Peter Halm über Der Prinz von Ägypten

Szenenbild INHALT: Um ihren kleinen Sohn vor den Häschern des Pharaos zu retten, setzt eine verzweifelte Mutter ihn in einem Korb auf dem Nil aus. Gefunden wird er von der Frau des Pharaos, die ihn Moses nennt und gleichberechtigt neben ihrem Sohn Ramses aufzieht. Jahre später sind aus den "Brüdern" zwei attraktive Burschen geworden, die in freundschaftlicher Rivalität um die Gunst des Pharaos buhlen. Während Ramses die Nachfolge seines Vaters antreten soll, entdeckt der arglose Moses eines Tages, dass er gar nicht zur Herrscherfamilie gehört, sondern zum geschundenen Volk der Israeliten. Schweren Herzens kehrt er seiner vermeintlichen Familie den Rücken, um fortan unter den Seinen zu leben. Doch Moses' Schicksal ist es, dass Volk Israel von den Ägyptern zu befreien. Als er den "göttlichen" Auftrag dazu erhält, wird er zum Gegner seines mittlerweile zum Pharao aufgestiegenen Bruders Ramses ...

KRITIK: Kaum ein Film wurde mit so großer Spannung erwartet wie das erste traditionelle Zeichentrick-Projekt aus dem Hause Dreamworks. Jeffrey Katzenberg, der kurz vor seinem fürstlich entlohnten Weggang von Disney noch für das Meisterwerk "Der König der Löwen" verantwortlich gewesen war, ist nun im Triumvirat Spielberg/Katzenberg/Geffen für die Trickfilme zuständig und soll das Monopol Disneys auf diesem Gebiet endgültig zu den Akten legen. "Antz" war der erste computeranimierte Film, der Disney das Fürchten lehren sollte und auch für das beste Einspielergebnis eines Nicht-Disney-Trickfilms in den USA sorgte. Mittlerweile hat Disney aber den Angriff locker abgewehrt mit dem thematisch gleichen computeranimierten Trickfilm "Das große Krabbeln" (D-Start: 11. Februar 1999).

Nun also die traditionelle Animation "Der Prinz von Ägypten", die weltweit gleichzeitig startet und zumindest in Deutschland damit in direkte Konkurrenz zu Disneys "Mulan" tritt. Es sollte eine große, epische Geschichte werden, die Maßstäbe setzt. Um das Was gab es dabei gar keine Geheimnisse, denn die Bibel kennt buchstäblich die ganze Welt. Vielmehr das Wie stand im Mittelpunkt der Überlegungen. Und da Spielberg fast schon als Synonym für "political correctness" gilt, sollte es auf alle Fälle ein erhabenes Produkt werden, das fast mehr die Erwachsenen anspricht als die Kinder. Schon zu Beginn des Films wird sogleich darauf hingewiesen, dass eventuelle Veränderungen an der biblischen Geschichte aus dramaturgischen Gründen und im Respekt vor allen Gläubigen erfolgt sind. Merchandise-Produkte gibt es konsequenterweise natürlich auch nicht, oder kann sich jemand Moses als Action-Figur in einer Junior-Tüte eines Schnellrestaurants vorstellen...? Dafür darf man im Plattenladen seines Vertrauens gleich drei Soundtrack-Varianten kaufen, wobei vor allem das erste Duett der sich bislang spinnefeind anzickenden Diven Whitney Houston und Mariah Carey im Zentrum der Marketingkampagne steht.

Wobei wir bei dem Element sind, das schon zum Besten gehört, das "Der Prinz von Ägypten" zu bieten hat. Die Musik - Hans Zimmer und seinen Bombast-Kompositionen sei dank - dürfte auf alle Fälle in den Musik-Sparten der nächstjährigen Oscar-Vergabe an "Mulan" vorbeiziehen. Zumindest hier hat Dreamworks diesmal die Nase vorn vor Disney. Die zwischen elegisch ägyptisch und episch pompös angesiedelten Songs sorgen für den akustischen Gänsehaut-Effekt. Vor dem geistigen Auge sieht man während dieser Klänge manches Mal eine Musical-Revue aufziehen, das sicherlich bald dem Film folgen dürfte ...

Auch visuell reicht das Reservoir beim "Prinz von Ägypten" locker für zwei Filme. Technisch brilliant (und mit digitaler Hilfe, ohne die heutzutage keine Folienanimation mehr auskommen kann), mit phänomenalen Bildern und in einer epischen Breite, die David Lean alle Ehre machen würde, verfolgt der Zuschauer fasziniert den Bau der Pyramiden, den Sandsturm, den brennenden Busch und die sieben Plagen. Grandios auch die Alptraum-Sequenz, in der Moses seine Herkunft erfährt mittels der Wandmalereien, die lebendig werden. Unzweifelhafter Höhepunkt ist aber am Ende die Teilung des Roten Meeres, die in die (Trick-)Filmgeschichte eingehen dürfte.

Doch so sehr man sich auch von den optischen und akustischen Raffinessen überwältigen läßt, so distanziert und emotionslos bleibt man gegenüber den Figuren. Hier liegt das große Manko vom "Prinz von Ägypten". dass gerade Katzenberg, der stets Emotionen über Technologie stellte, diesmal vor der Wucht der Bilder und Töne kapituliert, ist schon verblüffend. Menschliche Wärme strahlt dieser Film wenig aus. Selbst der Tod von Ramses Sohn läßt einen ziemlich unberührt. So majestätisch und ambitioniert die Thematik auch sein mag, so flach und eindimensional sind die Charaktere. Das fällt umso deutlicher auf, da es hier - anders als bei Disney - keine lustigen Sidekicks gibt, die so manches Mal den Film trotz schwacher Hauptfiguren retten (z. B. bei "Aladdin").

Daher kann "Der Prinz von Ägypten" auch keinesfalls als Kinderfilm durchgehen. Vielmehr braucht es für die Kleinen einiges an Wissen im Vorfeld, damit sie beim Kinobesuch nicht schon nach einer halben Stunde aus mangelndem Interesse unruhig im Kinosessel hin- und herrutschen. Andererseits ist die große Frage, ob eine zeichentricktechnische Aufbereitung des Alten Testaments überhaupt ein so großes erwachsenes Publikum findet, um erfolgreich im Sinne eines Blockbusters à la "Mulan" werden zu können. Beispiele wie "Felidae" lassen eher das Gegenteil befürchten.

Fazit: Das Motto dieses Filmjahres - "Size does Matter" - gilt auch für "Der Prinz von Ägypten". Ebenso wie beim Echsen-Katastrophenfilm des Sommers steht tricktechnische Größe über einen überzeugenden Inhalt und glaubwürdige Charaktere. Das Ergebnis fällt zwar nicht so katastrophal aus, dennoch könnte sich dieser Film im luftleeren Raum zwischen zwei Zielgruppen wiederfinden. Für Kinder zu ambitioniert und unlustig, für Erwachsene zu kindisch und eben "nur" ein Zeichentrickfilm.

MEINE WERTUNG: 7 von 10 möglichen Punkten

© 1988 Peter Halm © 1998 Next Step Mediendienste GmbH