Peter Halm über Ronin

Szenenbild INHALT: Ein Quintett ehemaliger Spione unterschiedlichster Länder trifft in Paris ein, um einen mysteriösen Auftrag anzunehmen. Der amerikanische Ex-CIA-Mann Sam (Robert De Niro), das französische Organisationstalent Vincent (Jean Reno), der deutsche Überwachungs-Profi Gregor (Stellan Skarsgard), der britische Militärberater Spence (Sean Bean) und der Könner am Lenkrad schlechthin, Larry (Skipp Sudduth), sollen einen Koffer in ihren Besitz bekommen, deren Inhalt ihnen unbekannt ist, hinter dem aber russische, irische und sonstige Geheimorganisationen her sind. Auftraggeberin ist die geheimnisvolle Irin Deirdre (Natascha McElhone). Da keiner keinen so richtig einschätzen kann und es um eine Menge Geld als "Belohnung" geht, beäugen sich alle die ganze Operation lang mit Mißtrauen. Bis der Koffer in die richtigen Händen gelangt, ändern sich die Bündnisse unter den ehemaligen Agenten mehrmals ...

KRITIK: Ronin - Das sind nach einer japanischen Legende Samurai, die beim Beschützen ihrer Herren versagt haben und fortan als Ausgestoßene ihrer Kasten ein Leben als Gesetzlose führen. Ähnlich verhält es sich heutzutage mit den ehemaligen Spionen der Geheimdienste, die seit dem Ende des Kalten Krieges ihrer Legitimation beraubt sind. Wenn es nicht mehr Ehre und Schutz des Vaterlandes geht, bleibt als einziges Motiv nurmehr Geld, für das die Ex-Agenten ihre Arbeit verrichten und dabei auch mit Kollegen zusammenarbeiten, die vor wenigen Jahren noch zum Erzfeind gehörten.

Regisseur John Frankenheimer hat vor diesem Hintergrund einen raffinierten Action-Thriller inszeniert, der zwar altmodisch wirkt, ohne aber altbacken zu sein. Ohne Zuhilfenahme von digitalem Schnickschnack zieht Frankenheimer alle Register seines Könnens. Die Autoverfolgungsjagden in Paris und Nizza, die nächtliche Schießerei an der Seine oder der Showdown während einer Eisrevue (bei der "Schauspielerin" Katarina Witt das macht, was sie am besten kann - Eislaufen) gehören zum Besten, was das Filmjahr '98 in Sachen Action zu bieten hat.

Nicht unerheblich zur Spannung trägt auch der Griff zum klassischen Mittel des McGuffin à la Hitchcock bei. Denn der Inhalt des Koffers, um den es sich den ganzen Film lang dreht, bleibt unbekannt. Ebensowenig wird der Hintergrund aller Beteiligten erklärt, was einerseits nicht gerade eine tiefe Charakterzeichnung erlaubt. Andererseits ist aber nicht so sehr die einzelne Figur interessant, sondern vielmehr erst die Konstellation der Protagonisten und die wechselnden Fronten untereinander. Dafür sorgt nicht zuletzt auch die erlesene Darstellerriege, in der alleine schon der zweifache Oscar-Preisträger Robert De Niro (zuletzt in "Jackie Brown") und Jean Reno ("Léon - Der Profi") für eine Manpower sorgen, die die Leinwand zu sprengen droht.

Der Look des Films ist zuweilen an die Kalte-Kriegs-Thriller der Siebziger Jahre angelehnt (schon die Eröffnungssequenz in einer kleinen verrauchten Bar am Montmartre läßt Erinnerungen an Frankenheimers Krimisequel "French Connection 2" aufkommen). Dennoch ist der Thriller allein aufgrund der modernen Autoflotte und des martialischen Waffenarsenals im Hier und Heute angesiedelt. Diese Mischung aus klassischen Thriller-Zutaten und zeitgenössischem High-Tech-Kino, verbunden mit der Phalanx an Spitzenschauspielern, macht den besonderen Reiz von "Ronin" aus.

Fazit: Der 68jährige John Frankenheimer zeigt nach jahrelanger Kino-Abstinenz, dass er nichts verlernt hat vom Action-/Thriller-Genre mit politischem Hintergrund. "Ronin" ist genau das, was "Mission: Impossible" sein wollte: spannend, raffiniert, geheimnisvoll. Der beste Action-Thriller 1998!

MEINE WERTUNG: 9 von 10 möglichen Punkten

© 1998 Peter Halm © 1994 - 2010 Dirk Jasper