schön

Szenenbild INHALT: Die sonnendurchflutete Toskana im Jahre 1939: Guido (Roberto Benigni) zieht mit seinem Freund Ferruccio (Sergio Bustric) in die Stadt, um sein Glück zu machen. Guido träumt von einer eigenen Buchhandlung und von der schönen Lehrerin Dora (Nicoletta Braschi). Tatsächlich gelingt es ihm, sie im letzten Moment aus den Händen eines regimetreuen Präfekten zu entführen, der sie ehelichen will.

Vier Jahre später scheint Guidos Traum erfüllt zu sein: Er hat mit Dora einen kleinen Sohn und besitzt eine Buchhandlung. Doch dann bricht sich das Grauen des Faschismus und Antisemitismus seinen brutalen Weg. Guido wird mit seinem Sohn abgeholt, in einen Viehwaggon verfrachtet und in ein deutsches Konzentrationslager abtransportiert. Dora schließt sich dem Zug zwar an, wird aber bei Ankunft im Lager sofort von ihren Lieben getrennt. Um seinem Sohn den Horror des KZ-Lebens zu verbergen, erklärt Guido in seiner Verzweiflung das Lagerleben zu einem gigantischen Spiel, bei dem es Punkte zu erzielen gilt, um am Ende einen Panzer gewinnen zu können. Mit grenzenloser Phantasie läßt sich Guido Gründe einfallen, warum immer mehr Erwachsene und Kinder verschwinden, es keine ausreichende Ernährung gibt oder die deutschen KZ-Wächter ständig brüllen. Selbst als der Sohn erzählt, dass ihm gesagt wurde, man verbrenne Menschen im Ofen und mache Knöpfe und Seife aus ihnen, tut Guido das als lächerliches Täuschungsmanöver ab, das zum Spiel gehöre und mit dem die Anderen nur Punkte holen wollen. Während Guido mit unerschöpflichem Erklärungsreichtum seinen Sohn beruhigt, treibt ihn seine steigende Angst dazu, zumindest das Überleben seines Sohnes und seiner Frau zu sichern ...

KRITIK: Zu einer Zeit, in der Deutschland des 60. Jahrestages der grauenvollen Judenpogrome gedenkt, kommt ein Film in unsere Kinos, der sich dem Unvorstellbaren und Unerklärlichen des Holocausts auf humoristische Weise nähert. Und während sich vom Bundespräsidenten Herzog bis zum Schriftsteller Walser die elitären Zirkel dieses Landes fragen, wie zwischem den Extremen Vergessen und Abstumpfen mit der Erinnerung umgegangen und es der Jugend nähergebracht werden soll, wundert sich der Verfasser dieser Zeilen, warum man statt der stets gleichen Phrasen nicht einfach diesen grandiosen Film gezeigt hat.

Vorsicht!, wird es nun sicherlich allenthalben tönen. Mit dem Nazi-Reich treibt man keine Späße, und mit dem Holocaust schon gleich gar nicht! Natürlich ist gerade in unserem Land aus Respekt vor den Opfern schamvolles Schweigen von Nöten. Doch gleichzeitig und perverserweise werden durch Schweigen auch Täter geschützt, wo eine schreiende Anklage angebracht wäre. Die zwölf dunklen Jahre dieses Jahrhunderts wurden nicht von Dämonen bestimmt, sondern von Menschen, die sich zum Teil vom harmlosen Nachbarn zu mordlüsternen Bestien entwickelt haben. Dies gilt es zu benennen, direkt oder auch auf hintergründigem Umwege des Witzes. Denn der Witz ist eine von mehreren Möglichkeiten, mit der Realität umzugehen. Man muß sich nur stets der engen Grenzen bewußt sein, die eine solche Darstellungsform besitzt.

Roberto Benigni war sich dieser Grenzen bewußt. Ebenso wie ihm bewußt war, dass es kein Bild gibt, mit dem man die schrecklichen Vorkommnisse in einem Konzentrationslager beschreiben könnte. Und so beschränkt er sich in seinem humorvollen und doch so bedrückenden Märchen darauf, gewisse Momente anzudeuten oder zu zitieren. Der Zuschauer bekommt dadurch nur noch eindringlicher vor Augen geführt, dass alles noch schlimmer, viel schlimmer gewesen sein muß.

So märchenhaft schön die erste Hälfte des Films ist, in der uns der typisch tölpelhaft verträumte Benigni wie in seinen früheren Werken daherkommt, so subversiv entlarvend entwickelt sich die zweite Hälfte, die den Zuschauer herzhaft lachen läßt, bevor ihm im nächsten Moment dasselbe Lachen im Halse stecken bleibt. Denn das Geschehen mag noch so irreal anmuten...der Zuschauer weiß es besser.

In einer Mischung aus naivem Humanismus eines Charlie Chaplins und dem schwarzen Humor der Marx Brothers zeigt Benigni seine wohl beste Leistung überhaupt. Und doch hält er auch gleichzeitig sich selbst und seinen früheren Figuren den Spiegel vor: Man darf durchaus ein Träumer sein, aber nicht verträumt durchs Leben laufen.

Wie Märchen so sind, sind die Bösen natürlich ebenso klar definiert wie die Guten. Und doch macht Benigni nicht den Fehler, die Nazis (und speziell die von Horst Buchholz dargestellte Figur des KZ-Arztes) als karikierte Idioten darzustellen. Im Gegenteil, ebensowenig wie das Böse verharmlost wird, wird das Gute kitschig dargestellt. Ohne falsche Sentimentalität endet das Märchen, wie Märchen nun mal enden. Die Liebe, auch wenn sie Opfer erfordert, siegt über den Haß, und eine hoffnungsvolle Mahnung bleibt ...

dass Benigni sich für sein Märchen gerade das grauenvollste Ereignis ausgewählt hat, das sich Menschen gegenseitig antun konnten, war sehr wagemutig und hätte auch leicht umkippen können. Doch er gewinnt auf ganzer Linie und hinterläßt der Filmwelt ein meisterhaftes Beispiel für den Umgang mit einem hochsensiblen Thema.

Fazit: Meisterhaft poetisches KZ-Märchen, das in seiner naiven Genialität beeindruckt und erschüttert zugleich.

MEINE WERTUNG: 10 von 10 möglichen Punkten

Dirk Jasper FilmLexikon
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